Wirk­sa­me Pro­zess­voll­macht trotz Wahr­neh­mung wider­strei­ten­der Inter­es­sen

Einem Rechts­an­walt ist es – wenn auch in unter­schied­li­chem Umfang – sowohl straf­recht­lich wie auch berufs­recht­lich ver­bo­ten, wider­strei­ten­den Inter­es­sen ver­tre­ten. Ein Ver­stoß des Rechts­an­walts gegen das berufs­recht­li­che Ver­bot der Wahr­neh­mung wider­strei­ten­der Inter­es­sen (§ 43a Abs. 4 BRAO) berührt jedoch, wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt ent­schie­den hat, nicht die Wirk­sam­keit der ihm erteil­ten Pro­zess­voll­macht und der von ihm namens der Par­tei vor­ge­nom­me­nen Pro­zess­hand­lun­gen.

Wirk­sa­me Pro­zess­voll­macht trotz Wahr­neh­mung wider­strei­ten­der Inter­es­sen

Die Pro­zess­voll­macht ist, so der BGH, von dem zugrun­de lie­gen­den Geschäfts­be­sor­gungs­ver­trag unab­hän­gig. Mög­li­che Män­gel des (mög­li­cher­wei­se wegen des Ver­stos­ses gegen das Ver­bot unwirk­sa­men) Grund­ge­schäf­tes schla­gen auf die Pro­zess­voll­macht grund­sätz­lich nicht durch. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bis­lang nicht ent­schie­den, ob ein Ver­stoß gegen das Ver­bot der Wahr­neh­mung wider­strei­ten­der Inter­es­sen (§ 43a Abs. 4 BRAO) zur Anwen­dung des § 134 BGB und damit zur Unwirk­sam­keit des Anwalts­ver­tra­ges führt [1]. Der BGH muß­te die­se Fra­ge jedoch auch in dem ihm jetzt vor­lie­gen­den Fall nicht ent­schei­den. Selbst wenn all­ge­mein bei der Ver­tre­tung wider­strei­ten­der Inter­es­sen für § 134 BGB Raum wäre [2] und der Anwalts­ver­trag unwirk­sam wäre, führt dies nicht zur Nich­tig­keit der Pro­zess­voll­macht.

Es ent­spricht aner­kann­ter höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung, dass die Wirk­sam­keit der einem Rechts­an­walt erteil­ten Voll­macht und der von ihm namens der Par­tei vor­ge­nom­me­nen Rechts­hand­lun­gen unab­hän­gig vom Zustan­de­kom­men oder von der Wirk­sam­keit des Anwalts­ver­tra­ges ist [3].

Die Wirk­sam­keit von Rechts­hand­lun­gen eines Rechts­an­walts wird nicht durch einen Ver­stoß gegen ein berufs­recht­li­ches Tätig­keits­ver­bot berührt. Selbst bei Zuwi­der­hand­lung gegen umfas­sen­de und gene­rel­le Tätig­keits­ver­bo­te blei­ben die Hand­lun­gen des Rechts­an­walts wirk­sam, um die Betei­lig­ten im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit zu schüt­zen [4]. Zwar ist ein ohne die Erlaub­nis nach Art. 1 § 1 RBerG abge­schlos­se­ner Geschäfts­be­sor­gungs­ver­trag, der umfas­sen­de Befug­nis­se ent­hält, nich­tig und die Nich­tig­keit erfasst neben der umfas­sen­den Abschluss­voll­macht auch eine der Geschäfts­be­sor­ge­rin erteil­te Pro­zess­voll­macht zur Abga­be einer Zwangs­voll­stre­ckungs­un­ter­wer­fungs­er­klä­rung [5]. Der Ver­stoß gegen Art. 1 § 1 Abs. 1 Satz 1 RBerG i.V.m. § 134 BGB wirkt sich danach auch auf die pro­zes­sua­le Voll­macht aus, weil andern­falls Sinn und Zweck des gesetz­li­chen Ver­bots nicht zu errei­chen wären. Es muss die Wirk­sam­keit jeder Rechts­hand­lung ver­hin­dert wer­den, die sei­tens des uner­laubt rechts­be­ra­ten­den Geschäfts­be­sor­gers für sei­nen Auf­trag­ge­ber vor­ge­nom­men wird. Es wäre nicht hin­zu­neh­men, könn­te die Treu­hän­de­rin die Auf­trag­ge­ber nicht aus einer mate­ri­ell-recht­li­chen Haf­tungs­über­nah­me (§ 780 BGB) wirk­sam ver­pflich­ten, wohl aber zu ihren Las­ten eine pro­zes­sua­le Unter­wer­fungs­er­klä­rung abge­ben und auf die­se Wei­se einen – ungleich gefähr­li­che­ren – Voll­stre­ckungs­ti­tel schaf­fen. Die beson­de­ren recht­li­chen Fol­gen, die mit der Voll­stre­ckungs­un­ter­wer­fung nach § 794 Abs. 1 Nr. 5 ZPO ver­bun­den sind, gebie­ten daher die Anwen­dung des § 134 BGB [6]. Die Wahr­neh­mung der der Treu­hän­de­rin über­tra­ge­nen Auf­ga­ben setzt auch und gera­de auf pro­zes­sua­lem Gebiet gesi­cher­te Rechts­kennt­nis­se vor­aus, über die im all­ge­mei­nen nur Rechts­an­wäl­te und – nach behörd­li­cher Sach­kun­de­prü­fung – Per­so­nen ver­fü­gen, denen eine Erlaub­nis zur Besor­gung frem­der Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten erteilt wor­den ist. Wird weder ein Rechts­an­walt noch eine Per­son tätig, die die erfor­der­li­che Erlaub­nis vor­wei­sen kann, sind die auf pro­zes­sua­lem Gebiet vor­ge­nom­me­nen Hand­lun­gen unwirk­sam [7].
Die glei­chen Gesichts­punk­te wer­den dafür ange­führt, dass ein Ver­lust der Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft zugleich die einem Rechts­an­walt erteil­te Pro­zess­voll­macht ent­fal­len lässt [8].

