Wenn der Poli­zei­hund zubeißt…

Auch wenn ein Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer kei­nen aus­rei­chen­den Sicher­heits­ab­stand zu einem Poli­zei­hund ein­ge­hal­ten hat, muss er nicht damit rech­nen, dass er wegen des Fehl­ver­hal­tens eines ande­ren Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mers von dem Hund gebis­sen wird. Es hat sich durch die Biss­ver­let­zung eine mit dem Ein­satz von Poli­zei­hun­den ver­bun­de­ne beson­de­re Gefahr ver­wirk­licht.

Wenn der Poli­zei­hund zubeißt…

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main in dem hier vor­lie­gen­den Fall einem gebis­se­nen Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer eine Ent­schä­di­gung zuge­spro­chen und ein anders lau­ten­des Urteil des Land­ge­richts Gie­ßen dem­entspre­chend abge­än­dert. Der Klä­ger hat­te am 2.10.2011 in Gie­ßen mit etwa 500 wei­te­ren Per­so­nen an einem Demons­tra­ti­ons­zug teil­ge­nom­men, der sich gegen eine Fest­ver­an­stal­tung des Kon­su­lats von Eri­trea rich­te­te. Zur Auf­recht­erhal­tung der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung wur­den vor Ort etwa 50 Poli­zis­ten ein­ge­setzt. Am Tor des Ver­an­stal­tungs­ge­län­des stock­te der Demons­tra­ti­ons­zug, weil es zu aggres­si­ven Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Teil­neh­mern der Fest­ver­an­stal­tung und Demons­tran­ten kam. Um die bei­den Grup­pen aus­ein­an­der­zu­hal­ten, setz­te die Poli­zei unter ande­rem Dienst­hun­de ein, die jeweils ange­leint und mit einem Maul­korb ver­se­hen waren. Die Hun­de waren so trai­niert, dass sie auf Kom­man­do gezielt die Ober­kör­per ein­zel­ner Stö­rer anspran­gen und die­se anbell­ten. Auch der Klä­ger wur­de in die­ser Wei­se von einem Hund mit der Schnau­ze ange­sto­ßen. Dar­auf­hin zog er sich zurück und bemüh­te sich, ande­re, auf­ge­brach­te Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer von einem erneu­ten Vor­drin­gen abzu­hal­ten. Er stell­te sich mit erho­be­nen Armen vor sie und for­der­te sie auf, den Anord­nun­gen der – hin­ter ihm ste­hen­den – Poli­zis­ten zu fol­gen. In die­sem Moment biss ihn einer der Poli­zei­hun­de von hin­ten in den Arm. Die­ser Hund war zuvor von einem Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer der­art getre­ten wor­den, dass sein Maul­korb ver­rutsch­te. Durch den Biss erlitt der Klä­ger eine sechs Zen­ti­me­ter lan­ge Fleisch­wun­de, die ärzt­lich behan­delt wer­den muss­te. Der Klä­ger wirft dem Poli­zei­be­am­ten, der den Hund geführt hat, gro­bes Ver­schul­den vor und for­dert von dem Land Hes­sen als Dienst­herrn des Beam­ten ein Schmer­zens­geld nicht unter 3.000,- €. Das in ers­ter Instanz zustän­di­ge Land­ge­richt Gie­ßen 1 wies die Kla­ge ab, da es kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zung des den Hund füh­ren­den Poli­zei­be­am­ten fest­stel­len konn­te. Dage­gen ist Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main sei der mit dem Hun­de­biss ver­bun­de­ne Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit des Klä­gers dem beklag­ten Land zuzu­rech­nen. Zwar han­de­le es sich bei der Ver­let­zung um eine unge­woll­te Fol­ge des Poli­zei­hun­de­ein­sat­zes, zu der es nur durch das Fehl­ver­hal­ten eines unbe­son­ne­nen Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mers und eine unglück­li­che Ver­ket­tung von Umstän­den gekom­men sei. Jedoch habe sich durch die Biss­ver­let­zung eine mit dem Ein­satz von Poli­zei­hun­den ver­bun­de­ne beson­de­re Gefahr ver­wirk­licht. Die Ver­let­zung lege dem Klä­ger ein Son­der­op­fer auf. Zwar habe die­ser kei­nen aus­rei­chen­den Sicher­heits­ab­stand zu dem Hund ein­ge­hal­ten, aber auch nicht damit rech­nen müs­sen, dass er wegen des Fehl­ver­hal­tens eines ande­ren Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mers von dem Hund gebis­sen wür­de. Zur Kom­pen­sa­ti­on des erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Scha­dens sei eine Ent­schä­di­gung von 300,- € ange­mes­sen, wobei nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben kön­ne, dass der Klä­ger bei sei­nem geschil­der­ten Ver­hal­ten – wenn auch aus ach­tens­wer­ten Grün­den – das Gebot der Eigen­si­che­rung unzu­rei­chend beach­tet habe.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 20. August 2013 – 1 U 69/​13

  1. LG Gie­ßen, Urteil vom 22.01.2013 – 3 O 354/​12[]