Vor­zei­ti­ger Heim­wech­sel – und der Ent­gelt­an­spruch gegen den Pfle­ge­heim­be­woh­ner

Es besteht kein Ent­gelt­an­spruch eines Pfle­ge­heim­be­trei­bers bei vor­zei­ti­gem Heim­wech­sel eines Leis­tun­gen der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung bezie­hen­den Bewoh­ners.

Vor­zei­ti­ger Heim­wech­sel – und der Ent­gelt­an­spruch gegen den Pfle­ge­heim­be­woh­ner

Der Bewoh­ner eines Pfle­ge­heims, der Leis­tun­gen der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung bezieht, muss also das ver­ein­bar­te Ent­gelt nicht mehr an das Heim zah­len, wenn er nach einer Eigen­kün­di­gung vor Ablauf der Kün­di­gungs­frist aus­zieht.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist der an Mul­ti­ple Skle­ro­se erkrank­te Heim­be­woh­ner auf die Unter­brin­gung in einem Pfle­ge­heim ange­wie­sen und bezieht Leis­tun­gen der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung. Er ver­langt von dem beklag­ten Pfle­ge­heim die Rück­zah­lung von Heim­kos­ten. Von Dezem­ber 2013 bis zum 14. Febru­ar 2015 war er in dem Pfle­ge­heim unter­ge­bracht. Nach dem Wohn- und Betreu­ungs­ver­trag konn­te der Bewoh­ner das Ver­trags­ver­hält­nis spä­tes­tens am drit­ten Werk­tag eines Kalen­der­mo­nats zum Ablauf des­sel­ben Monats schrift­lich kün­di­gen. Ende Janu­ar 2015 fand der Heim­be­woh­ner einen Pfle­ge­platz in einem ande­ren, auf die Pfle­ge von Mul­ti­ple-Skle­ro­se-Pati­en­ten spe­zia­li­sier­ten Heim. Dar­auf­hin kün­dig­te er mit Schrei­ben vom 28. Janu­ar 2015 den Wohn- und Betreu­ungs­ver­trag mit dem Heim­be­trei­ber zum 28. Febru­ar 2015. Da in dem ande­ren Pfle­ge­heim kurz­fris­tig schon frü­her ein Platz frei wur­de, zog er Heim­be­woh­ner bereits am 14. Febru­ar 2015 aus dem bis­he­ri­gen Heim aus und bezog am dar­auf fol­gen­den Tag den neu­en Pfle­ge­platz. Der Heim­be­trei­ber stell­te ihm – nach Abzug der Leis­tun­gen der Pfle­ge­kas­se für die ers­te Febru­ar­hälf­te 2015 – Heim­kos­ten für den gesam­ten Monat Febru­ar 2015 in Höhe von 1.493,03 € in Rech­nung, die der Heim­be­woh­ner zunächst voll­stän­dig bezahl­te. Da für die zwei­te Febru­ar­hälf­te 2015 infol­ge des Aus­zugs aus dem bis­he­ri­gen Pfle­ge­heim inso­weit kei­ne Sozi­al­leis­tun­gen mehr erbracht wur­den, ver­lang­te der Heim­be­woh­ner die Rück­erstat­tung der bezahl­ten 1.493,03 €, was der Heim­be­trei­ber jedoch ablehn­te.

Der Heim­be­woh­ner hat gel­tend gemacht, die Zah­lung des Hei­ment­gelts sei für die zwei­te Febru­ar­hälf­te 2015 ohne Rechts­grund erfolgt, da mit sei­nem Aus­zug am 14. Febru­ar 2015 sei­ne Zah­lungs­pflicht ent­spre­chend dem Grund­satz der tag­ge­nau­en Abrech­nung gemäß § 87a Abs. 1 Satz 2 SGB XI erlo­schen sei. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Öhrin­gen hat der auf Zah­lung von 1.493,03 € nebst Zin­sen und vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten gerich­te­ten Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Die Beru­fung des Heim­be­trei­bers hat vor dem Land­ge­richt Heil­bronn eben­falls kei­nen Erfolg gehabt 2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auch die Revi­si­on des Heim­be­trei­bers im Wesent­li­chen zurück­ge­wie­sen. Das Rechts­mit­tel hat nur Erfolg, soweit die Kla­ge­for­de­rung auf zwei Berech­nungs­feh­lern beruht (ins­ge­samt 362,63 €), im Übri­gen bestä­tig­te der Bun­des­ge­richts­hof die vor­in­stanz­li­chen Urtei­le:

