Wider­rufs­be­leh­rung – und der "frü­hes­te" Beginn der Wider­rufs­frist

Ein Hin­weis in der Wider­rufs­be­leh­rung, dass die Frist für den Wider­ruf "frü­hes­tens am Tag nach Erhalt die­ser Beleh­rung" beginnt, war nach dem bis zum 10.06.2010 gel­ten­den Recht unzu­rei­chend.

Wider­rufs­be­leh­rung – und der "frü­hes­te" Beginn der Wider­rufs­frist

Nach § 355 Abs. 2 Satz 1 BGB – in der im vor­lie­gen­den Streit­fall maß­geb­li­chen, bis zum 10.06.2010 gel­ten­den Fas­sung – begann die Wider­rufs­frist mit dem Zeit­punkt, zu dem dem Ver­brau­cher eine deut­lich gestal­te­te Beleh­rung über sein Wider­rufs­recht, die ihm ent­spre­chend den Erfor­der­nis­sen des ein­ge­setz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tels sei­ne Rech­te deut­lich macht, in Text­form mit­ge­teilt wor­den ist, die auch Namen und Anschrift des­je­ni­gen, gegen­über dem der Wider­ruf zu erklä­ren ist, und einen Hin­weis auf den Frist­be­ginn und die Rege­lung des § 355 Abs. 1 Satz 2 BGB ent­hält. Nach § 355 Abs. 1 Satz 2 BGB muss der Wider­ruf kei­ne Begrün­dung ent­hal­ten und ist in Text­form oder durch Rück­sen­dung der Sache inner­halb von zwei Wochen gegen­über dem Unter­neh­mer zu erklä­ren; zur Frist­wah­rung genügt die recht­zei­ti­ge Absen­dung. Nach § 355 Abs. 3 Satz 1 BGB aF erlischt das dem Ver­brau­cher nach § 312d Abs. 1 Satz 1 BGB aF bei Fern­ab­satz­ver­trä­gen zuste­hen­de Wider­rufs­recht spä­tes­tens sechs Mona­te nach Ver­trags­schluss. Dies gilt nach § 355 Abs. 3 Satz 3 BGB aF jedoch nicht, wenn der Ver­brau­cher nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­rufs­recht belehrt wor­den ist.

Die von der Unter­neh­me­rin erteil­te Wider­rufs­be­leh­rung ent­hält in Satz 3 den Hin­weis, dass die Frist für den Wider­ruf "frü­hes­tens am Tag nach Erhalt die­ser Beleh­rung" beginnt. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine sol­che Beleh­rung unzu­rei­chend, da sie den Ver­brau­cher nicht ein­deu­tig über den Beginn der Wider­rufs­frist auf­klärt. Die Ver­wen­dung des Wor­tes "frü­hes­tens" ermög­licht es dem Ver­brau­cher nicht, den Frist­be­ginn ohne wei­te­res zu erken­nen. Er ver­mag der For­mu­lie­rung ledig­lich zu ent­neh­men, dass die Wider­rufs­frist "jetzt oder spä­ter" begin­nen, der Beginn des Frist­ab­laufs also gege­be­nen­falls noch von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gen soll. Der Ver­brau­cher wird jedoch im Unkla­ren gelas­sen, wel­che etwai­gen Umstän­de dies sind 1.

Da schon die­ser Man­gel die Wider­rufs­be­leh­rung feh­ler­haft macht, kommt es nicht auf die Fra­ge an, ob die Beleh­rung Hin­wei­se auf die recht­li­chen Fol­gen eines erklär­ten Wider­rufs hät­te ent­hal­ten müs­sen oder ob eine sol­che Beleh­rung im Fal­le des von der Ver­brau­che­rin erklär­ten Schuld­bei­tritts aus­nahms­wei­se ent­behr­lich war 2. Nicht ent­schie­den wer­den muss fer­ner, ob die Wider­rufs­be­leh­rung der Unter­neh­me­rin als unmiss­ver­ständ­lich ange­se­hen wer­den kann, obwohl die Anga­be zum Frist­be­ginn in Satz 3 ledig­lich auf den "Erhalt die­ser Beleh­rung" abstellt, ohne den Zusatz "in Text­form" zu ver­wen­den 3.

