Wider­ruf einer Schen­kung wegen gro­ben Undanks

Ein grob undank­ba­res Ver­hal­ten kann sowohl man­gels Umstän­den, die objek­tiv die gebo­te­ne Rück­sicht­nah­me auf die Belan­ge des Schen­kers ver­mis­sen las­sen, als auch des­halb zu ver­nei­nen sein, weil sich das Ver­hal­ten des Beschenk­ten jeden­falls sub­jek­tiv nicht als Aus­druck einer undank­ba­ren Ein­stel­lung gegen­über dem Schen­ker dar­stellt. Die Beur­tei­lung der sub­jek­ti­ven Sei­te des Tat­be­stands kann jedoch in der Regel erst dann erfol­gen, wenn sich der Tatrich­ter dar­über Rechen­schaft abge­legt hat, wel­che Sach­ver­halts­ele­men­te objek­tiv geeig­net sind, einen den Wider­ruf der Schen­kung recht­fer­ti­gen­den Man­gel an von Dank­bar­keit gepräg­ter Rück­sicht­nah­me zum Aus­druck zu brin­gen.

Wider­ruf einer Schen­kung wegen gro­ben Undanks

Bei der objek­ti­ven Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de kann ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen sein, dass ein Schen­ker, der dem Beschenk­ten durch eine umfas­sen­de Voll­macht die Mög­lich­keit gege­ben hat, in sei­nem Namen in allen ihn betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten tätig zu wer­den und erfor­der­li­chen­falls auch tief in sei­ne Lebens­füh­rung ein­grei­fen­de Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, zu denen er selbst nicht mehr in der Lage sein soll­te, einen scho­nen­den Gebrauch von den sich hier­aus erge­ben­den recht­li­chen Befug­nis­sen unter best­mög­li­cher Wah­rung sei­ner per­so­nel­len Auto­no­mie erwar­ten darf.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit ver­lan­gen die Klä­ger als Erben der vor­ma­li­gen Klä­ge­rin von deren Sohn die Rück­über­eig­nung eines bebau­ten Grund­stücks nach dem Wider­ruf der zugrun­de lie­gen­den Schen­kung.

Die Mut­ter des Beklag­ten schenk­te die­sem das Grund­stück im Jahr 2004, wobei sie sich ein lebens­lan­ges Wohn­recht an allen Räu­men des Hau­ses vor­be­hielt. Nach einer Vor­sor­ge­voll­macht im Jahr 2000 und einer Kon­to­voll­macht im Jahr 2007 erteil­te sie dem Beklag­ten im Janu­ar 2009 eine nota­ri­ell beur­kun­de­te Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht.