Der Heim­be­trei­ber hat das für die zwei­te Febru­ar­hälf­te 2015 ver­ein­nahm­te Hei­ment­gelt gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB zurück­zu­er­stat­ten, da die Zah­lungs­pflicht des Heim­be­woh­ners mit dem Tag sei­nes Aus­zugs am 14. Febru­ar 2014 gemäß § 87a Abs. 1 Satz 2 SGB XI in Ver­bin­dung mit § 15 Abs. 1 WBVG ende­te.

§ 87a Abs. 1 Satz 1 SGB XI, dem das Prin­zip der tages­glei­chen Ver­gü­tung zugrun­de liegt, bestimmt, dass die im Begriff des Gesamt­hei­ment­gelts zusam­men­ge­fass­ten Zah­lungs­an­sprü­che der Ein­rich­tung für den Tag der Auf­nah­me des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in das Pfle­ge­heim sowie für jeden wei­te­ren Tag des Heim­auf­ent­halts tag­ge­nau berech­net wer­den. Danach besteht der Zah­lungs­an­spruch des Heim­trä­gers nur für die Tage, in denen sich der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge tat­säch­lich im Heim auf­hält (Berech­nungs­ta­ge). In Anwen­dung des Prin­zips der Berech­nung auf Tages­ba­sis ord­net § 87a Abs. 1 Satz 2 SGB XI an, dass die Zah­lungs­pflicht der Heim­be­woh­ner oder ihrer Kos­ten­trä­ger mit dem Tag endet, an dem der Heim­be­woh­ner aus dem Heim ent­las­sen wird oder ver­stirbt.

Nach sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut regelt § 87a Abs. 1 Satz 2 SGB XI nicht allein die Zah­lungs­pflicht des Kos­ten­trä­gers, son­dern erfasst eben­so die zivil­recht­li­che Ver­gü­tungs­pflicht des Heim­be­woh­ners. Es han­delt sich um eine gegen­über den heim­ver­trag­li­chen Bestim­mun­gen des Wohn- und Betreu­ungs­ver­trags­ge­set­zes vor­ran­gi­ge Son­der­re­ge­lung zuguns­ten von Heim­be­woh­nern, die gleich­zei­tig Leis­tungs­be­zie­her der Pfle­ge­ver­si­che­rung sind. Die­ser Vor­rang kommt dar­in zum Aus­druck, dass abwei­chen­de Ver­ein­ba­run­gen nich­tig sind (§ 15 Abs. 1 Satz 2 WBVG, § 87a Abs. 1 Satz 4 SGB XI).

Die Sys­te­ma­tik des § 87a Abs. 1 SGB XI sowie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und der dar­aus ableit­ba­re Zweck des Geset­zes spre­chen dafür, dass ein "Ent­las­sen" im Sin­ne des § 87a Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 SGB XI auch dann vor­liegt, wenn der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge – nach einer Kün­di­gung des Heim­ver­trags­ver­hält­nis­ses – vor Ablauf der Kün­di­gungs­frist des § 11 Abs. 1 Satz 1 WBVG end­gül­tig aus­zieht.

Dass der Begriff "Ent­las­sen" auch den Umzug bezie­hungs­wei­se die Ver­le­gung des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in ein ande­res Heim erfasst, erschließt sich aus der Rege­lung des § 87a Abs. 1 Satz 3 SGB XI. Dar­in wird klar­ge­stellt, dass die Zah­lungs­pflicht des Heim­be­woh­ners gegen­über dem bis­he­ri­gen Pfle­ge­heim nicht für den Umzugs-/Ver­le­gungs­tag besteht und inso­fern ein Hei­ment­gelt nur durch die auf­neh­men­de Pfle­ge­ein­rich­tung berech­net wer­den darf. Damit bringt das Gesetz zugleich zum Aus­druck, dass für die rest­li­chen Tage des Monats, in dem der Aus­zugs-/Ver­le­gungs­tag liegt, kein Ent­gelt mehr an das bis­he­ri­ge Pfle­ge­heim zu zah­len ist, und zwar unab­hän­gig davon, ob der Heim­be­woh­ner, der Leis­tun­gen der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung bezieht, die Kün­di­gungs­frist des § 11 Abs. 1 Satz 1 WBVG ein­hält.

