Wider­ruf bei 2003 voll­stän­dig getilg­ten Dar­lehn

Das einem Dar­le­hens­neh­mer nach dem Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz zuste­hen­de Wider­rufs­recht erlischt nicht gemäß § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG (in der bis zum 30. Sep­tem­ber 2000 gel­ten­den Fas­sung), wenn die voll­stän­di­ge Ablö­sung des Dar­le­hens erst ab dem 1. Janu­ar 2003 erfolgt ist [1].

Wider­ruf bei 2003 voll­stän­dig getilg­ten Dar­lehn

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Rechts­streit um ein im Jahr 2000 zur Finan­zie­rung einer Fonds­be­tei­li­gung auf­ge­nom­me­nes und im Jahr 2003 voll­stän­dig getilg­tes Dar­lehn, bei dem im Übri­gen die Vor­aus­set­zun­gen für einen Wider­ruf nach dem dama­li­gen Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz vor­la­gen.

Das Wider­rufs­recht des Dar­lehns­neh­mers nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 HWiG war, so der Bun­des­ge­richts­hof, bei Erklä­rung des Wider­rufs im Okto­ber 2006 wegen der vor­an­ge­gan­ge­nen voll­stän­di­gen Ablö­sung des Dar­le­hens der Beklag­ten im Juli 2003 nicht bereits gemäß § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG erlo­schen. Zwar ist für die Fra­ge der bei­der­seits voll­stän­di­gen Erbrin­gung der Leis­tung auch bei einem ver­bun­de­nen Geschäft allein auf das Rechts­ge­schäft abzu­stel­len ist, in wel­chem ein Wider­rufs­recht nach dem Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz begrün­det ist, hier mit­hin der Dar­le­hens­ver­trag, und nicht auch auf das ver­bun­de­ne Geschäft, hier also die Fonds­be­tei­li­gung [2]. Zum Zeit­punkt der voll­stän­di­gen Ablö­sung des Dar­le­hens im Juli 2003 war die Norm des § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG nach der Über­lei­tungs­vor­schrift des Art. 229 § 5 Satz 2 EGBGB jedoch nicht mehr anwend­bar. Bei dem zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­ten Dar­le­hens­ver­trag han­delt es sich um ein Dau­er­schuld­ver­hält­nis, auf das nach der Über­lei­tungs­vor­schrift seit dem 1. Janu­ar 2003 das Bür­ger­li­che Gesetz­buch grund­sätz­lich in der dann gel­ten­den Fas­sung anzu­wen­den ist. Eine dem § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG ent­spre­chen­de Rege­lung ent­hält das Bür­ger­li­che Gesetz­buch indes nicht. Für eine ana­lo­ge Anwen­dung der Norm ist kein Raum, weil nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers auf Dau­er­schuld­ver­hält­nis­se ab dem genann­ten Stich­tag aus­schließ­lich das ab dann gel­ten­de Recht Anwen­dung fin­den soll­te.

Soweit der V. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs [3] für vor dem 1. Janu­ar 2003 been­de­te, aber noch nicht voll­stän­dig abge­wi­ckel­te Dau­er­schuld­ver­hält­nis­se die Anwen­dung des alten Rechts bejaht hat, liegt eine sol­che Fall­ge­stal­tung hier nicht vor; der Dar­le­hens­ver­trag der Par­tei­en sah eine Lauf­zeit bis zum 30. Novem­ber 2013 vor. Bei dem in dem Leit­satz die­ses Urteils für die Fort­gel­tung des alten Rechts genann­ten Stich­tag des 31. Dezem­ber 2003 han­delt es sich ersicht­lich um einen Schreib­feh­ler.

Im Hin­blick auf den Erlö­schens­tat­be­stand des § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG wird die Über­lei­tungs­vor­schrift des Art. 229 § 5 Satz 2 EGBGB auch nicht durch Art. 229 § 9 EGBGB ver­drängt. Die­se Über­lei­tungs­vor­schrift ist zwar lex spe­cia­lis zu Art. 229 § 5 Satz 2 EGBGB [4]. Das gilt aber nach ihrem ein­deu­ti­gen Wort­laut nur für die dort auf­ge­führ­ten Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs. Dass mit der ab dem 1. August 2002 gel­ten­den Neu­re­ge­lung des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs durch das OLG-Ver­tre­tungs­än­de­rungs­ge­setz vom 23. Juli 2002 [5] zugleich – ent­ge­gen dem in Art. 229 § 5 EGBGB erklär­ten Wil­len des Gesetz­ge­bers – die Erlö­schens­vor­schrift des § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG sie­ben Mona­te nach ihrem Außer­kraft­tre­ten für nach dem 1. Janu­ar 2003 ein­tre­ten­de Umstän­de wie die voll­stän­di­ge und vor­zei­ti­ge Ablö­sung eines Dar­le­hens wie­der­auf­le­ben soll­te, lässt sich Art. 229 § 9 EGBGB nicht ent­neh­men. Ganz im Gegen­teil spre­chen der Wort­laut und die Geset­zes­be­grün­dung, die mehr­fach das unbe­fris­te­te Bestehen des Wider­rufs­rechts bei Haus­tür­ge­schäf­ten im Fal­le einer unter­las­se­nen oder nicht ord­nungs­ge­mä­ßen Wider­rufs­be­leh­rung in den Vor­der­grund rückt [6] und dar­auf beson­de­ren Wert legt, dage­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Novem­ber 2009 – XI ZR 260/​08

  1. Abgren­zung zu BGH, Urteil vom 13.06.2006 – XI ZR 94/​05, WM 2006, 1995[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08 sowie XI ZR 232/​08 und XI ZR 163/​09, jeweils m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 13.07.2007 – V ZR 189/​06, WM 2007, 2124[]
  4. BGH, Urteil vom 13.06.2006 – XI ZR 94/​05, WM 2006, 1995[]
  5. BGBl. I S. 2850[]
  6. vgl. BT-Drs. 14/​9266 S. 44, 45, 46 und 50[]