Im August 2009 wur­de die Mut­ter des Beklag­ten nach einem Sturz in ihrem Haus, das sie bis zu die­sem Zeit­punkt allein bewohn­te, zur sta­tio­nä­ren Behand­lung in ein Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert. Mit­te Sep­tem­ber 2009 wur­de sie statt wie zunächst vor­ge­se­hen in eine Kurz­zeit­pfle­ge auf Ver­an­las­sung des beklag­ten Soh­nes in eine Pfle­ge­ein­rich­tung für demenz­kran­ke Men­schen auf­ge­nom­men, mit der der Beklag­te bereits einen unbe­fris­te­ten Heim­ver­trag abge­schlos­sen hat­te. Dar­auf hin wider­rief die Mut­ter die dem Beklag­ten erteil­te Vor­sor­ge- und Betreu­ungs­voll­macht; zugleich kün­dig­te sie den Lang­zeit­pfle­ge­ver­trag und bean­trag­te eine Kurz­zeit­pfle­ge, bis die häus­li­che Pfle­ge orga­ni­siert sei; die ent­spre­chen­den Schrei­ben wur­den von Nach­barn der Mut­ter auf ihre Bit­te hin ver­fasst. Noch vor der Ent­schei­dung des Betreu­ungs­ge­richts über die Ein­rich­tung einer Betreu­ung teil­te der Beklag­te dem Pfle­ge­heim mit, dass eine Kün­di­gung des Lang­zeit­pfle­ge­ver­trags nur von ihm erklärt wer­den dür­fe und dass weder ande­re Fami­li­en­mit­glie­der noch Nach­barn zu sei­ner Mut­ter vor­ge­las­sen wer­den soll­ten. Unter Beru­fung hier­auf erklär­te die Mut­ter des Beklag­ten den Wider­ruf der Schen­kung wegen gro­ben Undanks.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Land­ge­richt Aachen hat der von den Rechts­nach­fol­gern der wäh­rend des Rechts­streits ver­stor­be­nen Mut­ter wei­ter­ver­folg­ten Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung des beklag­ten Soh­nes hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Köln die Kla­ge abge­wie­sen, da ein zum Wider­ruf der Schen­kung berech­ti­gen­des schwe­res Fehl­ver­hal­ten nicht ange­nom­men wer­den kön­ne 2. In der Fol­ge hat nun der Bun­des­ge­richts­hof auf die von ihm zuge­las­se­ne Revi­si­on der Klä­ger das Köl­ner Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Der Wider­ruf einer Schen­kung setzt objek­tiv eine Ver­feh­lung des Beschenk­ten von gewis­ser Schwe­re und in sub­jek­ti­ver Hin­sicht vor­aus, dass die Ver­feh­lung Aus­druck einer Gesin­nung des Beschenk­ten ist, die in erheb­li­chem Maße die Dank­bar­keit ver­mis­sen lässt, die der Schen­ker erwar­ten darf. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, ist auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­falls zu beur­tei­len. Das Ober­lan­des­ge­richt hat vor­ran­gig dar­auf abge­stellt, dass der Beklag­te auf­grund ver­schie­de­ner Gut­ach­ten über den Gesund­heits­zu­stand und die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit von einer mög­li­chen Geschäfts­un­fä­hig­keit sei­ner Mut­ter habe aus­ge­hen dür­fen. Dabei hat es außer Acht gelas­sen, dass die Mut­ter als Schen­ke­rin unab­hän­gig von der Fra­ge ihrer Geschäfts­fä­hig­keit erwar­ten durf­te, dass der von ihr umfas­send bevoll­mäch­tig­te Beklag­te ihre per­so­nel­le Auto­no­mie respek­tier­te, indem er sie zunächst nach ihrem Wil­len hin­sicht­lich ihrer wei­te­ren Pfle­ge befrag­te, die­ser Wil­le, soweit es die Umstän­de zulie­ßen, berück­sich­tigt wür­de und, falls sich dies als nicht mög­lich erwies, mit ihr zumin­dest die Grün­de hier­für bespro­chen wür­den. Da das Ober­lan­des­ge­richt kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen hat, aus wel­chen objek­ti­ven oder sub­jek­ti­ven Grün­den dies unter­blie­ben ist, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof die Sache nicht abschlie­ßend ent­schei­den.

Nach § 530 Abs. 1 BGB kann der Schen­ker die Schen­kung wider­ru­fen, wenn sich der Beschenk­te durch eine schwe­re Ver­feh­lung gegen den Schen­ker oder einen nahen Ange­hö­ri­gen des Schen­kers gro­ben Undanks schul­dig macht. Die­ses die grund­sätz­li­che Unwi­der­ruf­lich­keit eines Schen­kungs­ver­spre­chens durch­bre­chen­de Recht knüpft an die Ver­let­zung der Ver­pflich­tung zu einer von Dank­bar­keit gepräg­ten Rück­sicht­nah­me auf die Belan­ge des Schen­kers an, die die­ser vom Beschenk­ten erwar­ten kann 3. Ent­schei­dend für die Annah­me gro­ben Undanks gegen­über dem Schen­ker ist mit­hin, ob der Beschenk­te die­sen Erwar­tun­gen in nicht mehr hin­nehm­ba­rer Wei­se nicht genügt hat 4.