Die­se Erwä­gun­gen sind jedoch auf die hier vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung nicht über­trag­bar. Der Schutz des Man­dan­ten gebie­tet kei­ne Erstre­ckung der etwai­gen Unwirk­sam­keit des Geschäfts­be­sor­gungs­ver­tra­ges auf die Pro­zess­voll­macht. Im Gegen­satz zu den vor­ste­hend erör­ter­ten Fall­grup­pen steht die Eigen­schaft des vor­ma­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten als zuge­las­se­ner Anwalt hier nicht in Zwei­fel. Das Bedürf­nis, die Man­dan­ten vor unge­eig­ne­ten Rechts­ver­tre­tern zu schüt­zen [9], wird nicht berührt. Bei einer Erstre­ckung der Nich­tig­keits­fol­ge des Anwalts­ver­tra­ges auf die Pro­zess­voll­macht, wür­de das Ver­trau­en der Beklag­ten sowie der übri­gen Pro­zess­be­tei­lig­ten, dass die Pro­zess­hand­lun­gen des von ihr beauf­trag­ten Anwalts wirk­sam sind, außer acht gelas­sen (BGH, Urteil vom 19. März 1993 – V ZR 36/​92, aaO). Daher ist an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fest­zu­hal­ten.

Die Erwä­gung des Beru­fungs­ge­richts, die Unwirk­sam­keit der Pro­zess­voll­macht erge­be sich auch dar­aus, dass der vor­ma­li­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten in einem kol­lu­si­ven Zusam­men­wir­ken mit ihr ver­sucht habe, den Ver­gü­tungs­an­spruch der Anwalts­so­zie­tät zu ver­ei­teln, ist nicht beacht­lich. Mate­ri­ell-recht­li­che Bestim­mun­gen des Ver­tre­tungs­rechts und hier­auf gegrün­de­te Erwä­gun­gen fin­den auf die pro­zes­sua­le Voll­macht kei­ne Anwen­dung. Die Vor­schrif­ten der §§ 78 ff ZPO bil­den für die Pro­zess­voll­macht ein Son­der­recht. Mate­ri­ell-recht­li­che Rege­lun­gen über die Voll­macht kön­nen daher nur Gel­tung erlan­gen, wenn die Zivil­pro­zess­ord­nung auf sie ver­weist oder in ihnen all­ge­mei­ne Rechts­ge­dan­ken der Stell­ver­tre­tung zum Aus­druck kom­men [10]. Des­halb kann der von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung gel­tend gemach­te Schutz des Pro­zess­geg­ners und der All­ge­mein­heit kei­ne Aus­nah­me recht­fer­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Mai 2009 – IX ZR 60/​08

  1. BGH, Urteil vom 23. Okto­ber 2003 – IX ZR 270/​02, WM 2004, 478, 481; Urteil vom 23. April 2009 – IX ZR 167/​07, z.V.b.; dazu auch Riedel/​Sußbauer/​Fraunholz, BRAGO 7. Aufl. § 1 Rn. 15; Klei­ne-Cosack, BRAO 4. Aufl. § 43a Rn. 123[]
  2. befür­wor­tend Fah­ren­dorf, in Rinsche/​Fahrendorf/​Ter­bil­le, Die Haf­tung des Rechts­an­walts 7. Aufl. Rn. 638[]
  3. BGHZ 56, 355, 358; BGH, Urtei­le vom 24. Janu­ar 1978 – VI ZR 220/​76, NJW 1978, 1003, 1004; vom 19. März 1993 – V ZR 36/​92, NJW 1993, 1926; vgl. fer­ner OLG Hamm NJW 1992, 1174, 1175 f; Ter­bil­le, in Rinsche/​Fahrendorf/​Terbille, aaO Rn. 61; Sieg, in Zugehör/​Fischer/​Sieg/​Schlee, Hand­buch der Anwalts­haf­tung 2. Aufl. Rn. 10[]
  4. BGH, Urteil vom 19. März 1993 – V ZR 36/​92, aaO[]
  5. BGHZ 154, 283, 286 f, vgl. fer­ner BGH, Urtei­le vom 11. Okto­ber 2001 – III ZR 182/​00, WM 2001, 2260, 2262; vom 14. Mai 2002 – XI ZR 151/​01, WM 2002, 1273, 1274; vom 17. Okto­ber 2006 – XI ZR 185/​05, WM 2007, 110, 112; vom 22. Mai 2007 – XI ZR 338/​05, Mitt­BayNot 2008, 204, 205[]
  6. vgl. BGHZ 139, 387, 392[]
  7. BGHZ 154, 283, 287[]
  8. BGH, Beschluss vom 22. April 2008 – X ZB 18/​07, MDR 2008, 873, 874; vgl. fer­ner BGHZ 166, 117, 123 Rn. 16[]
  9. BGHZ 166, 117, 123 Rn. 16; BGH, Beschluss vom 22. April 2008 – X ZB 18/​07, aaO[]
  10. BGHZ 154, 283, 287; BGH, Urteil vom 18. Dezem­ber 2002 – VIII ZR 72/​02, NJW 2003, 903, 904[]