Wie­der­ein­set­zung bei anwalt­li­cher Ver­tre­tung und fal­scher Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ist die Rechts­mit­tel­be­leh­rung (hier: in einer Land­wirt­schafts­sa­che) im ange­foch­te­nen Beschluss des Amts­ge­richts inhalt­lich falsch und legt ein Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ter in Befol­gung der fal­schen Beleh­rung und im Ver­trau­en auf die­se die Beschwer­de statt beim Amts­ge­richt als Aus­gangs­ge­richt beim Ober­lan­des­ge­richt als Beschwer­de­ge­richt ein, so gilt auch heu­te noch – vier­ein­halb Jah­re nach Inkraft­tre­ten des FamFG – trotz anwalt­li­cher Ver­tre­tung die Ver­mu­tung des § 17 Abs. 2 FamFG.

Wie­der­ein­set­zung bei anwalt­li­cher Ver­tre­tung und fal­scher Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richts Cel­le, an der es aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes für Beschwer­den, die im lau­fen­den Kalen­der­jahr ein­ge­legt wer­den, aber vor­über­ge­hend noch fest­hält, muss nicht nur bin­nen 2 Wochen seit Weg­fall des Hin­der­nis­ses der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag beim Beschwer­de­ge­richt gestellt, son­dern auch gemäß § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG die ver­säum­te Pro­zess­hand­lung nach­ge­holt, also die Beschwer­de beim Amts­ge­richt als Aus­gangs­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Das Ober­lan­des­ge­richt gewährt der Antrag­stel­le­rin die nach­ge­such­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes, obwohl die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen nach § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG nicht erfüllt sind.

For­ma­le Vor­aus­set­zung für die Wie­der­ein­set­zung ist nach § 18 Abs. 1 i. V. m. § 19 Abs. 1 FamFG, dass bin­nen 2 Wochen nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses beim Beschwer­de­ge­richt, also beim Ober­lan­des­ge­richt, ein Antrag auf Wie­der­ein­set­zung gestellt wird 1 und zusätz­lich, dass bin­nen der­sel­ben Frist die ver­säum­te Pro­zess­hand­lung gemäß § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG nach­ge­holt wird. Das erfor­dert in den Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den, dass die Ein­rei­chung der Beschwer­de­schrift gemäß § 64 Abs. 1 Satz 1 FamFG beim Aus­gangs­ge­richt, also dem Amts­ge­richt, bin­nen 2 Wochen nach­ge­holt wer­den muss.

Hier hat die Antrag­stel­le­rin zwar am letz­ten Tag der Frist und damit recht­zei­tig den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag beim Ober­lan­des­ge­richt gestellt, nicht hin­ge­gen die bis­lang ver­säum­te Ein­le­gung der Beschwer­de beim Amts­ge­richt nach § 18 Abs. 3 Satz 2 FamFG nach­ge­holt. Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hat jedoch in sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung den Stand­punkt ver­tre­ten, dass dies unschäd­lich sei. So heißt es im OLG, Beschluss vom 13.01.2014 aus­zugs­wei­se 2): "Zuläs­sig war es auch, den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag, über den ohne­hin das Ober­lan­des­ge­richt zu ent­schei­den hat­te, ohne Umweg über das Land­wirt­schafts­ge­richt und ohne erneu­te Beschwer­de­ein­le­gung dort direkt an den Land­wirt­schafts­se­nat zu rich­ten 3."

Indes wider­spricht die­se Sicht­wei­se dem Geset­zes­wort­laut und hat, soweit ersicht­lich, in der Recht­spre­chung kei­ne Gefolg­schaft gefun­den 4.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hält daher an sei­ner bis­he­ri­gen Ent­schei­dungs­pra­xis nur aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes noch bis zum Jah­res­en­de fest, behält sich danach aber eine Ände­rung sei­ner Recht­spre­chung aus­drück­lich vor.

Des Wei­te­ren ist sach­li­che Vor­aus­set­zung für die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung, dass der betref­fen­de Betei­lig­te "ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert" war, die ver­säum­te Frist ein­zu­hal­ten (§ 17 Abs. 1 FamFG). Dabei wird das feh­len­de Ver­schul­den nach Absatz 2 der genann­ten Vor­schrift gesetz­lich ver­mu­tet, wenn die Rechts­be­helfs­be­leh­rung unter­blie­ben, oder – so wie hier – feh­ler­haft ist.

