Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge beim VOB/​B‑Einheitspreisvertrag

Ein Rück­griff auf die gesetz­li­chen Rege­lun­gen zum Weg­fall der Geschäfts­grund-lage kommt grund­sätz­lich nicht in Betracht, soweit eine ver­trag­li­che Rege­lung wie § 2 Nr. 3 VOB/​B (jetzt: § 2 Abs. 3 VOB/​B) vor­liegt.

Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge beim VOB/​B‑Einheitspreisvertrag

Die Anwen­dung der gesetz­li­chen Rege­lun­gen zum Weg­fall der Geschäfts­grund-lage ist jedoch mög­lich, wenn die Par­tei­en einer Ein­heits­preis­ver­ein­ba­rung aus­nahms­wei­se eine bestimm­te Men­ge zugrun­de­ge­legt haben und die­se Men­ge über­schrit­ten wird.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­hält § 2 Nr. 3 VOB/​B (jetzt § 2 Abs. 3 VOB/​B) bei einem VOB-Ver­trag eine abschlie­ßen­de Rege­lung für die Über­schrei­tung der Mas­sen­an­sät­ze über 10% hin­aus. Die Rege­lung ist nicht auf eine bestimm­te pro­zen­tua­le Über­schrei­tung beschränkt. Auf die Grund­sät­ze über den Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge, § 313 BGB, kann dane­ben nicht zurück­ge­grif­fen wer­den. Denn die Fra­ge der Preis­ge­stal­tung bei Mas­sen­über­schrei­tun­gen ist ver­trag­lich gere­gelt 1.

Aus die­ser Recht­spre­chung ergibt sich nicht, dass eine Ver­än­de­rung des Ein­heits­prei­ses nicht statt­fin­den kann, wenn eine bestimm­te Men­ge zur Geschäfts­grund­la­ge des Ver­tra­ges erho­ben wor­den ist und wegen der Über­schrei­tung die­ser Men­ge ein Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge vor­liegt. Es ist mög­lich, dass Geschäfts­grund­la­ge einer Ein­heits­preis­ver­ein­ba­rung ist, dass eine bestimm­te Men­ge nicht über­schrit­ten wird. Aller­dings ist dem Ein­heits­preis die Mög­lich­keit einer Men­gen­än­de­rung imma­nent, so dass grund­sätz­lich kein Grund für die Annah­me besteht, eine bestimm­te Men­ge sei zur Geschäfts­grund­la­ge des Ver­tra­ges gewor­den. Bei einer außer­ge­wöhn­li­chen Preis­bil­dung, wie sie hier vor­liegt, ist dies jedoch denk­bar, weil die dar­in ange­leg­te Stö­rung des Äqui­va­lenz­ver­hält­nis­ses von Leis­tung und Gegen­leis­tung sich bei erheb­li­chen Men­gen­än­de­run­gen in viel stär­ke­rem Maße aus­wirkt.

Die­ser Fall ist von der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht erfasst. Die­se zieht viel­mehr den all­ge­mein gül­ti­gen Grund­satz her­an, dass ein Rück­griff auf die gesetz­li­chen Rege­lun­gen zum Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge nicht in Betracht kommt, soweit eine ver­trag­li­che Rege­lung vor­liegt. Inso­weit kommt es auf die pro­zen­tua­le Men­gen­über­schrei­tung nicht an und sind die Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des § 2 Nr. 3 VOB/​B abschlie­ßend, so dass die Anwen­dung des § 313 BGB nicht mög­lich ist. Mit ihr ist nicht der gesetz­lich nun­mehr nie­der­ge­leg­te Grund­satz in Fra­ge gestellt, dass einer Preis­ver­ein­ba­rung eine Geschäfts­grund­la­ge zugrun­de lie­gen kann, bei deren Weg­fall der Ver­trag unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen anzu­pas­sen ist, § 313 BGB. Dem­entspre­chend ging es in der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20. März 1969 2 nicht um einen Fall, in dem ein Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge wegen einer Über­schrei­tung des nach dem Ver­trag vor­aus­ge­setz­ten Men­gen­rah­mens ange­nom­men wur­de, son­dern um die Fra­ge, ob die Umla­ge der Gemein­kos­ten aus­schließ­lich nach der Rege­lung des § 2 Nr. 3 Abs. 2 VOB/​B zu erfol­gen hat.

Dass die Anwen­dung des § 313 BGB auf die­je­ni­gen Fäl­le, in denen die Men­gen­än­de­rung das von den Par­tei­en gemein­sam vor­aus­ge­setz­te Maß über­schrei­tet, nicht aus­ge­schlos­sen ist, wird im Übri­gen auch in der Lite­ra­tur so gese­hen 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. März 2011 – VII ZR 216/​08

  1. BGH, Urteil vom 20.03.1969 – VII ZR 29/​67, WM 1969, 1019; Urteil vom 18.12. 2008 – VII ZR 201/​06, BGHZ 179, 213 Rn. 36[]
  2. BGH, Urteil vom 20.03.1969 – VII ZR 29/​67, WM 1969, 1019[]
  3. Kapellmann/​Schiffers, Ver­gü­tung, Nach­trä­ge und Behin­de­rungs­fol­gen beim Bau­ver­trag, Band 1, 5. Aufl., Rn. 605 ff., 1041 ff.; Nicklisch/​Weick, VOB Teil B, 3. Aufl., § 2 Rn. 52; Lei­ne­mann, VOB/​B, 3. Aufl, § 2 Rn. 76; KleineMöller/​Merl, Hand­buch des pri­va­ten Bau­rechts, 3. Aufl., § 10 Rn. 422 ff., 429; Kapellmann/​Messerschmidt, VOB, 3. Aufl., § 2 VOB/​B Rn. 166; Kan­del in Beck­OK VOB/​B § 2 Nr. 3 [Stand: 2.05.2010] Rn. 23b[]