Wider­kla­ge in der Beru­fungs­in­stanz

Eine in zwei­ter Instanz erho­be­ne Wider­kla­ge kann auch auf Tat­sa­chen­stoff gestützt wer­den, der in ers­ter Instanz zwar vor­ge­tra­gen wor­den, für die Ent­schei­dung über die Kla­ge aber uner­heb­lich ist.

Wider­kla­ge in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt muss sei­ner Ent­schei­dung jeden­falls die bereits getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen zugrun­de legen. Dies folgt aus dem in § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO ent­hal­te­nen Gebot der Berück­sich­ti­gung des gesam­ten Inhalts einer durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me 1. Unab­hän­gig davon lie­gen in einem sol­chen Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs die Vor­aus­set­zun­gen von § 533 Nr. 2 ZPO vor. Die­ser Vor­schrift zufol­ge kann eine erst in zwei­ter Instanz erfolg­te Kla­ge­än­de­rung oder Auf­rech­nungs­er­klä­rung eben­so wie eine in der Beru­fungs­in­stanz erho­be­ne Wider­kla­ge nur auf Tat­sa­chen gestützt wer­den, die das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin nach § 529 ZPO zugrun­de zu legen hat.

Dar­an gemes­sen sah der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall die Wider­kla­ge als zuläs­sig an: Gegen­stand der Wider­kla­ge sind die Hono­rar­an­sprü­che des Beklag­ten aus der von ihm behaup­te­ten anwalt­li­chen Tätig­keit. Die­se Ansprü­che waren in ers­ter Instanz Tat­sa­chen­stoff, weil der Beklag­te aus ihnen die Wirk­sam­keit der abs­trak­ten Schuld­an­er­kennt­nis­se her­ge­lei­tet hat. Der wech­sel­sei­ti­ge Par­tei­vor­trag hat­te nicht nur das Zustan­de­kom­men einer Hono­rar­ver­ein­ba­rung zwi­schen den Par­tei­en zum Gegen­stand, son­dern auch den Inhalt und den Umfang der ein­zel­nen Auf­trä­ge sowie das Aus­maß der ent­fal­te­ten Tätig­keit. Das Land­ge­richt ist davon aus­ge­gan­gen, dass Hono­rar­an­sprü­che in erheb­li­cher Höhe bestehen. Weil es das abs­trak­te Schuld­an­er­kennt­nis als wirk­sam ange­se­hen hat, hat es hier­zu kei­ne nähe­ren Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Auch das Beru­fungs­ge­richt hat die Hono­rar­for­de­run­gen für die Ent­schei­dung über die Kla­ge als uner­heb­lich ange­se­hen; es hat ange­nom­men, dass die Bestel­lung der Grund­schul­den und die Abga­be der Schuld­an­er­kennt­nis­se unab­hän­gig von bestehen­den For­de­run­gen auf einem anwalt­li­chen Bera­tungs­feh­ler des Beklag­ten beruh­ten. Die Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge hat es auf­grund des dar­aus ent­stan­de­nen Scha­dens­er­satz­an­spruchs gemäß § 242 BGB als begrün­det ange­se­hen.

Der in der Beru­fungs­in­stanz zugrun­de zu legen­de Tat­sa­chen­stoff beschränkt sich nach dem Urteil des Bun­des­ge­richs­hofs nicht auf das Tat­sa­chen­vor­brin­gen, das für die Ent­schei­dung des Gerichts ers­ter Instanz "nach Rechts­auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts" erheb­lich sei.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gelangt der gesam­te in ers­ter Instanz vor­ge­tra­ge­ne Tat­sa­chen­stoff in die Beru­fungs­in­stanz, auch wenn ihn das erst­in­stanz­li­che Gericht als uner­heb­lich ansieht und es daher kei­ne Fest­stel­lun­gen trifft 2. Hier­für spricht zunächst die ein­fa­che Über­le­gung, dass Vor­trag nicht des­halb neu ist, weil er in ers­ter Instanz für uner­heb­lich befun­den wur­de (vgl. § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 ZPO 3). In die­sem Fall ist es Auf­ga­be des Beru­fungs­ge­richts, die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Nichts ande­res gilt, wenn die Tat­sa­chen erst durch eine in zwei­ter Instanz erfolg­te Kla­ge­än­de­rung erheb­lich gewor­den sind. "Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen" im Sin­ne von § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO kön­nen sich auch aus neu­en Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­teln erge­ben, die in der Beru­fungs­in­stanz zu berück­sich­ti­gen sind 4.