Nach der alten Rechts­la­ge, also unter Gel­tung des FGG vor Inkraft­tre­ten des

FamFG zum 01.09.2009, konn­te die Beschwer­de alter­na­tiv ent­we­der beim Aus­gangs­ge­richt oder beim Beschwer­de­ge­richt ein­ge­legt wer­den. Hin­ter­grund die­ser alten Rege­lung war, dass bei land­wirt­schafts­ge­richt­li­chen Haupt­sa­che­ent­schei­dun­gen eine Abhil­fe durch das Amts­ge­richt als Aus­gangs­ge­richt nicht mög­lich war. Dem­ge­gen­über hat die Neu­re­ge­lung durch § 68 Abs. 1 FamFG eine Abhil­fe­prü­fung und ‑mög­lich­keit durch das Amts­ge­richt geschaf­fen und fol­ge­rich­tig gemäß § 64 Abs. 1 Satz 1 FamFG eine Ein­le­gung des Rechts­mit­tels (nur noch) beim Aus­gangs­ge­richt vor­ge­schrie­ben. Die­se gesetz­li­che Ände­rung ist von Anfang an bis zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt sowohl von den Gerich­ten als auch von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und ihren Bevoll­mäch­tig­ten nur unge­nü­gend wahr­ge­nom­men und umge­setzt wor­den. So wer­den in land­wirt­schafts­ge­richt­li­chen Beschlüs­sen des Amts­ge­richts auch heu­te noch zum Teil, wie auch im vor­lie­gen­den Fall, Rechts­mit­tel­be­leh­run­gen ver­wen­det, nach denen die Beschwer­de ver­meint­lich auch beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­legt wer­den kann, was tat­säch­lich aber nicht der Fall ist. Eben­so wird die Beschwer­de dann, auch von anwalt­lich ver­tre­te­nen Betei­lig­ten, der inso­weit fal­schen Rechts­mit­tel­be­leh­rung fol­gend beim Land­wirt­schafts­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts statt beim Amts­ge­richt – Land­wirt­schafts­ge­richt – ein­ge­legt.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat daher seit Inkraft­tre­ten des FamFG bei feh­ler­haf­ter Rechts­mit­tel­be­leh­rung stets Wie­der­ein­set­zung gewährt 5.

Im vor­lie­gen­den Fall wen­det der Antrags­geg­ner aller­dings ein, nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung gel­te die gesetz­li­che Ver­mu­tung des feh­len­den Ver­schul­dens bei fal­scher oder unvoll­stän­di­ger Rechts­mit­tel­be­leh­rung nach § 17 Abs. 2 FamFG nicht 6. Der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag sei daher als unbe­grün­det zurück­zu­wei­sen. Jedoch betraf die vom Antrags­geg­ner unter Bezug genom­me­ne Ent­schei­dung BGH Fam­RZ 2010, 1425 einen Sach­ver­halt, in dem die Rechts­mit­tel­be­leh­rung betref­fend die Mög­lich­keit der Ein­le­gung einer Rechts­be­schwer­de zum Bunds­ge­richts­hof nicht inhalt­lich falsch, son­dern nur unvoll­stän­dig war, wobei die zugrun­de lie­gen­den Vor­schrif­ten, in dem Fall die §§ 71 und 10 Abs. 4 Satz 1 FamFG, zutref­fend zitiert waren. Ein Rechts­an­walt müs­se aber einer­seits ohne­hin wis­sen, dass eine Rechts­be­schwer­de zum BGH nur durch einen beim BGH zuge­las­se­nen Anwalt ein­ge­legt wer­den kann, zum ande­ren müs­se er die in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung zutref­fend ange­ge­be­nen Vor­schrif­ten, aus denen sich dies erge­be, nöti­gen­falls nach­le­sen, um sich auf die­se Wei­se die erfor­der­li­che Kennt­nis zu ver­schaf­fen. Gegen­über einem Rechts­an­walt sei daher ein voll­stän­di­ger und zutref­fen­der Hin­weis auf die gesetz­li­chen Grund­la­gen des zuläs­si­gen Rechts­mit­tels aus­rei­chend 7.

Im vor­lie­gen­den Fall ent­hielt die Rechts­mit­tel­be­leh­rung dage­gen kei­nen Hin­weis auf die gesetz­li­chen Grund­la­gen; eine Anga­be von Nor­men fehl­te voll­stän­dig. Zudem war die text­li­che Beleh­rung nicht nur unvoll­stän­dig, son­dern inhalt­lich falsch, indem es hieß, die Beschwer­de kön­ne nicht nur beim Amts­ge­richt Hil­des­heim, son­dern auch beim Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ein­ge­legt wer­den. Letz­te­res hat der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te in Befol­gung der fal­schen Beleh­rung und im Ver­trau­en auf die­se getan, wie glaub­haft dar­ge­legt wor­den ist. Jeden­falls in einem sol­chen Fall muss es nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts – trotz anwalt­li­cher Ver­tre­tung – bei der Ver­mu­tung nach § 17 Abs. 2 FamFG blei­ben und die Kau­sa­li­tät der fal­schen Beleh­rung für die Ver­säu­mung der betref­fen­den Frist auch 4 1/​2 Jah­re nach Inkraft­tre­ten des FamFG noch ange­nom­men wer­den 8.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 22. Mai 2014 – 7 W 24/​14 (L)

  1. vgl. Keidel/​Sternal, FamFG, 18. Aufl.2014, § 19, Rn. 3[]
  2. OLG Cel­le, Beschluss vom 13.01.2014 – 7 W 81/​13 (L[]
  3. vgl. OLG Dres­den FGPrax 2011, 103, Rn. 9; OLG Cel­le, Beschluss vom 23.10.2012 – 7 W 44/​12[]
  4. vgl. OLG Dres­den, Beschluss vom 14.01.2014 – 19 UF 398/​13NZFam 2014, 372, Rn. 13 und OLG Cel­le, Beschluss vom 16.01.2014 – 10 UF 248/​13, Jur­Bü­ro 2014, 210, Rn. 13; jew. zit. n. juris[]
  5. vgl. OLG, Beschluss vom 13.01.2014 – 7 W 81/​13 (L) 8; vgl. auch OLG Olden­burg, Beschluss vom 22.12 2011 – 10 W 11/​11 7 ff.[]
  6. vgl. BGH Fam­RZ 2010, 1425, Rn. 11; ders. Fam­RZ 2011, 1649, Rn. 18[]
  7. BGH, a. a. O., Rn. 12, 15[]
  8. vgl. auch OLG Olden­burg, a. a. O., Rn. 15; Keidel/​Sternal, a. a. O., § 17 FamFG, Rn. 36 ff.[]