Vor­zei­ti­ger Rechts­mit­tel­ver­zicht

Die Par­tei­en kön­nen bereits vor Erlass eines rechts­mit­tel­fä­hi­gen Beschlus­ses wirk­sam auf Rechts­mit­tel ver­zich­ten.

Vor­zei­ti­ger Rechts­mit­tel­ver­zicht

Ein Rechts­mit­tel­ver­zicht in Form einer gegen­über dem Gericht abge­ge­be­nen Erklä­rung führt die for­mel­le Rechts­kraft der betrof­fe­nen Ent­schei­dung her­bei und ist von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen.

Eine Beschwer­de (hier: nach § 78 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 567 ZPO an das Lan­des­ar­beits­ge­richt) kann inner­halb der Rechts­mit­tel­frist nicht ein­ge­legt wer­den, wenn die Par­tei­en wirk­sam dar­auf ver­zich­tet haben.

Ob ein Ver­zicht vor­liegt, ist durch objek­ti­ve Aus­le­gung der Erklä­rung zu ermit­teln. Dabei ist wegen sei­ner weit­rei­chen­den Wir­kun­gen Zurück­hal­tung gebo­ten, ins­be­son­de­re bei der Annah­me eines kon­klu­den­ten Ver­zichts. Ein Rechts­mit­tel­ver­zicht ist nur dann anzu­neh­men, wenn in der Erklä­rung klar und ein­deu­tig der Wil­le zum Aus­druck kommt, die Ent­schei­dung end­gül­tig hin­neh­men und nicht anfech­ten zu wol­len 1.

Indem die Par­tei­en im Ver­gleich vor dem Arbeits­ge­richt jedoch erklärt haben, mög­li­che – nicht vom Teil­ver­gleich umfass­te – Ansprü­che vor den Zivil­ge­rich­ten wei­ter zu ver­fol­gen, haben sie zum Aus­druck gebracht, die Ent­schei­dung als end­gül­tig hin­zu­neh­men und nicht anfech­ten zu wol­len. Eine Erle­di­gung des arbeits­ge­richt­li­chen Rechts­streits durch den Teil­ver­gleich setz­te zwin­gend vor­aus, dass die Par­tei­en die Ver­wei­sung end­gül­tig hin­neh­men und nicht mehr anfech­ten woll­ten.

Die­ser Beur­tei­lung steht im Streit­fall nicht ent­ge­gen, dass der Rechts­mit­tel­ver­zicht bereits vor dem Erlass der betrof­fe­nen Ent­schei­dung erklärt wur­de. Der Ver­zicht ist Pro­zess­hand­lung und kann sowohl vor als auch nach Erlass der betrof­fe­nen Ent­schei­dung abge­ge­ben wer­den 2. Für den Zeit­raum nach dem Inkraft­tre­ten des Zivil­pro­zess­re­form­ge­set­zes zum 1.01.2002 folgt dies für das Rechts­mit­tel der Beru­fung aus der Strei­chung der noch in § 514 ZPO aF ent­hal­te­nen Beschrän­kung auf nach Erlass des Urteils erklär­te Ver­zich­te in § 515 ZPO und all­ge­mein für gegen zivil­ge­richt­li­che Urtei­le gerich­te­te Rechts­mit­tel aus § 313a Abs. 2, Abs. 3 1. Halb­satz ZPO.

Für das Urteils­ver­fah­ren und das Beschluss­ver­fah­ren nach dem Arbeits­ge­richts­ge­setz, bei denen die Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung über die Beru­fung nach § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG bzw. § 64 Abs. 6 Satz 1, § 87 Abs. 2 Satz 1 ArbGG ent­spre­chend gel­ten, gilt nichts ande­res 3.

Zwar wird teil­wei­se ver­tre­ten, dass ein Rechts­mit­tel­ver­zicht für der Beschwer­de unter­lie­gen­de Ent­schei­dun­gen gegen­über dem Gericht vor deren Erlass nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Rechts­mit­tel­rechts nicht mög­lich sei 4. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist aber ein im Wege eines Ver­gleichs erklär­ter Rechts­mit­tel­ver­zicht wirk­sam, denn Par­tei­en eines Rechts­streits kön­nen mate­ri­ell­recht­lich bin­den­de Ver­ein­ba­run­gen über einen Rechts­mit­tel­ver­zicht tref­fen 5. Im Streit­fall konn­ten die Par­tei­en jeden­falls vor dem in Rede ste­hen­den Ver­wei­sungs­be­schluss in dem geschlos­se­nen Ver­gleich auf das Rechts­mit­tel ver­zich­ten.

Der Rechts­mit­tel­ver­zicht in Form einer gegen­über dem Gericht abge­ge­be­nen Erklä­rung führt die for­mel­le Rechts­kraft der betrof­fe­nen Ent­schei­dung her­bei 6 und ist von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen 7. Ist ein all­sei­ti­ger Rechts­mit­tel­ver­zicht bereits im Vor­feld einer Ent­schei­dung erklärt, erwächst die Ent­schei­dung mit ihrem Erlass in Rechts­kraft 8.

Für eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung, wie sie im Anwen­dungs­be­reich des § 281 Abs. 1 ZPO ins­be­son­de­re für objek­tiv will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen aner­kannt ist, ist grund­sätz­lich kein Raum 9. Das gesetz­li­che Mit­tel zur Siche­rung einer Ent­schei­dung durch das Gericht des zuläs­si­gen Rechts­wegs ist allein die Eröff­nung des Rechts­mit­tels gegen den Ver­wei­sungs­be­schluss. Steht den Par­tei­en aber ein Rechts­mit­tel zu Gebo­te und wird die­ses nicht genutzt, besteht kein Anlass, dem Gericht des für zuläs­sig erklär­ten Rechts­wegs die Befug­nis zuzu­bil­li­gen, sich an die Stel­le des Rechts­mit­tel­ge­richts zu set­zen 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2017 – X ARZ 326/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 05.09.2006 – VI ZB 65/​05, NJW 2006, 3498 Rn. 8[]
  2. vgl. Beck­OK ZPO/​Wulf, 26. Edi­ti­on, § 515 Rn. 34; MünchKomm-.ZPO/Rimmelspacher, 5. Aufl., § 515 Rn. 8[]
  3. vgl. BAG, Beschluss vom 08.09.2010 7 ABR 73/​09, NZA 2011, 934 Rn. 31 f. mwN[]
  4. vgl. für die Streit­be­schwer­de, OLG Cel­le, Beschluss vom 17.11.2005 3 W 142/​05 10; OLG Köln, Beschluss vom 18.11.1999 12 W 56/​9920; MünchKomm-.ZPO/Lipp, 5. Aufl., § 567 Rn. 35[]
  5. BGH, Beschluss vom 10.10.2013 – VII ZR 248/​11, IBRRS 2013, 464[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.1988 – II ZR 334/​87, NJW 1989, 170; MünchKomm-.ZPO/Rimmelspacher, 5. Aufl., § 515 Rn. 16 mwN; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 705 Rn. 9[]
  7. BGH, Urteil vom 12.03.2002 – VI ZR 379/​01, NJW 2002, 2108, 2109; Beschluss vom 01.04.1958 – VIII ZR 191/​57, NJW 1958, 868[]
  8. vgl. Musielak/​Voit/​Ball, ZPO, 14. Aufl., § 515 Rn. 8; Prütting/​Gehrlein/​Lemke, ZPO, 8. Aufl., § 515 Rn. 12[]
  9. BGH, WM 2017, 1755 Rn. 9; NJW 2014, 2125 Rn. 12[]
  10. BGH, MDR 2013, 1242 Rn. 12[]