Zah­lung auf eine frem­de Schuld – und die Insol­venz­an­fech­tung

Begleicht der spä­te­re Insol­venz­schuld­ner die gegen einen Drit­ten gerich­te­te For­de­rung des Anfech­tungs­geg­ners, kann sei­ne Leis­tung ent­gelt­lich sein, wenn sich der Zah­lungs­emp­fän­ger gegen­über sei­nem Schuld­ner durch Auf­rech­nung hät­te Befrie­di­gung ver­schaf­fen kön­nen.

Zah­lung auf eine frem­de Schuld – und die Insol­venz­an­fech­tung

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Til­gung einer frem­den Schuld als unent­gelt­li­che Leis­tung nach § 134 Abs. 1 InsO anfecht­bar, wenn die gegen den Drit­ten gerich­te­te For­de­rung des Zuwen­dungs­emp­fän­gers wert­los war; dann hat der Zuwen­dungs­emp­fän­ger wirt­schaft­lich nichts ver­lo­ren, was als Gegen­leis­tung für die Zuwen­dung ange­se­hen wer­den kann 1. Hier­von ist regel­mä­ßig aus­zu­ge­hen, falls über das Ver­mö­gen des For­de­rungs­schuld­ners wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net oder er zumin­dest insol­venz­reif war 2.

Bei der Beur­tei­lung der Zah­lungs­fä­hig­keit des Drit­ten zum Zeit­punkt der Zah­lung sind die spä­ter erfolg­ten Steu­er­erstat­tun­gen unbe­rück­sich­tigt zu las­sen. Denn in die Prü­fung, ob ein Schuld­ner in der Lage ist, die fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len (§ 17 Abs. 2 Satz 1 InsO), sind nur die­je­ni­gen liqui­den Mit­tel ein­zu­be­zie­hen, die sich der Schuld­ner kurz­fris­tig inner­halb von drei Wochen beschaf­fen kann 3. Dies traf auf die Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che nicht zu.

Die Steu­er­erstat­tun­gen kön­nen gleich­wohl für die Beur­tei­lung des Streit­fal­les von Bedeu­tung sein. Die Insol­venz­rei­fe des For­de­rungs­schuld­ners wird regel­mä­ßig dazu füh­ren, dass die For­de­rung des Zah­lungs­emp­fän­gers als wert­los und die Til­gung die­ser For­de­rung durch einen Drit­ten des­halb als unent­gelt­li­che Leis­tung zu bewer­ten ist. Es kön­nen aber auch aus­nahms­wei­se Umstän­de gege­ben sein, die es recht­fer­ti­gen, die getilg­te For­de­rung trotz Zah­lungs­un­fä­hig­keit des For­de­rungs­schuld­ners als wert­hal­tig zu beur­tei­len. Sol­che Umstän­de kön­nen etwa vor­lie­gen, wenn der Zah­lungs­emp­fän­ger die Mög­lich­keit hat, durch Pfän­dung auf einen wert­hal­ti­gen Rück­griffs­an­spruch des For­de­rungs­schuld­ners gegen den Insol­venz­schuld­ner zuzu­grei­fen 4. In ent­spre­chen­der Wei­se kann die getilg­te For­de­rung wert­hal­tig sein, wenn sich der Zah­lungs­emp­fän­ger durch Auf­rech­nung gegen eine For­de­rung sei­nes Schuld­ners Befrie­di­gung ver­schaf­fen und auf die­se Wei­se sei­ne For­de­rung trotz Insol­venz­rei­fe sei­nes Schuld­ners durch­set­zen kann. So kann es sich im Streit­fall ver­hal­ten.

Bei der Beur­tei­lung der Wert­hal­tig­keit der getilg­ten For­de­rung ist aller­dings auf den Zeit­punkt der Voll­endung des Rechts­er­werbs, also der ange­foch­te­nen Zah­lung, abzu­stel­len (§ 140 Abs. 1 InsO). Vor­an­ge­gan­ge­ne Leis­tun­gen des Zuwen­dungs­emp­fän­gers blei­ben des­halb eben­so außer Betracht wie etwa Vor­tei­le, die erst in einem mög­li­cher­wei­se spä­ter eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren ein­tre­ten 5. Die den Wert der For­de­rung bestim­men­de Durch­setz­bar­keit muss gleich­wohl nicht bereits zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt ihrer Beglei­chung in jeder Hin­sicht gege­ben sein. Es kann viel­mehr genü­gen, dass die gege­be­nen Umstän­de die künf­ti­ge Mög­lich­keit einer Befrie­di­gung durch Auf­rech­nung sicher erwar­ten las­sen. Sol­che Umstän­de ver­lei­hen – anders als unge­wis­se Hoff­nun­gen – der For­de­rung schon vor­ab einen ent­spre­chen­den Wert.

