Wie­der­ein­set­zung bei unter­schla­ge­ner Ersatz­zu­stel­lung – aber nicht nach über einem Jahr

Ein nach Ablauf eines Jah­res nach dem Ende der ver­säum­ten Frist gestell­ter Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand ist auch dann unzu­läs­sig, wenn die Frist­ver­säu­mung dadurch ver­ur­sacht wor­den ist, dass ein zuzu­stel­len­des Schrift­stück von der Per­son, an die eine zuläs­si­ge Ersatz­zu­stel­lung erfolg­te, dem Emp­fän­ger vor­ent­hal­ten wur­de.

Wie­der­ein­set­zung bei unter­schla­ge­ner Ersatz­zu­stel­lung – aber nicht nach über einem Jahr

Nach § 234 Abs. 3 ZPO kann die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach Ablauf eines Jah­res, von dem Ende der ver­säum­ten Frist an gerech­net, nicht mehr bean­tragt wer­den. Wird zur Prü­fung der im Insol­venz­ver­fah­ren ange­mel­de­ten For­de­run­gen ein Prü­fungs­ter­min durch­ge­führt, muss ein Wider­spruch des Schuld­ners gegen eine ange­mel­de­te For­de­rung in die­sem Ter­min erfol­gen. Die Jah­res­frist des § 234 Abs. 3 ZPO ende­te daher ein Jahr nach dem Prü­fungs­ter­min vom 12.07.2010 und war zum Zeit­punkt des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags am 27.03.2015 längst abge­lau­fen.

Die abso­lu­te Aus­schluss­frist des § 234 Abs. 3 ZPO soll eine unan­ge­mes­se­ne Ver­zö­ge­rung des Rechts­streits ver­hin­dern und den Ein­tritt der Rechts­kraft gewähr­leis­ten. Sie ist mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar [1]. Es kann aber gebo­ten sein, sie im Ein­zel­fall aus­nahms­wei­se nicht anzu­wen­den, wenn nur so die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te des Antrag­stel­lers gewahrt wer­den kön­nen.

Ein sol­cher Aus­nah­me­fall liegt ins­be­son­de­re dann vor, wenn das Ver­säu­men der Jah­res­frist der Sphä­re des Gerichts und nicht der­je­ni­gen des Antrag­stel­lers zuzu­rech­nen ist [2]. Dann ver­bie­tet es der Anspruch einer Par­tei auf ein rechts­staat­li­ches, fai­res Ver­fah­ren (Art. 2 Abs. 1 iVm Art.20 Abs. 3 GG), die Par­tei mit ihrem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag wegen Ablaufs der Jah­res­frist aus­zu­schlie­ßen. Das Rechts­staats­prin­zip ist durch die Anwen­dung des § 234 Abs. 3 ZPO etwa dann ver­letzt, wenn der Par­tei eine feh­ler­haf­te Urteils­aus­fer­ti­gung zuge­stellt wur­de [3], wenn das Gericht über einen recht­zei­tig gestell­ten Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag nicht inner­halb eines Jah­res ent­schie­den [4] oder eine ableh­nen­de Ent­schei­dung über einen Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag nicht zuge­stellt hat [5], und wenn das Gericht bei einer Par­tei durch sei­ne Ver­fah­rens­wei­se über einen län­ge­ren Zeit­raum das Ver­trau­en erweckt hat, der ein­ge­leg­te Rechts­be­helf sei zuläs­sig [6] oder ein gestell­ter Wie­der­ein­set­zungs­an­trag sei begrün­det [7].

Im Streit­fall sind die Grün­de, derent­we­gen der Schuld­ner die Jah­res­frist des § 234 Abs. 3 ZPO ver­säumt hat, nicht der Sphä­re des Gerichts zuzu­rech­nen. Das Gericht hat das Schrei­ben, das die Auf­stel­lung der ange­mel­de­ten Delikts­for­de­run­gen und die nach § 175 Abs. 2 InsO vor­ge­schrie­be­ne Beleh­rung ent­hielt, dem Schuld­ner unter der von ihm ange­ge­be­nen Wohn­an­schrift durch Über­ga­be an sei­ne Mut­ter gemäß §§ 176, 178 Abs. 1 Nr. 1 ZPO wirk­sam zustel­len las­sen. Der Umstand, dass die Mut­ter das Schrei­ben nicht an den Schuld­ner wei­ter­lei­te­te, liegt in der Sphä­re des Schuld­ners und kann nicht dem Gericht zuge­rech­net wer­den. Dass der Schuld­ner das Ver­hal­ten sei­ner Mut­ter nicht zu ver­tre­ten hat, führt allein nicht zur Unan­wend­bar­keit der Aus­schluss­frist des § 234 Abs. 3 ZPO. Die­se greift selbst im Fal­le höhe­rer Gewalt ein [8].

Die Aus­schluss­frist des § 234 Abs. 3 ZPO schützt im Zivil­pro­zess ins­be­son­de­re das Ver­trau­en des Geg­ners auf den Ein­tritt der mate­ri­el­len Rechts­kraft einer Ent­schei­dung. Es wird des­halb ver­tre­ten, dass die Aus­schluss­frist nicht anzu­wen­den sei, wenn es an einem sol­chen schutz­wür­di­gen Ver­trau­en auf Sei­ten des Pro­zess­geg­ners fehlt, etwa weil die­ser die Ver­säu­mung der Aus­schluss­frist arg­lis­tig ver­an­lasst hat [9]. Ob die­ser Ansicht zu fol­gen ist, braucht nicht ent­schie­den zu wer­den, weil eine sol­che Fall­ge­stal­tung nicht vor­liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Janu­ar 2016 – IX ZA 24/​15

  1. BVerfG, Beschluss vom 18.12 1972 – 2 BvR 756/​71, zitiert nach BGH, Beschluss vom 19.02.1976 – VII ZR 16/​76, MDR 1976, 569; vom 24.09.1986 – VIII ZB 42/​86, VersR 1987, 256[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.03.2013 – VI ZB 68/​12, NJW 2013, 1684 Rn. 10; zu § 123 Abs. 2 Satz 4 PatG vgl. BPatG, Beschluss vom 30.01.2014 – 7 W (pat) 13/​14, nv Rn. 18[]
  3. BGH, Beschluss vom 07.07.2004 – XII ZB 12/​03, NJW-RR 2004, 1651, 1653[]
  4. BGH, Beschluss vom 12.06.1973 – VI ZR 121/​73, NJW 1973, 1373[]
  5. BGH, Beschluss vom 20.02.2008 – XII ZB 179/​07, NJW-RR 2008, 878 Rn. 15 f[]
  6. BGH, Urteil vom 15.12 2010 – XII ZR 27/​09, NJW 2011, 522 Rn. 37; BAG NJW 2004, 2112, 2114[]
  7. vgl. BVerfG, NJW 2004, 2149, 2150[]
  8. vgl. zu der ent­spre­chen­den Rege­lung in § 93 Abs. 2 Satz 5 BVerfGG: Hömig in Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, 2015, § 93 Rn. 69 unter Hin­weis auf BT-Drs. 12/​3628, S. 13; anders etwa die Rege­lung in § 60 Abs. 3 VwGO, § 56 Abs. 3 FGO, § 67 Abs. 3 SGG[]
  9. Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, 4. Aufl., § 234 Rn. 15; OLG Stutt­gart, NJW-RR 2002, 716, 717[]