Zeu­gen – und ihre erneu­te Ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Hat das Beru­fungs­ge­richt die Anhö­rung der Beklag­ten sowie die Ver­neh­mung der Zeu­gen nicht wie­der­holt, obwohl es deren Bekun­dun­gen anders gewür­digt hat als das Amts­ge­richt, ver­letzt die­se rechts­feh­ler­haf­te Anwen­dung der § 529 Abs. 1 Nr. 1, § 398 Abs. 1 ZPO den Anspruch der Beklag­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG 1.

Zeu­gen – und ihre erneu­te Ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt ist nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO grund­sätz­lich an die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des ers­ten Rechts­zu­ges gebun­den. Bei Zwei­feln an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen ist eine erneu­te Beweis­auf­nah­me zwin­gend gebo­ten.

Ins­be­son­de­re ver­pflich­tet das grund­rechts­glei­che Recht auf Wah­rung des recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) das Beru­fungs­ge­richt, die bereits in ers­ter Instanz ver­nom­me­nen Zeu­gen noch­mals gemäß § 398 Abs. 1 ZPO zu ver­neh­men, wenn es deren Aus­sa­gen anders wür­di­gen will als die Vor­in­stanz.

Die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen kann allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Rechts­mit­tel­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 2.

Glei­ches gilt bezüg­lich einer Par­tei­an­hö­rung 3.

So auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Indem das Beru­fungs­ge­richt gemeint hat, aus Erwä­gun­gen der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung zu einem ande­ren Ergeb­nis als das Amts­ge­richt zu gelan­gen, hat es die Wahr­heits­lie­be und/​oder die Urteils­fä­hig­keit der Zeu­gen und der Beklag­ten anders beur­teilt als das erst­in­stanz­li­che Gericht. Einer der Aus­nah­me­fäl­le, in denen das Beru­fungs­ge­richt ohne erneu­te Ver­neh­mung der Zeu­gen bezie­hungs­wei­se Anhö­rung der Par­tei ent­schei­den darf, liegt somit nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Okto­ber 2018 – VIII ZR 61/​18

  1. vgl. BVerfG, NJW 2005, 1487; BGH, Beschlüs­se vom 05.04.2006 – IV ZR 253/​05, VersR 2006, 949 Rn. 1 f.; vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 4; vom 30. Novem- ber 2011 – III ZR 165/​11 4 f.; vom 15.03.2012 – I ZR 125/​11 6 mwN; st. Rspr.[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, aaO Rn. 5; vom 02.08.2017 – VII ZR 155/​15, NJW-RR 2017, 1101 Rn. 14; jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.09.2017 – XII ZR 48/​17, NJW-RR 2018, 249 Rn. 12; vom 21.03.2018 – IV ZR 248/​17, NJW 2018, 2334 Rn. 11; jeweils mwN[]