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten in glei­cher Wei­se für die in zwei­ter Instanz erho­be­ne Wider­kla­ge. Wird sie – wie hier – auf Vor­brin­gen gestützt, das bereits in ers­ter Instanz erfolgt und des­halb nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO beacht­lich ist, sind die Vor­aus­set­zun­gen von § 533 Nr. 2 ZPO erfüllt 5. Dies gilt eben­so, wenn die Wider­kla­ge auf neu­es unstrei­ti­ges Vor­brin­gen gestützt wird 6.

Des­wei­te­ren, so der BGH, ent­hält § 533 Nr. 2 ZPO kei­ne wei­te­ren Anfor­de­run­gen an die Zuläs­sig­keit der Wider­kla­ge. Ins­be­son­de­re kommt es nicht dar­auf an, ob das Vor­brin­gen (auch) für die Kla­ge erheb­lich ist. Eine sol­che zusätz­li­che Ein­schrän­kung kann schon dem Wort­laut des § 533 Nr. 2 ZPO nicht ent­nom­men wer­den. Zwar heißt es dort, die Wider­kla­ge kön­ne nur auf Tat­sa­chen gestützt wer­den, die "das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin nach § 529 ZPO zugrun­de zu legen hat". Die­se For­mu­lie­rung knüpft aber wört­lich an den Ein­gangs­satz von § 529 Abs. 1 ZPO an; schon dar­aus folgt, dass das Tat­sa­chen­vor­brin­gen, auf das die Wider­kla­ge gestützt wird, (nur) die in jener Norm ent­hal­te­nen Anfor­de­run­gen erfül­len muss. Dies war auch die erklär­te Absicht des Gesetz­ge­bers. § 533 Nr. 2 ZPO soll ver­hin­dern, dass über die Wider­kla­ge neu­er Tat­sa­chen­stoff ein­ge­führt wird, der nach § 529 ZPO nicht zugrun­de zu legen ist; umge­kehrt soll der Tat­sa­chen­stoff aus­rei­chen, um über die Wider­kla­ge ent­schei­den zu kön­nen. Nur durch die Bezug­nah­me auf § 529 ZPO soll eine "Flucht in die Wider­kla­ge" mit dem Ziel der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung in der Beru­fungs­in­stanz ver­hin­dert wer­den 7. Wird eine auf­wen­di­ge Beweis­auf­nah­me über im ers­ten Rechts­zug vor­ge­tra­ge­ne Tat­sa­chen aus­schließ­lich im Hin­blick auf die in zwei­ter Instanz erho­be­ne Wider­kla­ge erfor­der­lich, kann dies bei feh­len­der Ein­wil­li­gung des Geg­ners allen­falls dazu füh­ren, dass die Sach­dien­lich­keit gemäß § 533 Nr. 1 ZPO zu ver­nei­nen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Janu­ar 2012 – V ZR 183/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 01.03.2006 – XII ZR 210/​04, NJW 2006, 1657 Rn. 22 ff.[]
  2. BGH, Urteil vom 19.03.2004 – V ZR 104/​03, BGHZ 158, 295, 309 f.; BGH, Urteil vom 27.09.2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Rn. 16; Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, NJW 2011, 2796 Rn. 35 mwN; Münch­Komm-ZPO/Rim­mer­spa­cher, 3. Aufl., § 529 Rn.7; Musielak/​Ball, ZPO, 8. Aufl., § 529 Rn. 3[]
  3. BGH, Urteil vom 22.04.2010 – IX ZR 160/​09, NJW-RR 2010, 1286 Rn. 12[]
  4. BGH, Urteil vom 19.03.2004 – V ZR 104/​03, BGHZ 158, 295, 310; Urteil vom 27.09.2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Rn. 16; Musielak/​Ball, ZPO, 8. Aufl., § 529 Rn.19[]
  5. Musielak/​Ball, ZPO, 8. Aufl., § 533 Rn. 21 f.; Zöller/​Heßler, ZPO, 29. Aufl., § 533 Rn. 34 f.[]
  6. § 529 Abs. 1 Nr. 2, § 531 Abs. 2 Nr. 3 ZPO; vgl. BGH, Urteil vom 06.12.2004 – II ZR 394/​02, NJW-RR 2005, 437[]
  7. BT-Drucks. 14/​4722 S. 102; Musielak/​Ball, ZPO, 8. Aufl., § 533 Rn. 21[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2013 – XI ZR 6/​12, WM…

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