Das Ober­lan­des­ge­richt Köln ist zwar recht­lich zutref­fend und inso­weit von der Revi­si­on unbe­an­stan­det davon aus­ge­gan­gen, dass der Wider­ruf einer Schen­kung nicht nur objek­tiv eine Ver­feh­lung des Beschenk­ten von gewis­ser Schwe­re vor­aus­setzt, son­dern es fer­ner erfor­der­lich ist, dass die Ver­feh­lung auch in sub­jek­ti­ver Hin­sicht Aus­druck einer Gesin­nung des Beschenk­ten ist, die in erheb­li­chem Maße die Dank­bar­keit ver­mis­sen lässt, die der Schen­ker erwar­ten kann 5. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, ist auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­fal­les zu beur­tei­len 6. Sie sind dar­auf­hin zu unter­su­chen, ob und inwie­weit erkenn­bar wird, dass der Beschenk­te dem Schen­ker nicht die durch Rück­sicht­nah­me gepräg­te Dank­bar­keit ent­ge­gen­bringt, die der Schen­ker erwar­ten darf. Anhalts­punk­te dafür, was der Schen­ker an Dank­bar­keit erwar­ten darf, kön­nen sich dabei nicht nur aus dem Gegen­stand und der Bedeu­tung der Schen­kung sowie dem Motiv hier­für erge­ben, son­dern auch aus der per­sön­li­chen Bezie­hung zwi­schen Schen­ker und Beschenk­tem. Dies gilt vor allem dann, wenn die­se von einer beson­de­ren Ver­ant­wort­lich­keit des Beschenk­ten gegen­über dem Schen­ker geprägt ist.

Dem hier­aus resul­tie­ren­den Erfor­der­nis, auch das per­sön­li­che Ver­hält­nis in die erfor­der­li­che Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls ein­zu­be­zie­hen, wird das Beru­fungs­ur­teil nicht gerecht. Die Wür­di­gung des fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts ist zwar grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters, an des­sen Fest­stel­lun­gen das Revi­si­ons­ge­richt gemäß § 559 Abs. 2 ZPO gebun­den ist. Das Revi­si­ons­ge­richt kann ledig­lich nach­prü­fen, ob sich der Tatrich­ter ent­spre­chend dem Gebot des § 286 ZPO mit dem Pro­zess­stoff und den Beweis­ergeb­nis­sen umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt hat 7. Die­ser Prü­fung hält die Wür­di­gung des Ober­lan­des­ge­richts aber nicht stand.

Denn das Ober­lan­des­ge­richt Köln hat das Ver­hal­ten des Beklag­ten, das sei­ne Mut­ter als Aus­druck gro­ben Undanks ange­se­hen hat, nicht in sei­ner Gesamt­heit erfasst und gewür­digt. Viel­mehr hat es ledig­lich aus dem Blick­win­kel des Beklag­ten geprüft, ob die von ihm in Bezug auf sei­ne Mut­ter getrof­fe­nen Maß­nah­men sach­lich gebo­ten und recht­lich zuläs­sig waren oder vom Beklag­ten für zuläs­sig gehal­ten wer­den durf­ten, und ihnen das einen Wider­ruf der Schen­kung recht­fer­ti­gen­de Gewicht abge­spro­chen.

So hat das Ober­lan­des­ge­richt die Fra­ge, ob nicht bereits der Abschluss des Heim­ver­trags und die Kün­di­gung des häus­li­chen Tele­fon­an­schlus­ses und des Not­rufs der Mut­ter, eine schwe­re Ver­feh­lung des Beklag­ten dar­stel­len kön­nen, mit dem blo­ßen Hin­weis auf die im Gut­ach­ten des MDK fest­ge­stell­te Erfor­der­lich­keit einer voll­sta­tio­nä­ren Pfle­ge und auf den spä­te­ren Antrag der Mut­ter auf Kurz­zeit­pfle­ge ver­neint und im Übri­gen dar­auf ver­wie­sen, dass die­se Maß­nah­men nicht end­gül­ti­ger Natur, son­dern jeder­zeit wie­der rück­gän­gig zu machen waren.

Eben­so hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln das Ver­hal­ten und die Anord­nun­gen des Beklag­ten nach dem Wider­ruf der Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht durch die Mut­ter nicht als schwe­re Ver­feh­lung sei­tens des Beklag­ten ange­se­hen, da der Beklag­te – gestützt auf die Fest­stel­lun­gen des MDK im Gut­ach­ten vom Sep­tem­ber 2009 – von einer mög­li­chen Geschäfts­un­fä­hig­keit der Mut­ter und damit von der Unwirk­sam­keit des Wider­rufs der Voll­macht habe aus­ge­hen dür­fen, und nicht ersicht­lich sei, inwie­weit dem medi­zi­nisch nicht vor­ge­bil­de­ten Beklag­ten ein nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts gebo­te­nes Gespräch mit sei­ner Mut­ter bes­se­re Erkennt­nis­se hin­sicht­lich deren Geschäfts­fä­hig­keit hät­te ver­schaf­fen kön­nen.

