Wider­rufs­be­leh­rung und die Mus­ter­be­leh­rung der BGB-InfoV

Dem Unter­neh­mer ist eine Beru­fung auf § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV und das Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung 1 jeden­falls dann ver­wehrt, wenn der Unter­neh­mer gegen­über dem Ver­brau­cher für die Wider­rufs­be­leh­rung kein For­mu­lar ver­wen­det hat, das der Mus­ter­be­leh­rung der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der dama­li­gen Fas­sung voll­stän­dig ent­spricht 2.

Wider­rufs­be­leh­rung und die Mus­ter­be­leh­rung der BGB-InfoV

Die vom Unter­neh­mer ver­wen­de­te Wider­rufs­be­leh­rung darf zwar gemäß § 14 Abs. 3 BGB-InfoV in For­mat und Schrift­grö­ße von der Mus­ter­be­leh­rung abwei­chen, muss aber – auch bei Ver­wen­dung des Tex­tes der Mus­ter­be­leh­rung – deut­lich gestal­tet sein (§ 355 Abs. 2 Satz 1 BGB).

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit war strei­tig, ob der Ver­käu­fer den gezahl­ten Kauf­preis für einen Com­pu­ter zurück­zu­zah­len hat, weil der Käu­fer sei­ne auf Abschluss des Fern­ab­satz­ver­trags gerich­te­te Wil­lens­er­klä­rung wirk­sam wider­ru­fen hat. Hier­für war ent­schei­dend, ob die dem Käu­fer mit der Rech­nung erteil­te Beleh­rung über das Wider­rufs­recht den Lauf der Frist in Gang gesetzt hat. Das war für den Bun­des­ge­richts­hof nicht der Fall:

Durch Art. 1 Nr. 7 – 13 Ver­brKrRL-UG 3 sind die Bestim­mun­gen der §§ 355 ff. BGB über das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht bei Ver­brau­cher­ver­trä­gen geän­dert wor­den. Die­se Ände­run­gen sind am 11. Juni 2010 in Kraft getre­ten (Art. 11 Abs. 1 Ver­brKrRL-UG). Dar­über hin­aus sind zu die­sem Zeit­punkt § 14 BGB-InfoV und die in den Anla­gen 2 und 3 zu § 14 BGB-InfoV gere­gel­ten Mus­ter für die Beleh­run­gen über das Wider­rufs- und das Rück­ga­be­recht auf­ge­ho­ben wor­den (Art. 9 Nr. 4 Ver­brKrRL-UG). Auf das vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof zu beur­tei­len­de Ver­trags­ver­hält­nis fin­den das Bür­ger­li­che Gesetz­buch und die BGB-Infor­ma­ti­ons­pflich­ten-Ver­ord­nung jedoch noch in der bis zum 11. Juni 2010 gel­ten­den Fas­sung Anwen­dung (Art. 229 § 22 Abs. 2 EGBGB). Gemäß § 16 BGB-InfoV ist für die Beur­tei­lung der vom Ver­käu­fer am 14. Febru­ar 2007 erteil­ten Wider­rufs­be­leh­rung das bis zum 31. März 2008 gel­ten­de Mus­ter für die Beleh­rung über das Wider­rufs­recht maß­ge­bend.

Die­se Beleh­rung war dabei hin­sicht­lich des Beginns der Frist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unzu­rei­chend und konn­te des­halb den Lauf der Frist nicht gemäß § 355 Abs. 2 BGB in Gang set­zen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass die For­mu­lie­rung "frü­hes­tens mit Erhalt die­ser Beleh­rung" den Ver­brau­cher über den nach § 355 Abs. 2 BGB maß­geb­li­chen Beginn der Wider­rufs­frist nicht rich­tig belehrt, weil sie nicht umfas­send ist. Der Ver­brau­cher kann der Ver­wen­dung des Wor­tes "frü­hes­tens" zwar ent­neh­men, dass der Beginn des Frist­laufs noch von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abhängt, wird jedoch dar­über im Unkla­ren gelas­sen, um wel­che Vor­aus­set­zun­gen es sich dabei han­delt 4. Das gilt auch im vor­lie­gen­den Fall.

