VW-Die­sel­skan­dal: Gerich­te neh­men sich ver­mehrt den EA288-Motor vor

Immer mehr Gerich­te neh­men sich im Die­sel­skan­dal den EA288-Motor aus dem Hau­se VW vor. Auch der Nach­fol­ger des dama­li­gen Skan­dal­mo­tors EA189, der den Die­sel­skan­dal aus­ge­löst hat­te, steht im Ver­dacht, Abgas­wer­te bei Die­sel­fahr­zeu­gen mit­hil­fe einer Soft­ware zu manipulieren.

VW-Die­sel­skan­dal: Gerich­te neh­men sich ver­mehrt den EA288-Motor vor

Das Jahr 2021 begann für die Volks­wa­gen AG mit gleich zwei Nie­der­la­gen vor Gericht. Das Land­ge­richt Offen­burg1 urteil­te am 8. Janu­ar 2021, dass VW einem geschä­dig­ten Kun­den knapp 22.000 Euro für einen Cad­dy Com­fort­li­ne TDI 2,0 l Blue Moti­on zah­len muss. Nur weni­ge Tage spä­ter ent­schied das Land­ge­richt Duis­burg, dass die Volks­wa­gen AG dem Besit­zer eines Sko­da Superb 2.0 TDI Scha­dens­er­satz in Höhe von knapp 24.000 Euro zah­len muss2.

VW und der EA288-Motor: Sit­ten­wid­ri­ge Schädigung

Bei­de Fahr­zeu­ge waren mit dem EA288-Motor aus­ge­stat­tet, der als der »sau­be­re« Nach­fol­ger des EA189 gilt. In bei­den Fäl­len hiel­ten die Rich­ter die im Motor ver­bau­ten Abschalt­ein­rich­tun­gen für ille­gal und ver­ur­teil­ten den Kon­zern jeweils wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung nach § 826 BGB.

EA288-Kla­gen: Frag­wür­di­ge Medi­en­kam­pa­gne von VW

Die­se bei­den Urtei­le gehö­ren zu einer Rei­he ver­brau­cher­freund­li­cher Ent­schei­dun­gen zu dem umstrit­te­nen VW-Motor. In den ver­gan­ge­nen Wochen hat­te der Wolfs­bur­ger Auto­bau­er ver­sucht, sich gegen die zuneh­men­den EA288-Kla­gen zu weh­ren. So hat­te VW in einer Medi­en­kam­pa­gne behaup­tet, dass die­se Kla­gen »zu 99 Pro­zent ver­lo­ren« gin­gen. »Aus unse­rer Sicht ist das eher ein plum­per Ver­such der Scha­dens­be­gren­zung«, sagt Rechts­an­walt Hel­mut Dreschhoff von der BRR Ver­brau­cher­kanz­lei Bau­meis­ter Rosing. Er ver­folgt den Die­sel-Abgas­skan­dal seit vie­len Jah­ren und ver­tritt geschä­dig­te Diesel-Kunden.

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EuGH-Urteil: Druck auf VW wächst

»Der Druck auf VW in Sachen Die­sel­skan­dal 2.0 wächst«, so Dreschhoff, »vor allem auch durch das jüngs­te Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in Sachen Abschalt­ein­rich­tun­gen. Im Dezem­ber 2020 hat­te der EuGH Abschalt­ein­rich­tun­gen zur Mani­pu­la­ti­on von Abgas­wer­ten bei Zulas­sungs­tests für ille­gal erklärt. Somit dür­fen Fahr­zeug­her­stel­ler kei­ne Soft­ware in Moto­ren ver­wen­den, die sys­te­ma­tisch die Leis­tung des Sys­tems zur Kon­trol­le der Emis­sio­nen bei Zulas­sungs­tests verbessert.«

Ille­ga­le Abschalt­ein­rich­tun­gen auch im EA288-Motor?

