Zah­lungs­un­fä­hig­keit und die Kennt­nis des Strom­ver­sor­gers

Im Rah­men eines Insol­venz­ver­fah­rens ist eine Rechts­hand­lung, die der Schuld­ner in den letz­ten zehn Jah­ren vor dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem Antrag mit dem Vor­satz, sei­ne Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen, vor­ge­nom­men hat, anfecht­bar, wenn der ande­re Teil zur Zeit der Hand­lung den Vor­satz des Schuld­ners kann­te. Die­se Kennt­nis wird gemäß § 133 Abs. 1 InsO ver­mu­tet, wenn der ande­re Teil wuss­te, dass die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners droh­te und dass die Hand­lung die Gläu­bi­ger benach­tei­lig­te.

Zah­lungs­un­fä­hig­keit und die Kennt­nis des Strom­ver­sor­gers

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich nun mit dem Pro­blem zu befas­sen, wenn der Anfech­tungs­geg­ner eine sol­che Kennt­nis von der dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners hat auf­grund der Kennt­nis von Umstän­den, die zwin­gend auf eine dro­hen­de oder bereits ein­ge­tre­te­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit hin­wei­sen.

Die­se Kennt­nis des Anfech­tungs­geg­ners vom Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gungs­vor­satz der Schuld­ne­rin wird nach § 133 Abs. 1 Satz 2 InsO ver­mu­tet, wenn der Anfech­tungs­geg­ner wuss­te, dass die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners droh­te und die jewei­li­ge Hand­lung die Gläu­bi­ger benach­tei­lig­te. Die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Vor­satz­an­fech­tung hat der Tatrich­ter gemäß § 286 ZPO unter Wür­di­gung aller maß­geb­li­chen Umstän­de des Ein­zel­fal­les auf der Grund­la­ge des Gesamt­ergeb­nis­ses der Ver­hand­lung und einer etwai­gen Beweis­auf­nah­me zu prü­fen 1. Inso­weit kön­nen die sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le der Vor­satz­an­fech­tung, bei denen es sich um inne­re, dem Beweis nur ein­ge­schränkt zugäng­li­che Tat­sa­chen han­delt, regel­mä­ßig nur mit­tel­bar aus objek­ti­ven Tat­sa­chen her­ge­lei­tet wer­den. Inso­weit ist zu beach­ten, dass sol­che Tat­sa­chen nur mehr oder weni­ger gewich­ti­ge Beweis­an­zei­chen dar­stel­len, die eine Gesamt­wür­di­gung nicht ent­behr­lich machen und nicht sche­ma­tisch im Sin­ne einer vom ande­ren Teil zu wider­le­gen­den Ver­mu­tung ange­wandt wer­den dür­fen.

Der Kennt­nis von der (dro­hen­den) Zah­lungs­un­fä­hig­keit steht auch im Rah­men des § 133 Abs. 1 InsO die Kennt­nis von Umstän­den gleich, die zwin­gend auf eine dro­hen­de oder bereits ein­ge­tre­te­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit hin­wei­sen 2. Es genügt daher, dass der Anfech­tungs­geg­ner die tat­säch­li­chen Umstän­de kennt, aus denen bei zutref­fen­der recht­li­cher Beur­tei­lung die dro­hen­de Zah­lungs­un­fä­hig­keit zwei­fels­frei folgt 3. Zah­lungs­un­fä­hig­keit ist in der Regel auch dann anzu­neh­men, wenn der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat (§ 17 Abs. 2 Satz 2 InsO), das heißt wenn ein Ver­hal­ten des Schuld­ners nach außen her­vor­ge­tre­ten ist, in dem sich typi­scher­wei­se aus­drückt, dass er nicht in der Lage ist, sei­ne fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfül­len. Zah­lungs­un­fä­hig­keit droht, wenn eine im Sin­ne von § 17 Abs. 2 Satz 1 InsO erheb­li­che Liqui­di­täts­lü­cke unter Berück­sich­ti­gung der bestehen­den, aber erst künf­tig fäl­lig wer­den­den Ver­bind­lich­kei­ten und der im ent­spre­chen­den Zeit­raum ver­füg­ba­ren Zah­lungs­mit­tel vor­aus­sicht­lich ein­tre­ten wird 4. Wer­den die Ver­bind­lich­kei­ten des Schuld­ners bei dem spä­te­ren Anfech­tungs­geg­ner über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg stän­dig in beträcht­li­chem Umfang nicht aus­ge­gli­chen und ist die­sem den Umstän­den nach bewusst, dass es noch wei­te­re Gläu­bi­ger mit unge­deck­ten Ansprü­chen gibt, begrün­det dies ein Beweis­an­zei­chen im Sin­ne eines Erfah­rungs­sat­zes 5. Soweit es um die Kennt­nis des Gläu­bi­gers von einer zumin­dest dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners geht, muss dar­auf abge­stellt wer­den, ob sich die schlep­pen­de, mög­li­cher­wei­se erst unter dem Druck einer ange­droh­ten Zwangs­voll­stre­ckung erfol­gen­de oder auch ganz aus­blei­ben­de Til­gung der For­de­rung des Gläu­bi­gers bei einer Gesamt­be­trach­tung der ihm bekann­ten Umstän­de, ins­be­son­de­re der Art der For­de­rung, der Per­son des Schuld­ners und des Zuschnitts sei­nes Geschäfts­be­trie­bes als aus­rei­chen­des Indiz für eine sol­che Kennt­nis dar­stellt 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Okto­ber 2009 – IX ZR 173/​07

  1. BGH, Urtei­le vom 12.07.2007 – IX ZR 235/​03, ZIP 2007, 2084, 2087; vom 13.08.2009 – IX ZR 159/​06, ZIn­sO 2009, 1909, 1911[]
  2. BGH, Urtei­le vom 24.05.2007 – IX ZR 97/​06, ZIP 2007, 1511, 1513; vom 20.11.2008 – IX ZR 188/​07, ZIn­sO 2009, 145, 146 Rn. 10 m.w.N.; vom 13.08.2009, aaO S. 1910 Rn. 8; Gan­ter WM 2009, 1441, 1444 f m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 19.02.2009 – IX ZR 62/​08, ZIn­sO 2009, 515, 516 Rn. 13, z.V.b. in BGHZ 180, 63).

    Zah­lungs­un­fä­hig im Sin­ne von § 17 InsO ist regel­mä­ßig, wer inner­halb von drei Wochen 10% oder mehr sei­ner fäl­li­gen Gesamt­ver­bind­lich­kei­ten nicht erfül­len kann ((BGHZ 163, 134 ff[]

  4. BGH, Urteil vom 13.08.2009, aaO S. 1910 Rn. 10[]
  5. BGH, Urteil vom 24.05.2007, aaO Rn. 24 m.w.N.; v. 13. August 2009, aaO[]
  6. BGH, Urteil 13.08.2009, aaO[]