Wech­sel vom Ver­trau­ens­scha­den zum Erfül­lungs­in­ter­es­se – im lau­fen­den Scha­dens­er­satz­ersatz­pro­zess

Wech­selt ein Klä­ger nur die Art der Scha­dens­be­rech­nung, ohne sei­nen Kla­ge­an­trag zu erwei­tern oder die­sen auf einen ande­ren Lebens­sach­ver­halt zu stüt­zen, liegt kei­ne Ände­rung des Streit­ge­gen­stands vor 1.

Wech­sel vom Ver­trau­ens­scha­den zum Erfül­lungs­in­ter­es­se – im lau­fen­den Scha­dens­er­satz­ersatz­pro­zess

Es stellt danach kei­ne Ände­rung des Streit­ge­gen­stands dar, wenn ein Klä­ger sei­nen gemäß § 179 Abs. 1 BGB zu erset­zen­den Scha­den zunächst nach dem nega­ti­ven Inter­es­se (Ver­trau­ens­scha­den) berech­net und im Lau­fe des Ver­fah­rens die Berech­nung dahin­ge­hend ändert, dass er nun­mehr statt­des­sen Ersatz des posi­ti­ven Inter­es­ses (Erfül­lungs­in­ter­es­ses) begehrt, sofern Kla­ge­an­trag und Lebens­sach­ver­halt unver­än­dert blei­ben.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hemmt die Erhe­bung der Kla­ge nach § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB die Ver­jäh­rung nur für Ansprü­che in der Gestalt und in dem Umfang, wie sie mit der Kla­ge gel­tend gemacht wer­den, also nur für den streit­ge­gen­ständ­li­chen pro­zes­sua­len Anspruch 2. Der Streit­ge­gen­stand wird grund­sätz­lich durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Kla­ge­grund bestimmt. Kla­ge­grund ist der tat­säch­li­che Lebens­sach­ver­halt, aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet. Hier­zu sind alle Tat­sa­chen zu rech­nen, die bei einer natür­li­chen; vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den Betrach­tungs­wei­se zu dem durch den Vor­trag des Klä­gers zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, unab­hän­gig davon, ob ein­zel­ne Tat­sa­chen die­ses Lebens­sach­ver­halts von den Par­tei­en vor­ge­tra­gen sind oder nicht 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben hat­te sich in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der Streit­ge­gen­stand nicht geän­dert. Der Klä­ger hat bereits mit der Kla­ge­schrift vom 07.11.2002 den Zah­lungs­an­trag in Höhe von 197.329, 44 € nebst Zin­sen ange­kün­digt und ihn aus­drück­lich in ers­ter Linie dar­auf gestützt, dass er gegen den Beklag­ten zu 1 als Ver­tre­ter ohne Ver­tre­tungs­macht "Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gem. § 177 BGB [rich­tig: § 179 Abs. 1 BGB]" habe. Weder der Zah­lungs­an­trag noch der Kern des in der Kla­ge­schrift ange­führ­ten, dem Scha­dens­er­satz­be­geh­ren zugrun­de lie­gen­den Lebens­sach­ver­halts haben sich im Lau­fe des Ver­fah­rens geän­dert.

Der Umstand, dass der Klä­ger die Berech­nung sei­nes Scha­dens geän­dert hat, führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung.

Wech­selt ein Klä­ger nur die Art der Scha­dens­be­rech­nung, ohne sei­nen Kla­ge­an­trag zu erwei­tern oder die­sen auf einen ande­ren Lebens­sach­ver­halt zu stüt­zen, liegt kei­ne Ände­rung des Streit­ge­gen­stands vor 4. Es stellt danach kei­ne Ände­rung des Streit­ge­gen­stands dar, wenn ein Klä­ger sei­nen gemäß § 179 Abs. 1 BGB zu erset­zen­den Scha­den zunächst nach dem nega­ti­ven Inter­es­se (Ver­trau­ens­scha­den) berech­net und im Lau­fe des Ver­fah­rens die Berech­nung dahin­ge­hend ändert, dass er nun­mehr statt des­sen Ersatz des posi­ti­ven Inter­es­ses (Erfül­lungs­in­ter­es­ses) begehrt, sofern Kla­ge­an­trag und Lebens­sach­ver­halt unver­än­dert blei­ben.