Im Streit­fall ist bis­her nicht fest­ge­stellt, auf­grund wel­cher Umstän­de die Kör­per­schaft- und Umsatz­steu­er­erklä­run­gen der GmbH für die Jah­re 2004 und 2005 im Jahr 2006 zu beträcht­li­chen Steu­er­erstat­tun­gen geführt haben. Nahe liegt, dass betref­fend die Kör­per­schaft­steu­er gerin­ge­re Gewin­ne erzielt wur­den als in den Vor­aus­zah­lungs­be­schei­den ange­nom­men (§ 31 Abs. 1 Satz 1 KStG, § 37 EStG) und betref­fend die Umsatz­steu­er gerin­ge­re Umsät­ze oder höhe­re Vor­steu­er­ab­zü­ge anfie­len als vor­an­ge­mel­det (§ 18 UStG), und dass des­halb die Steu­er­vor­aus­zah­lun­gen die fest­ge­setz­ten Steu­ern über­stie­gen. In die­sem Fall war das Ent­ste­hen der Auf­rech­nungs­la­ge im Kern schon ange­legt, als die ange­foch­te­ne Zah­lung der Insol­venz­schuld­ne­rin erfolg­te. Dies gilt ohne wei­te­res für das Ver­an­la­gungs­jahr 2004 und für das Jahr 2005 jeden­falls dann, wenn die GmbH – wofür die Ein­stel­lung ihres Geschäfts­be­triebs am 29.09.2005 spricht – nach der Zah­lung kei­ne Geschäf­te mehr tätig­te, die für die in Rede ste­hen­den Steu­ern von Bedeu­tung sein konn­ten, und auch kei­ne Vor­aus­zah­lun­gen mehr leis­te­te. Dann waren die für die ent­spre­chen­den Steu­ern maß­geb­li­chen Sach­ver­hal­te bereits ver­wirk­licht und die Grund­la­ge für einen Erstat­tungs­an­spruch gelegt. Auf die steu­er­recht­li­che Ent­ste­hung (§ 38 AO) oder gar Fest­set­zung des Erstat­tungs­an­spruchs kommt es in die­sem Zusam­men­hang nicht an. Ansprü­che auf Erstat­tung von Steu­er­vor­aus­zah­lun­gen ent­ste­hen aller­dings bereits im Zeit­punkt der Ent­rich­tung der Vor­aus­zah­lung unter der auf­schie­ben­den Bedin­gung, dass am Ende des Besteue­rungs­zeit­raums die geschul­de­te Steu­er gerin­ger ist als die Vor­aus­zah­lung 6. Unter die­sen Umstän­den wäre eine Auf­rech­nung selbst dann in Betracht gekom­men, wenn über das Ver­mö­gen der GmbH das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den wäre, bevor die Erstat­tungs­an­sprü­che der GmbH erfüll­bar waren (§ 95 Abs. 1 InsO) 7. Tat­säch­lich ist es zu einem sol­chen Insol­venz­ver­fah­ren bis heu­te nicht gekom­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. April 2013 – IX ZR 90/​10

  1. BGH, Urteil vom 16.11.2007 – IX ZR 194/​04, BGHZ 174, 228 Rn. 8; vom 06.12.2007 – IX ZR 113/​06, WM 2008, 229 Rn. 14; vom 22.10.2009 – IX ZR 182/​08, WM 2009, 2283 Rn. 8; vom 19.11.2009 – IX ZR 9/​08, WM 2010, 129 Rn. 8; vom 17.06.2010 – IX ZR 186/​08, WM 2010, 1421 Rn. 7[]
  2. BGH, Urteil vom 22.10.2009, aaO Rn. 8 f; vom 17.06.2010, aaO[]
  3. BGH, Urteil vom 24.05.2005 – IX ZR 123/​04, BGHZ 163, 134, 139; Beschluss vom 19.07.2007 – IX ZB 36/​07, BGHZ 173, 286 Rn. 30[]
  4. BGH, Urteil vom 19.11.2009 – IX ZR 9/​08, WM 2010, 129 Rn. 11; vgl. auch Urteil vom 27.04.2010 – IX ZR 122/​09, ZIn­sO 2010, 1091 Rn. 7[]
  5. BGH, Urteil vom 03.03.2005 – IX ZR 441/​00, BGHZ 162, 276, 281; vom 16.11.2007 – IX ZR 194/​04, BGHZ 174, 228 Rn. 10; vom 26.04.2012 – IX ZR 146/​11, WM 2012, 1131 Rn. 43[]
  6. BFHE 233, 114 Rn. 12 f mwN[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 24.03.1994 – IX ZR 149/​93, WM 1994, 1045, 1046; vom 09.03.2000 – IX ZR 355/​98, WM 2000, 933, 934; vom 29.06.2004 – IX ZR 147/​03, BGHZ 160, 1, 4; vom 19.07.2007 – IX ZR 81/​06, WM 2007, 1708 Rn. 23[]