Auch im EA288-Motor von VW soll es ille­ga­le Abschalt­ein­rich­tun­gen zur Mani­pu­la­ti­on von Abgas­emis­sio­nen auf dem Prüf­stand geben. Der Kon­zern behaup­tet bis heu­te, kei­ne ille­ga­len Abschalt­ein­rich­tun­gen bei die­sem Moto­ren­typ zu ver­wen­den. Der Kon­zern gibt zwar zu, dass dar­in ein soge­nann­tes »Ther­mofens­ter« zum Ein­satz kommt, dass die­ses aber dem Motor­schutz diene. 

»Ther­mofens­ter« im Fokus

Als »Ther­mofens­ter« bezeich­nen die Her­stel­ler den Tem­pe­ra­tur­be­reich, in dem die Abgas­rei­ni­gung des Motors opti­mal arbei­tet. Die­ser liegt – je nach Fahr­zeug – etwa zwi­schen 15 und 30 Grad Cel­si­us. Ist es wär­mer oder käl­ter als der genann­te Tem­pe­ra­tur­be­reich, wird die Abgas­rei­ni­gung laut Her­stel­ler zum Schutz des Motors gedros­selt oder ganz abge­schal­tet. Aller­dings liegt die durch­schnitt­li­che Tem­pe­ra­tur in Deutsch­land in nur drei Mona­ten des Jah­res über 15 Grad Cel­si­us. Auf den Prüf­stän­den, wo die Emis­si­ons­aus­stö­ße gemes­sen wer­den, herr­schen jedoch meist Tem­pe­ra­tu­ren von über 20 Grad vor. Somit hal­ten die Fahr­zeu­ge nur auf dem Prüf­stand die Grenz­wer­te ein, im Stra­ßen­ver­kehr die meis­te Zeit des Jah­res aber nicht.

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SWR-Recher­che: EA288-Motor auch mit Zykluserkennung

Neben dem Ther­mofens­ter dre­hen sich die Mani­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe beim EA288-Motor unter ande­rem aber auch um die soge­nann­te Zyklu­ser­ken­nung. 2019 gerie­ten VW-inter­ne Doku­men­te in die Hän­de von Repor­tern des Süd­west-Rund­funks (SWR), die bele­gen, dass die Motor­steue­rung erken­nen kann, ob sich das Fahr­zeug gera­de auf dem Prüf­stand in einem bestimm­ten Prüf­zy­klus befin­det. Die Zyklu­ser­ken­nung könn­te somit genutzt wer­den, um den Abgas­aus­stoß auf einen Test­be­trieb hin zu optimieren.

Ver­brau­cher­an­walt: Chan­cen für Die­sel­fah­rer gestiegen

Rechts­an­walt Dreschhoff: »Durch das EuGH-Urteil sehen wir gute Chan­cen für Die­sel­fah­rer im Die­sel­skan­dal, vor allem in Bezug auf den EA288-Motor. Die­ser ist fast in jedem Die­sel­fahr­zeug von VW, Audi, Sko­da und Seat als 1.4 TDI, 1.6 TDI oder 2.0 TDI seit 2014 zu fin­den. Allein in Deutsch­land betrifft dies etwa drei Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge. Für uns liegt es also nahe, dass VW mit sei­ner frag­wür­di­gen Medi­en­ak­ti­on zum EA288 wei­te­re recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­mei­den will. Des­halb soll­ten sich geschä­dig­te Die­sel-Kun­den nicht von die­ser PR-Tak­tik ver­un­si­chern las­sen und wei­ter­hin ihre Ansprü­che gel­tend machen. Auch fünf Jah­re nach Bekannt­wer­den des Die­sel-Abgas­skan­dals ist die­ser noch lan­ge nicht vorbei.

  1. LG Offen­burg, Urteil vom 08.01.2021 – 2 O 168/​20[]
  2. LG Duis­burg, Urteil vom 12.01.2021 – 12 O 88/​20[]

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