Strit­tig war jedoch, ob die Wider­rufs­frist gleich­wohl zu lau­fen begon­nen hat, weil die Beleh­rung dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses gel­ten­den Fas­sung ent­spro­chen habe und sich der Ver­käu­fer Beklag­te des­halb auf die Schutz­wir­kung des § 14 Abs. 1 BGB-InfoV beru­fen kön­ne. Das trifft nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs jedoch nicht zu:

Es kann dabei für den Bun­des­ge­richts­hof dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Auf­fas­sung zutrifft, dass das in Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV gere­gel­te Mus­ter für die Wider­rufs­be­leh­rung in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung vom 2. Dezem­ber 2004 5 nich­tig sei, weil die dama­li­ge Fas­sung der Mus­ter­be­leh­rung den Bestim­mun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs nicht ent­spro­chen habe. Eine Beru­fung auf § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV und das Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung 6 ist dem Ver­käu­fer nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs schon des­halb ver­wehrt, weil der Ver­käu­fer gegen­über dem Käu­fer für die Wider­rufs­be­leh­rung kein For­mu­lar ver­wen­det hat, das dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der dama­li­gen Fas­sung voll­stän­dig ent­spricht 7.

Nach § 14 Abs. 1 BGB-InfoV genügt die Beleh­rung den Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB, wenn das Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 BGB-InfoV in Text­form ver­wandt wird. Dafür reicht es nicht aus, dass die vom Ver­käu­fer ver­wen­de­te Beleh­rung hin­sicht­lich des Beginns der Wider­rufs­frist mit der ent­spre­chen­den For­mu­lie­rung in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung des Mus­ters für die Wider­rufs­be­leh­rung in Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV wört­lich über­ein­stimmt. Auf die Schutz­wir­kung des § 14 Abs. 1 BGB-InfoV könn­te sich der Ver­käu­fer nur beru­fen, wenn er ein For­mu­lar ver­wen­det hät­te, das dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 BGB-InfoV in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung voll­stän­dig ent­spro­chen hät­te 8. Das ist in dem ent­schie­de­nen Rechts­streit nicht der Fall, die Wider­rufs­be­leh­rung des Ver­käu­fers ent­spricht nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs weder inhalt­lich noch ins­be­son­de­re in ihrer äuße­ren Gestal­tung dem Mus­ter in Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung:

Die Wider­rufs­be­leh­rung des Ver­käu­fers stimmt schon inhalt­lich nicht voll­stän­dig mit dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 BGB-InfoV über­ein. Es feh­len die im Mus­ter vor­ge­schrie­be­ne Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" und die die Beleh­rung glie­dern­den Zwi­schen­über­schrif­ten "Wider­rufs­recht", "Wider­rufs­fol­gen" und "finan­zier­te Geschäf­te". Statt­des­sen ent­hält die Wider­rufs­be­leh­rung nur die ein­zi­ge Über­schrift "Wider­rufs­recht". Durch die­se Über­schrift wird ver­schlei­ert, dass der Ver­brau­cher nicht nur ein Wider­rufs­recht hat, son­dern auch erheb­li­che Pflich­ten im Fal­le der Aus­übung die­ses Rechts. Die Beleh­rung wen­det sich auch nicht, wie es das Mus­ter vor­sieht, kon­kret an den Adres­sa­ten der Beleh­rung ("Sie"), son­dern ist abs­trakt for­mu­liert ("Ver­brau­cher"), ohne den Rechts­be­griff "Ver­brau­cher" zu erläu­tern. Schließ­lich fehlt in der Beleh­rung über das Wider­rufs­recht für finan­zier­te Geschäf­te der zwei­te Satz des Gestal­tungs­hin­wei­ses 9 der Mus­ter­be­leh­rung.

