Wie­der­ein­set­zung bei Frist­ver­säu­mung

Auf all­ge­mei­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen bzw. Anwei­sun­gen für die Frist­wah­rung in einer Anwalts­kanz­lei kommt es für den Aus­schluss des einer Par­tei zuzu­rech­nen­den Ver­schul­dens ihres Anwalts (§ 85 Abs. 2, § 233 ZPO) an der Frist­ver­säu­mung dann nicht mehr an, wenn der Rechts­an­walt einer Kanz­lei­an­ge­stell­ten, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt, die bei Befol­gung die Frist­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te.

Wie­der­ein­set­zung bei Frist­ver­säu­mung

Zwar hat nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs die Beklag­te die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­säumt. Auf ihren recht­zei­ti­gen Antrag ist ihr jedoch gemäß §§ 233, 234 ZPO Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu bewil­li­gen.

Der gegen­tei­li­ge ange­foch­te­ne Beschluss ver­letzt die Beklag­te in ihrem ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten Anspruch auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (vgl. Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip). Die­ser ver­bie­tet es, einer Par­tei die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu ver­sa­gen, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und mit denen sie auch unter Berück­sich­ti­gung der Ent­schei­dungs­pra­xis des ange­ru­fe­nen Gerichts nicht rech­nen muss­te 1.

Die Rechts­be­schwer­de wen­det sich nicht gegen die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, dass den zweit­in­stanz­li­chen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den tref­fe, weil nach ihrem Vor­brin­gen in sei­ner Kanz­lei nicht gewähr­leis­tet sei, dass der Ablauf der Beru­fungs- und der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist schon bei Auf­trags­er­tei­lung durch den Man­dan­ten, spä­tes­tens aber bei Fer­ti­gung der Beru­fungs­schrift – gege­be­nen­falls unter dem Vor­be­halt der Vor­läu­fig­keit – notiert wer­de.

Sie bean­stan­det jedoch mit Recht, dass das Beru­fungs­ge­richt die Bedeu­tung der Ein­zel­an­wei­sung ver­kannt hat. Das Beru­fungs­ge­richt über­sieht näm­lich, dass es nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für den Aus­schluss des einer Par­tei zuzu­rech­nen­den Ver­schul­dens ihres Anwalts (§ 85 Abs. 2, § 233 ZPO) an der Frist­ver­säu­mung auf all­ge­mei­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen bzw. Anwei­sun­gen für die Frist­wah­rung in einer Anwalts­kanz­lei dann nicht mehr ankommt, wenn der Rechts­an­walt einer Kanz­lei­an­ge­stell­ten, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt, die bei Befol­gung die Frist­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te 2. Ein Rechts­an­walt darf grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass eine Büro­an­ge­stell­te, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung befolgt 3. Er ist des­halb im All­ge­mei­nen auch nicht ver­pflich­tet, sich anschlie­ßend über die Aus­füh­rung sei­ner Wei­sung zu ver­ge­wis­sern 4.

So liegt der Fall hier, denn nach dem anwalt­lich ver­si­cher­ten und durch eides­statt­li­che Ver­si­che­rung der Büro­an­ge­stell­ten N. glaub­haft gemach­ten Vor­trag der Beklag­ten hat ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­ner Büro­lei­te­rin Frau N. kon­kret mit­tels einer in die Rubrik "Fris­ten" des Pult­ord­ners des Sekre­ta­ri­ats geleg­ten schrift­li­chen Ver­fü­gung auf­ge­tra­gen, die Frist zur Begrün­dung der Beru­fung mit der dazu­ge­hö­ren­den Vor­frist im Fris­ten­ka­len­der zu notie­ren. Hät­te Frau N. die­se Ein­zel­an­wei­sung befolgt, wäre ihm die Akte recht­zei­tig vor­ge­legt und die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gewahrt wor­den. Bei die­ser Sach­la­ge ist nicht ersicht­lich, dass sich Män­gel bei der all­ge­mei­nen Orga­ni­sa­ti­on des Anwalts­bü­ros in einer die Wie­der­ein­set­zung aus­schlie­ßen­den Wei­se aus­ge­wirkt haben könn­ten 5. Zwar gilt der Grund­satz, dass ein Rechts­an­walt nicht ver­pflich­tet ist, die Aus­füh­rung einer Ein­zel­an­wei­sung zu kon­trol­lie­ren, nicht aus­nahms­los. Betrifft die Anwei­sung z. B. einen so wich­ti­gen Vor­gang wie die Ein­tra­gung einer Rechts­mit­tel­frist und wird sie nur münd­lich erteilt, müs­sen in der Kanz­lei aus­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen sein, dass die Anwei­sung in Ver­ges­sen­heit gerät und die Fris­tein­tra­gung unter­bleibt 6. Vor­lie­gend hat Rechts­an­walt B. die Anwei­sung jedoch nicht münd­lich, son­dern in schrift­li­cher Form erteilt. Da in einem sol­chen Fall die Gefahr, dass die Anwei­sung in Ver­ges­sen­heit gerät und die Ein­tra­gung der Frist des­halb unter­bleibt, wesent­lich nied­ri­ger ist als bei einer nur münd­lich erteil­ten Anwei­sung, ist eine Kon­trol­le hin­sicht­lich der Aus­füh­rung einer auf die­se Wei­se erteil­ten Ein­zel­an­wei­sung im Regel­fall nicht erfor­der­lich 7. Das die Büro­lei­te­rin N. tref­fen­de Ver­schul­den an der Nicht­aus­füh­rung der Anwei­sung von Rechts­an­walt B. ist der Beklag­ten nicht zuzu­rech­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2011 – VI ZB 23/​11

  1. vgl. BVerfGE 79, 372, 376 f.; BVerfG, NJW-RR 2002, 1004[]
  2. vgl. BGH, beschlüs­se vom 15.04.2008 – VI ZB 29/​07 und vom 13.04.2010 – VI ZB 65/​08, NJW 2010, 2287, Rn. 5; BGH, Beschlüs­se vom 26.09.1995 – XI ZB 13/​95, VersR 1996, 348; vom 18.03.1998 – XII ZB 180/​96, NJW-RR 1998, 1360 f.; vom 06.07.2000 – VII ZB 4/​00, NJW 2000, 2823; vom 02.07.2001 – II ZB 28/​00, NJW-RR 2002, 60 und vom 01.07.2002 – II ZB 11/​01, NJW-RR 2002, 1289 f.[]
  3. BGH, Beschluss vom 13.04.1997 – XII ZB 56/​97, NJW 1997, 1930[]
  4. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 06.10.1987 – VI ZR 43/​87, VersR 1988, 185, 186; BGH, Beschlüs­se vom 11.02.2003 – VI ZB 38/​02, VersR 2003, 1462 und vom 09.12.2003 – VI ZB 26/​03, VersR 2005, 138; BGH, Beschluss vom 13.04.1997 – XII ZB 56/​97, aaO[]
  5. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, VersR 2003, 1459 und BGH, Beschluss vom 09.01.2001 – VIII ZB 26/​00, NJW-RR 2001, 782, 783[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 05.11.2002 – VI ZR 399/​01, aaO; vom 04.11.2003 – VI ZB 50/​03, NJW 2004, 688, 689; vom 22.06.2004 – VI ZB 10/​04, VersR 2005, 383 f.; vom 12.06.2007 – VI ZB 76/​06, und vom 28.10.2008 – VI ZB 43/​08; v. Pentz, NJW 2003, 858, 863 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 15.04.2008 – VI ZB 29/​07[]