Eine sol­che Kon­stel­la­ti­on liegt im Streit­fall vor. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen 5 hat sich der Klä­ger in sei­ner der Kla­ge­schrift nicht auf berei­che­rungs­recht­li­che Ansprü­che beschränkt. Er hat viel­mehr von Beginn an einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß § 179 Abs. 1 BGB gel­tend gemacht. Der Anspruch gemäß § 179 Abs. 1 BGB umfasst das posi­ti­ve Inter­es­se (Erfül­lungs­in­ter­es­se). Der Klä­ger hat jedoch sei­nen Scha­den zunächst in der Wei­se berech­net, dass er von dem Gesamt­be­trag der von ihm im Ver­trau­en auf die Gül­tig­keit des Ver­trags erbrach­ten Zah­lun­gen den sei­ner Auf­fas­sung nach gege­be­nen Wert der bereits aus­ge­führ­ten Bau­leis­tun­gen abge­zo­gen hat. Er hat damit Ersatz des nega­ti­ven Inter­es­ses gel­tend gemacht. Nun­mehr berech­net der Klä­ger statt­des­sen sei­nen Mehr­auf­wand gegen­über der im unwirk­sa­men Ver­trag vor­ge­se­he­nen Ver­gü­tung für die Fer­tig­stel­lung des Objekts und begehrt damit das von § 179 Abs. 1 BGB umfass­te posi­ti­ve Inter­es­se (Erfül­lungs­in­ter­es­se). Dar­in liegt eine blo­ße Ände­rung der Art der Scha­dens­be­rech­nung mit geän­der­ten Scha­dens­fak­to­ren auf der Grund­la­ge des auf dem glei­chen Lebens­sach­ver­halt beru­hen­den und in unver­än­der­ter Höhe gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs gemäß § 179 Abs. 1 BGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 18. Mai 2017 – VII ZR 122/​14

  1. Anschluss an BGH, Urtei­le vom 14.05.2012 – II ZR 130/​10, BauR 2012, 1644 = NZBau 2012, 567; vom 24.01.2002 – III ZR 63/​01, BGH­Re­port 2002, 397; vom 17.06.1992 – I ZR 107/​90, BGHZ 119, 20; vom 09.10.1991 – VIII ZR 88/​90, BGHZ 115, 286[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – VIII ZR 93/​04, NJW 2005, 2004, 2005 15 m.w.N.[]
  3. st. Rspr., vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 10.09.2009 – VII ZR 152/​08, BauR 2009, 1901 Rn. 13 = NZBau 2009, 771; vom 24.01.2008 – VII ZR 46/​07, BauR 2008, 869, 870 15 = NZBau 2008, 325; vom 19.12 1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 5 ff. 14 ff., jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.05.2012 – II ZR 130/​10, BauR 2012, 1644 Rn.20 = NZBau 2012, 567; und vom 24.01.2002 – III ZR 63/​01, BGH­Re­port 2002, 397 10, jeweils zum Über­gang vom posi­ti­ven zum nega­ti­ven Inter­es­se; BGH, Urteil vom 09.10.1991 – VIII ZR 88/​90, BGHZ 115, 286, 291 f. 21, zum Über­gang vom gro­ßen zum klei­nen Scha­dens­er­satz; BGH, Urteil vom 17.06.1992 – I ZR 107/​90, BGHZ 119, 20, 23 23 – Tchibo/​Rolex II, zum Über­gang vom Ver­let­zer­ge­winn auf ent­gan­ge­ne Lizenz[]
  5. OLG Mün­chen, Urteil vom 18.02.2014 – 28 U 4028/​12 Bau[]