Der Rege­lung des § 87a Abs. 1 Satz 5 bis 7 SGB XI über die Ver­gü­tungs­pflicht des Bewoh­ners bei vor­über­ge­hen­der Abwe­sen­heit vom Heim ist zu ent­neh­men, dass ein Ver­gü­tungs­an­spruch der Ein­rich­tung (gege­be­nen­falls unter Berück­sich­ti­gung erspar­ter Auf­wen­dun­gen) vor­aus­setzt, dass der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge das Heim nur vor­über­ge­hend im Sin­ne des § 87a Abs. 1 Satz 5, 6 SGB XI ver­lässt (z.B. wegen eines Kran­ken­haus­auf­ent­halts) und des­halb einen gesetz­li­chen Anspruch auf Frei­hal­tung sei­nes Pfle­ge­plat­zes hat.

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der in § 87a Abs. 1 Satz 1 bis 3 SGB XI ent­hal­te­nen Rege­lun­gen und der Geset­zes­zweck bestä­ti­gen, dass nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers die Zah­lungs­pflicht des Heim­be­woh­ners mit dem Tag enden soll, an dem er die Pfle­ge­ein­rich­tung end­gül­tig ver­lässt, mag dies auch vor Ablauf einer Kün­di­gungs­frist gesche­hen. § 87a Abs. 1 Satz 2 SGB XI bezweckt den Schutz des Heim­be­woh­ners (bzw. sei­ner Erben) oder sei­nes Kos­ten­trä­gers vor der dop­pel­ten Inan­spruch­nah­me für etwai­ge Leer­stän­de nach dem Aus­zug (oder dem Tod) des Heim­be­woh­ners. Nach der übli­chen Pra­xis der Heim­trä­ger wer­den die durch Leer­stän­de ver­ur­sach­ten Kos­ten im Rah­men der Aus­las­tungs­kal­ku­la­ti­on sowie durch geson­der­te Wag­nis- und Risi­ko­zu­schlä­ge in die Pfle­ge­sät­ze ein­ge­rech­net und anschlie­ßend antei­lig auf die Heim­be­woh­ner umge­legt. Dies hat den Gesetz­ge­ber ver­an­lasst, den Zah­lungs­an­spruch des Ein­rich­tungs­trä­gers bei Verster­ben oder bei einem Aus­zug des Heim­be­woh­ners auf den Tag der Been­di­gung der tat­säch­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung zu begren­zen, weil ansons­ten die Zeit des Leer­stan­des zulas­ten des Heim­be­woh­ners dop­pelt berück­sich­tigt wür­de.

Danach ende­te die Zah­lungs­pflicht des Heim­be­woh­ners mit dem Tag sei­nes Aus­zugs aus dem Pfle­ge­heim des Heim­be­trei­bers am 14. Febru­ar 2015. Als Emp­fän­ger von Leis­tun­gen der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung fällt er in den Anwen­dungs­be­reich des § 87a Abs. 1 SGB XI. Aus der Kün­di­gung vom 28. Janu­ar 2015 war für den Heim­be­trei­ber erkenn­bar, dass der Heim­be­woh­ner das Pfle­ge­heim end­gül­tig ver­las­sen woll­te. Da der Heim­be­trei­ber nach dem Aus­zug des Heim­be­woh­ners kei­ne Leis­tun­gen mehr erbracht hat und auch nicht ver­pflich­tet war, den Pfle­ge­platz frei­zu­hal­ten, besteht inso­fern nach den Grund­sät­zen des § 87a Abs. 1 Satz 1, 2 SGB XI auch kein Ver­gü­tungs­an­spruch.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Okto­ber 2018 – – III ZR 292/​17

  1. AG Öhrin­gen, Urteil vom 15.04.2016 – 2 C 256/​15[]
  2. LG Heil­bronn, Urteil vom 21.08.2017 – (II) 5 S 27/​16[]