Die­se Erwä­gun­gen zei­gen, dass das Ober­lan­des­ge­richt den Kla­ge­vor­trag der Mut­ter nicht in sei­nem Kern erfasst und gewür­digt hat. Ent­schei­dend ist, ob der Beklag­te nach dem Vor­trag der Mut­ter durch sein Ver­hal­ten die gebo­te­ne Rück­sicht­nah­me auf die Belan­ge der Schen­ke­rin hat ver­mis­sen las­sen. Die Fra­ge, wel­che Rück­sicht­nah­me die Mut­ter erwar­ten durf­te, hat sich das Ober­lan­des­ge­richt Köln nicht erkenn­bar gestellt. Es hat viel­mehr haupt­säch­lich auf die sub­jek­ti­ve Sei­te abge­stellt und geprüft, wie die Moti­ve des Beklag­ten für sein Han­deln zu bewer­ten sind, ohne die inso­weit vor­ge­la­ger­te Fra­ge zu klä­ren, was die Mut­ter als Schen­ke­rin an Dank­bar­keit hät­te erwar­ten dür­fen. Zwar kann der Tatrich­ter ein grob undank­ba­res Ver­hal­ten gegen­über dem Schen­ker sowohl man­gels objek­tiv die gebo­te­ne Rück­sicht­nah­me auf die Belan­ge des Schen­kers ver­mis­sen las­sen­der Umstän­de als auch des­halb ver­nei­nen, weil sich das Ver­hal­ten des Beschenk­ten jeden­falls sub­jek­tiv nicht als Aus­druck einer undank­ba­ren Ein­stel­lung gegen­über dem Schen­ker dar­stellt. Die Beur­tei­lung der sub­jek­ti­ven Sei­te des Tat­be­stands kann aber in der Regel erst dann erfol­gen, wenn sich der Tatrich­ter dar­über Rechen­schaft abge­legt hat, wel­che Sach­ver­halts­ele­men­te objek­tiv geeig­net sind, einen den Wider­ruf der Schen­kung recht­fer­ti­gen­den Man­gel an von Dank­bar­keit gepräg­ter Rück­sicht­nah­me zum Aus­druck zu brin­gen. Aus­gangs­punkt für die danach zunächst vor­zu­neh­men­de objek­ti­ve Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de ist hier vor allem das Ver­trau­en der Mut­ter, das sie dem Beklag­ten ent­ge­gen­brach­te, indem sie ihm die Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht erteil­te und ihm damit die Mög­lich­keit gab, in ihrem Namen in allen sie betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten tätig zu wer­den und erfor­der­li­chen­falls auch tief in ihre Lebens­füh­rung ein­grei­fen­de Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sofern sie zu die­sen Ent­schei­dun­gen selbst nicht mehr in der Lage sein soll­te.

Die­sen Aus­gangs­punkt nimmt das Beru­fungs­ur­teil nicht hin­rei­chend in den Blick. Das Ober­lan­des­ge­richt hat ins­be­son­de­re nicht berück­sich­tigt, dass den Beklag­ten auf­grund der Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht und der damit gera­de bei einem Ver­lust der Geschäfts­fä­hig­keit ver­bun­de­nen weit­rei­chen­den Befug­nis­se gegen­über sei­ner Mut­ter eine beson­de­re per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung traf, die über die gene­rel­le im Eltern-Kind-Ver­hält­nis gel­ten­de Pflicht zu Bei­stand und gegen­sei­ti­ger Rück­sicht (§ 1618a BGB) hin­aus­ging und es gebot, dass der Beklag­te die per­so­nel­le Auto­no­mie sei­ner Mut­ter respek­tier­te und ihren Wil­len so weit wie mög­lich beach­te­te.

