Zah­lungs­kla­gen einer Gesell­schaft – und der Gesell­schaf­ter als Neben­in­ter­ve­ni­ent

Bei Zah­lungs­kla­gen einer Gesell­schaft gegen Nicht­ge­sell­schaf­ter hat der Gesell­schaf­ter regel­mä­ßig kein recht­li­ches Inter­es­se im Sin­ne des § 66 Abs. 1 ZPO am Bei­tritt zum Rechts­streit.

Zah­lungs­kla­gen einer Gesell­schaft – und der Gesell­schaf­ter als Neben­in­ter­ve­ni­ent

Das Inter­es­se einer Gesell­schaf­te­rin, am Aktiv­pro­zess der Gesell­schaft (hier: an einer fran­zö­si­schen SCI) teil­zu­neh­men, besteht nur in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht, da der Aus­gang des Pro­zes­ses nur den Wert ihres Gesell­schafts­an­teils beein­flus­sen kann.

Gemäß § 66 Abs. 1 ZPO kann der­je­ni­ge, der ein recht­li­ches Inter­es­se dar­an hat, dass in einem zwi­schen ande­ren Per­so­nen anhän­gi­gen Rechts­streit eine Par­tei obsiegt, die­ser Par­tei zum Zwe­cke ihrer Unter­stüt­zung bei­tre­ten. Dabei ist der Begriff des recht­li­chen Inter­es­ses weit aus­zu­le­gen 1. Es ist erfor­der­lich, dass der Neben­in­ter­ve­ni­ent zu der unter­stütz­ten Par­tei oder zu dem Gegen­stand des Rechts­streits in einem Rechts­ver­hält­nis steht, auf das die Ent­schei­dung des Rechts­streits durch ihren Inhalt oder ihre Voll­stre­ckung unmit­tel­bar oder auch nur mit­tel­bar recht­lich ein­wirkt. Der blo­ße Wunsch eines Neben­in­ter­ve­ni­en­ten, der Rechts­streit möge zuguns­ten einer Par­tei ent­schie­den wer­den, stellt ledig­lich einen Umstand dar, der ein tat­säch­li­ches Inter­es­se am Obsie­gen einer Par­tei zu erklä­ren ver­mag 2.

Ein recht­li­ches Inter­es­se für den Gesell­schaf­ter am Bei­tritt zu einem gegen die Gesell­schaft geführ­ten Pro­zess ist bei Per­so­nen­han­dels­ge­sell­schaf­ten wegen der Haf­tung nach §§ 128, 129, 161 Abs. 2 HGB aner­kannt 3. Bei Zah­lungs­kla­gen der Gesell­schaft gegen Nicht­ge­sell­schaf­ter ist dage­gen ein recht­li­ches Inter­es­se im Sin­ne des § 66 Abs. 1 ZPO nicht gege­ben. Das Inter­es­se, die Ver­mö­gens­si­tua­ti­on der Gesell­schaft als Klä­ge­rin zu ver­bes­sern, um etwa höhe­re Tan­tie­men von der kla­gen­den Gesell­schaft oder als Gesell­schaf­ter einer Akti­en­ge­sell­schaft auf­grund der ver­bes­ser­ten Ver­mö­gens­si­tua­ti­on der Gesell­schaft höhe­re Divi­den­den zu erhal­ten, ist ein rein wirt­schaft­li­ches und kein recht­li­ches 4.

Im vor­lie­gen­den Fall liegt das Inter­es­se der Gesell­schaf­te­rin dar­in, durch den Erfolg der Kla­ge der Gesell­schaft deren Ver­mö­gens­si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, um den Wert ihres Geschäfts­an­teils an der Gesell­schaft zu erhö­hen. Das ist ein rein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se und kein die Neben­in­ter­ven­ti­on nach § 66 Abs. 1 ZPO recht­fer­ti­gen­des recht­li­ches Inter­es­se.

Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung ergibt sich nicht aus dem Umstand, dass die Klä­ge­rin eine fran­zö­si­sche SCI ist, deren Gesell­schaf­te­rin die Neben­in­ter­ve­ni­en­tin ist. Denn auch die­se ver­fügt nach dem maß­geb­li­chen fran­zö­si­schen Recht über ein eige­nes Gesell­schafts­ver­mö­gen, wäh­rend die Gesell­schaf­ter ledig­lich einen Geschäfts­an­teil hal­ten 5. Das Inter­es­se der Gesell­schaf­te­rin als Gesell­schaf­te­rin einer SCI ist nur rein wirt­schaft­lich.