Vor­lie­gend ent­spricht die Beleh­rung über das Wider­rufs­recht nicht gemäß § 14 Abs. 1 BGB-InfoV in der zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses gül­ti­gen Fas­sung den Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB aF. Zwar genügt nach die­ser Bestim­mung der BGB-Infor­ma­ti­ons­pflich­ten-Ver­ord­nung die Beleh­rung über das Wider­rufs­recht den Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB und den die­sen ergän­zen­den Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs, wenn das Mus­ter der Anla­ge 2 in Text­form ver­wandt wird. Das ist vor­lie­gend jedoch nicht gesche­hen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann sich ein Unter­neh­mer auf die Schutz­wir­kung des § 14 Abs. 1 BGB-InfoV aF nur beru­fen, wenn die Wider­rufs­be­leh­rung dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu die­ser Bestim­mung in der jeweils maß­geb­li­chen Fas­sung sowohl inhalt­lich als auch in der äuße­ren Gestal­tung voll­stän­dig ent­spricht 4. Bei voll­stän­di­ger Ver­wen­dung kann sich der Unter­neh­mer auf die in § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV aF gere­gel­te Fik­ti­on auch dann beru­fen, wenn das Mus­ter feh­ler­haft ist und den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB aF an eine ord­nungs­ge­mä­ße Wider­rufs­be­leh­rung nicht genügt 5. Unter­zieht der Ver­wen­der den Text der Mus­ter­be­leh­rung dage­gen einer eige­nen inhalt­li­chen Bear­bei­tung, so bleibt die mit der unver­än­der­ten Über­nah­me der Mus­ter­be­leh­rung ver­bun­de­ne Schutz­wir­kung nicht erhal­ten 6. Das gilt unab­hän­gig vom kon­kre­ten Umfang der vor­ge­nom­me­nen inhalt­li­chen Ände­run­gen, da sich schon mit Rück­sicht auf die Viel­ge­stal­tig­keit mög­li­cher indi­vi­du­el­ler Ver­än­de­run­gen des Mus­ters kei­ne ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge bestimm­te Gren­ze zie­hen lässt, bei deren Ein­hal­tung eine Schutz­wir­kung noch gel­ten und ab deren Über­schrei­tung sie bereits ent­fal­len soll 7. Uner­heb­lich ist des­halb auch, ob die Abwei­chun­gen von der Mus­ter­be­leh­rung nur in der Auf­nah­me von zutref­fen­den Zusatz­in­for­ma­tio­nen zuguns­ten des Beleh­rungs­emp­fän­gers bestehen 8.

Vor­lie­gend waren zwar im Ansatz auf das streit­ge­gen­ständ­li­che Schuld­ver­hält­nis gemäß Art. 229 § 22 Abs. 2 EGBGB das Bür­ger­li­che Gesetz­buch und die Ver­ord­nung über Infor­ma­ti­ons- und Nach­weis­pflich­ten nach bür­ger­li­chem Recht in der bis zum 10.06.2010 gel­ten­den Fas­sung anzu­wen­den. Maß­geb­lich ist danach die Mus­ter-Wider­rufs­be­leh­rung der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der vom 04.08.2009 bis zum 10.06.2010 gel­ten­den Fas­sung. Nach die­ser Fas­sung des Mus­ters für die Wider­rufs­be­leh­rung beginnt die Frist für die Aus­übung des Wider­rufs für den Ver­brau­cher nach Erhalt der Beleh­rung in Text­form. Die Mus­ter-Wider­rufs­be­leh­rung in der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV ent­hielt aller­dings nur bis zum 31.03.2008 den Hin­weis, dass die Wider­rufs­frist "frü­hes­tens" mit dem Erhalt der Beleh­rung beginnt.

Da die ver­wen­de­te Wider­rufs­be­leh­rung nicht der im Zeit­punkt der Abga­be der Ver­trags­er­klä­rung des Ver­brau­cher maß­geb­li­chen Mus­ter-Wider­rufs­be­leh­rung ent­sprach, kommt der Ver­wen­de­rin die Fik­ti­on nach § 14 Abs. 1 BGB-InfoV nicht zugu­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Novem­ber 2015 – I ZR 168/​14

  1. vgl. nur BGH, Urteil vom 19.07.2012 – III ZR 252/​11, BGHZ 194, 150 Rn. 13; Urteil vom 15.08.2012 – VIII ZR 378/​11, BGHZ 194, 238 Rn. 9, jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 02.02.2011 – VIII ZR 103/​10, NJW-RR 2011, 785 Rn. 17 ff., 24[]
  3. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 09.12 2009 – VIII ZR 219/​08, NJW 2010, 989 Rn. 14[]
  4. BGHZ 194, 150 Rn. 15; BGH, Urteil vom 18.03.2014 – II ZR 109/​13, NJW 2014, 2022 Rn. 15, jeweils mwN[]
  5. BGHZ 194, 238 Rn. 14; BGH, NJW 2014, 2022 Rn. 15[]
  6. BGH, Urteil vom 28.06.2011 – XI ZR 349/​10, ZIP 2011, 1858 Rn. 39; Urteil vom 01.03.2012 – III ZR 83/​11, NZG 2012, 427 Rn. 17[]
  7. BGH, ZIP 2011, 1858 Rn. 39; BGH, NZG 2012, 427 Rn. 17[]
  8. BGH, NJW 2014, 2022 Rn. 16[]
  9. in der ab dem 1.01.2002 gel­ten­den Fas­sung[]