Hin­sicht­lich des Heim­ver­trags und der Kün­di­gung des häus­li­chen Not­rufs sowie des Tele­fon­an­schlus­ses kommt es weni­ger dar­auf an, ob die­se Maß­nah­men ohne nen­nens­wer­ten Auf­wand rück­gän­gig zu machen waren, als viel­mehr dar­auf, ob die bis dahin allein leben­de Mut­ter nicht hät­te erwar­ten dür­fen, dass der Beklag­te das per­sön­li­che Gespräch mit ihr suche, bevor er der­ar­ti­ge erheb­lich in ihre bis­he­ri­ge Lebens­füh­rung ein­grei­fen­de Maß­nah­men traf, zumal zu dem Zeit­punkt, als der Beklag­te die bean­stan­de­ten Rechts­ge­schäf­te auf der Grund­la­ge sei­ner Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht vor­ge­nom­men hat, weder abschlie­ßen­de medi­zi­ni­sche noch psych­ia­tri­sche Befun­de über den gesund­heit­li­chen und geis­ti­gen Zustand der Mut­ter vor­la­gen. So sind sowohl das Gut­ach­ten des MDK als auch das Schrei­ben der Mut­ter mit dem Antrag auf Kurz­zeit­pfle­ge, auf die das Ober­lan­des­ge­richt sei­ne Bewer­tung gestützt hat, erst erstellt wor­den, nach­dem der Beklag­te die bean­stan­de­ten Rechts­ge­schäf­te im ver­meint­li­chen Inter­es­se sei­ner Mut­ter bereits abge­schlos­sen hat­te.

Auch in Bezug auf das Ver­hal­ten des Beklag­ten nach dem Wider­ruf der Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht durch die Mut­ter stellt sich unab­hän­gig davon, ob der Beklag­te – wie das Ober­lan­des­ge­richt ange­nom­men hat – auf­grund der Fest­stel­lun­gen des MDK in sei­nem Gut­ach­ten vom Sep­tem­ber 2009 von einer mög­li­chen Geschäfts­un­fä­hig­keit der Mut­ter und damit von der Unwirk­sam­keit des Wider­rufs der Voll­macht hät­te aus­ge­hen dür­fen, im Hin­blick auf die beson­de­re Ver­ant­wor­tung, die dem Beklag­ten auf­grund der Gene­ral- und Betreu­ungs­voll­macht gegen­über sei­ner Mut­ter zukam, die Fra­ge, ob ein von Dank­bar­keit gepräg­tes Ver­hal­ten nicht ein per­sön­li­ches Gespräch mit der Mut­ter ver­langt hät­te, um mit ihr ihre Vor­stel­lun­gen über die wei­te­re Pfle­ge und Betreu­ung zu erör­tern und gege­be­nen­falls eine ein­ver­ständ­li­che Lösung zu fin­den.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, war­um ein sol­ches Gespräch nicht statt­ge­fun­den hat oder ob es hier­für etwa berech­tig­te Grün­de gege­ben hat. Damit hat es einen für die vor­zu­neh­men­de Gesamt­wür­di­gung wesent­li­chen Gesichts­punkt außer Acht gelas­sen. Jeden­falls kann das Unter­blei­ben eines sol­chen Gesprächs nicht allein damit gerecht­fer­tigt wer­den, dass nicht ersicht­lich sei, inwie­weit ein sol­ches Gespräch dem medi­zi­nisch nicht aus­ge­bil­de­ten Beklag­ten bes­se­re Erkennt­nis­se hin­sicht­lich der Geschäfts­fä­hig­keit sei­ner Mut­ter hät­te ver­schaf­fen kön­nen. Die beson­de­re Ver­ant­wor­tung, die der Beklag­te für sei­ne Mut­ter hat­te, erlaubt es nicht, dass das Ver­hal­ten des Beklag­ten aus­schließ­lich nach dem for­ma­len Aspekt beur­teilt wird, ob er von der Geschäfts­un­fä­hig­keit sei­ner Mut­ter und damit von der Unwirk­sam­keit des Wider­rufs der Voll­macht aus­ge­hen durf­te. Spä­tes­tens nach­dem die Mut­ter die Gene­ral­voll­macht des Beklag­ten wider­ru­fen, den Lang­zeit­pfle­ge­ver­trag gekün­digt und eine Kurz­zeit­pfle­ge bis zur Orga­ni­sa­ti­on der häus­li­chen Pfle­ge bean­tragt hat­te, muss­te dem Beklag­ten deut­lich wer­den, dass sei­ne Mut­ter einer­seits eine dau­er­haf­te Unter­brin­gung in dem von ihm aus­ge­such­ten Pfle­ge­heim ablehn­te, sie sich ande­rer­seits aber auch durch­aus bewusst war, dass sie in gewis­sem Umfang Pfle­ge und Betreu­ung benö­tig­te. Den­noch und obwohl eine fach­ärzt­li­che Beur­tei­lung der Fähig­kei­ten oder Ein­schrän­kun­gen der Mut­ter zu die­sem Zeit­punkt noch aus­stand, hat der Beklag­te auf dem Fort­be­stehen der Voll­macht und damit sei­ner aus­schließ­li­chen Bevoll­mäch­ti­gung bestan­den und auf deren Grund­la­ge Anwei­sun­gen gegen­über der Heim­lei­tung und dem Bevoll­mäch­tig­ten der Mut­ter getrof­fen, die erkenn­bar dem Wil­len der Mut­ter zuwi­der­lie­fen. Unab­hän­gig von der Fra­ge ihrer Geschäfts­fä­hig­keit durf­te die Mut­ter als Schen­ke­rin erwar­ten, dass der von ihr umfas­send bevoll­mäch­tig­te Beklag­te ihre per­so­nel­le Auto­no­mie respek­tier­te, indem er sie zunächst nach ihrem Wil­len hin­sicht­lich ihrer wei­te­ren Pfle­ge befrag­te, die­ser Wil­le, soweit es die Umstän­de zulie­ßen, berück­sich­tigt wur­de und, falls sich dies als nicht mög­lich erwies, mit ihr zumin­dest die Grün­de hier­für bespro­chen wur­den.