Vor allem aber genügt die Wider­rufs­be­leh­rung in ihrer äuße­ren Gestal­tung weder den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen noch der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 BGB-InfoV in der für den Ver­trags­schluss maß­geb­li­chen Fas­sung. Zwar darf die vom Unter­neh­mer ver­wen­de­te Wider­rufs­be­leh­rung in For­mat und Schrift­grö­ße von dem Mus­ter abwei­chen (§ 14 Abs. 3 BGB-InfoV). Dies ändert aber nichts dar­an, dass die Wider­rufs­be­leh­rung – auch bei Ver­wen­dung des Tex­tes der Mus­ter­be­leh­rung – "deut­lich gestal­tet" sein muss (§ 355 Abs. 2 Satz 1 BGB). Die­sem Deut­lich­keits­ge­bot genügt die im kon­kre­ten Fall erteil­te Wider­rufs­be­leh­rung – anders als die Mus­ter­be­leh­rung – nicht annä­hernd:

Durch das Feh­len der in der Mus­ter­be­leh­rung vor­ge­schrie­be­nen Über­schrift "Wider­rufs­be­leh­rung" wird für den Ver­brau­cher schon nicht hin­rei­chend deut­lich, dass die klein­ge­druck­ten Aus­füh­run­gen unter der Über­schrift "Wider­rufs­recht" eine für den Ver­brau­cher wich­ti­ge Beleh­rung ent­hal­ten, und zwar nicht nur über sein Wider­rufs­recht, son­dern auch über die mit der Aus­übung des Rechts ver­bun­de­nen Pflich­ten.

Dar­über hin­aus ist die Wider­rufs­be­leh­rung der Beklag­ten für einen durch­schnitt­li­chen Ver­brau­cher nur mit gro­ßer Mühe les­bar, weil die Schrift extrem klein ist und jeg­li­che Unter­glie­de­rung des Tex­tes fehlt. Es feh­len nicht nur die in der Mus­ter­be­leh­rung vor­ge­schrie­be­nen Zwi­schen­über­schrif­ten, son­dern auch jeg­li­che Absät­ze. So wird ins­be­son­de­re nicht deut­lich, dass sich unter der Über­schrift "Wider­rufs­recht" auch Aus­füh­run­gen zu den Wider­rufs­fol­gen und zu finan­zier­ten Geschäf­ten ver­ber­gen und an wel­cher Text­stel­le die betref­fen­den Aus­füh­run­gen begin­nen und enden. Es kann des­halb kei­ne Rede davon sein, dass die Wider­rufs­be­leh­rung ins­ge­samt in einer der Mus­ter­be­leh­rung ent­spre­chen­den Wei­se deut­lich gestal­tet wäre; die­se gilt ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Infor­ma­tio­nen über die für den Ver­brau­cher nach­tei­li­gen Wider­rufs­fol­gen.

Damit weicht die Wider­rufs­be­leh­rung ins­be­son­de­re in ihrer äuße­ren Gestal­tung so erheb­lich von den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen und dem Mus­ter der Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGB-InfoV in der bis zum 31. März 2008 gel­ten­den Fas­sung ab, dass nicht fest­ge­stellt wer­den kann, der Ver­käu­fer hät­te ein For­mu­lar ver­wen­det, das die­sem Mus­ter voll­stän­dig ent­spricht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Dezem­ber 2010 – VIII ZR 82/​10

  1. BGBl. I 2004 S. 3102[]
  2. im Anschluss an BGH, Urtei­le vom 12.04.2007 – VII ZR 122/​06, BGHZ 172, 58 Rn. 12; und vom 09.12.2009 – VIII ZR 219/​08, NJW 2010, 989 zur Beleh­rung über das Rück­ga­be­recht[]
  3. Gesetz zur Umset­zung der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie, des zivil­recht­li­chen Teils der Zah­lungs­dienst­e­richt­li­nie sowie zur Neu­ord­nung der Vor­schrif­ten über das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht vom 29. Juli 2009, BGBl. I S. 2355[]
  4. BGH, Urteil vom 09.12.2009 – VIII ZR 219/​08, NJW 2010, 989 Rn. 13, 15[]
  5. BGBl. I S. 3102[]
  6. BGBl I 2004 S. 3102[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.12.2009 – VIII ZR 219/​08, zur Beleh­rung über das Rück­ga­be­recht; und vom 12.04.2007 – VII ZR 122/​06, BGHZ 172, 58 Rn. 12[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 09.12.2009 – VIII ZR 219/​08, aaO; BGH, Urteil vom 12.04.2007 – VII ZR 122/​06[]