Das recht­li­che Inter­es­se für die Gesell­schaf­te­rin als Neben­in­ter­ve­ni­en­tin kann auch nicht dadurch begrün­det wer­den, dass im Fall eines Unter­lie­gens der Gesell­schaft 26 im Kla­ge­ver­fah­ren ein Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch für die Beklag­ten ent­ste­hen kann, für den die Gesell­schaf­te­rin akzes­so­risch haf­ten müss­te. Das recht­li­che Inter­es­se im Sin­ne des § 66 Abs. 1 ZPO muss sich aus der Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che erge­ben. Das Inter­es­se zur Ver­mei­dung einer ungüns­ti­gen Kos­ten­ent­schei­dung zu Las­ten der Haupt­par­tei genügt nicht. Es darf nicht erst durch den Rechts­streit geschaf­fen wer­den, in dem der Bei­tritt erfol­gen soll 6.

Ohne Erfolg blieb vor dem Bun­des­ge­richts­hof auch das Argu­ment, dass die ein­zel­nen Gesell­schaf­ter einer per­so­na­li­siert struk­tu­rier­ten Gesell­schaft etwa einer OHG oder KG als Ver­letz­te einer Untreue­hand­lung anzu­se­hen sei­en und ihnen des­we­gen nach § 406e Abs. 1 StPO auch ein Akten­ein­sichts­recht zuste­he. Die Fra­ge der Aus­le­gung des Straf­tat­be­stan­des der Untreue nach § 266 StGB und ein dar­aus im Straf­ver­fah­ren fol­gen­des Akten­ein­sichts­recht gemäß § 406e Abs. 1 StPO ist nicht gleich­zu­set­zen mit dem Erfor­der­nis eines recht­li­chen Inter­es­ses gemäß § 66 Abs. 1 ZPO am Obsie­gen des Rechts­streits der Gesell­schaft gegen­über einem Nicht­ge­sell­schaf­ter im Hin­blick auf eine Scha­dens­er­satz­for­de­rung. Dass der Gesell­schaf­ter inso­weit ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se hat, steht außer Fra­ge und nicht im Gegen­satz zur Aus­le­gung des Untreu­e­tat­be­stan­des des Straf­ge­setz­bu­ches 7, begrün­det aber aus sich her­aus kein Recht zum Bei­tritt nach § 66 Abs. 1 ZPO.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Juli 2018 – II ZB 28/​16

  1. st. Rspr. BGH, Urteil vom 17.01.2006 – X ZR 236/​01, BGHZ 166, 18 Rn. 7; Beschluss vom 18.11.2015 – VII ZB 2/​15, WM 2016, 532 Rn. 11[]
  2. BGH, Beschluss vom 10.02.2011 – I ZB 63/​09, NJW-RR 2011, 907 Rn. 10; Beschluss vom 24.04.2006 – II ZB 16/​05, ZIP 2006, 1218 Rn. 8, 12; Beschluss vom 18.11.2015 – VII ZB 2/​15, BGHZ 207, 378 Rn. 11[]
  3. BGH, Urteil vom 13.02.1974 – VIII ZR 147/​72, BGHZ 62, 131, 133; RG, JW 1911, 817; OLG Ham­burg, ZIP 1988, 663; Man­sel in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 66 Rn. 71; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, 5. Aufl., § 66 Rn. 9; Jaco­by in Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl., § 66 Rn. 12, 29[]
  4. vgl. RGZ 83, 182, 184; OLG Ros­tock, OLGR 2002, 423, 424; OLG Schles­wig, ZIP 1999, 1760, 1761; Man­sel in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 66 Rn. 73; Münch-KommZ­PO/­Schul­tes, 5. Aufl., § 66 Rn. 17; a.A. Henckel, Par­tei­leh­re und Streit­ge­gen­stand im Zivil­pro­zess, 1961, S. 145; Gum­mert in Münch­ner Hand­buch des Gesell­schafts­rechts, Bd. 1, 4. Aufl., § 19 Rn. 37; Neubauer/​Herchen in Münch­ner Hand­buch des Gesell­schafts­rechts, Bd. 1, 4. Aufl., § 70 Rn. 10[]
  5. Part Socia­le; Ferred/​Sonnenberger, Das fran­zö­si­sche Zivil­recht, Bd. 2, 2. Aufl., 2 L 129; Mel­chers, BWNotZ 2000, 58, 60[]
  6. Man­sel in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 66 Rn. 41; Jaco­by in Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl., § 66 Rn. 21; Wie­ser, Das recht­li­che Inter­es­se des Neben­in­ter­ve­ni­en­ten, 1962, S. 40; vgl. auch RGZ 169, 50, 51 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 23.02.2012 1 StR 586/​11, NStZ 2013, 38 Rn. 10, 19[]