Bei einer Gesamt­wür­di­gung die­ser Umstän­de wider­sprach es nach den bis­her vom Ober­lan­des­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen objek­tiv einer von Dank­bar­keit gepräg­ten Rück­sicht­nah­me auf die Belan­ge der Mut­ter des Beklag­ten, wenn der Beklag­te trotz der Unsi­cher­hei­ten in Bezug auf die geis­ti­gen Fähig­kei­ten und die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit sei­ner Mut­ter wei­ter­hin auf der Grund­la­ge einer in ihrem Bestand unsi­che­ren Gene­ral­voll­macht Maß­nah­men traf, die in erheb­li­chem Maße in die Lebens­füh­rung sei­ner Mut­ter ein­grif­fen.

Es ist daher nicht aus­ge­schlos­sen, die­se Ver­feh­lung auch sub­jek­tiv als Aus­druck einer Gesin­nung des Beklag­ten zu wer­ten, die in erheb­li­chem Maße die Dank­bar­keit ver­mis­sen lässt, die die Schen­ke­rin erwar­ten konn­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. März 2014 – X ZR 94/​12

  1. LG Aachen, Urteil vom 22.07.2011 – 8 O 467/​10[]
  2. OLG Köln, Urteil vom 27.06.2012 – 13 U 165/​11[]
  3. BGH, Urteil vom 24.03.1983 – IX ZR 62/​82, BGHZ 87, 145, 148[]
  4. BGH, Urteil vom 19.01.1999 – X ZR 60/​97, NJW 1999, 1623[]
  5. BGH, Urteil vom 11.07.2000 – X ZR 89/​98, BGHZ 145, 35, 38; Urteil vom 11.10.2005 – X ZR 270/​02, Fam­RZ 2006, 196[]
  6. BGHZ 87, 145, 149; BGH, Urteil vom 23.05.1984 IVa ZR 229/​82, BGHZ 91, 273, 278; Urteil vom 13.11.2012 – X ZR 80/​11, NJW-RR 2013, 618 Rn. 11[]
  7. st. Rspr., vgl. BGHZ 145, 35, 38; BGH, Urteil vom 14.12 2004 – X ZR 3/​03, Fam­RZ 2005, 511; NJW-RR 2013, 618 Rn. 12[]