Zeu­gen­be­weis – und die Beweis­wür­di­gung in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt darf ohne erneu­te Ver­neh­mung einer Zeu­gin deren Aus­sa­ge nicht anders wür­di­gen als das erst­in­stanz­li­che Gericht 1.

Zeu­gen­be­weis – und die Beweis­wür­di­gung in der Beru­fungs­in­stanz

Grund­sätz­lich steht es im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts, ob es Zeu­gen, die in der Vor­in­stanz bereits ver­nom­men wor­den sind, nach § 398 Abs. 1 ZPO erneut ver­nimmt. Das Beru­fungs­ge­richt ist zur noch­ma­li­gen Ver­neh­mung jedoch ver­pflich­tet, wenn es die Glaub­wür­dig­keit der Zeu­gen anders beur­tei­len will als das Erst­ge­richt 2; Glei­ches gilt dann, wenn das Beru­fungs­ge­richt die pro­to­kol­lier­te Aus­sa­ge eines Zeu­gen anders ver­ste­hen will als der Rich­ter der Vor­in­stanz 3 oder wenn es die Aus­sa­ge eines Zeu­gen für zu vage und für prä­zi­sie­rungs­be­dürf­tig hält 4 oder wenn es der Aus­sa­ge auch nur ein ande­res Gewicht, eine ande­re Trag­wei­te oder ein vom Wort­sinn abwei­chen­de Aus­le­gung geben will 5.

In all die­sen Fäl­len kann die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen nur unter­blei­ben, wenn sich das Rechts­mit­tel­ge­richt auf Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 6.

Das Beru­fungs­ge­richt durf­te auch im vor­lie­gen­den Fall nicht davon aus­ge­hen, dass eine erneu­te Ver­neh­mung der Zeu­gin nicht zu einer auch für das Beru­fungs­ge­richt ein­deu­ti­gen Aus­sa­ge füh­ren kön­ne. Es kann sein, dass die Zeu­gin vor dem Land­ge­richt nur des­halb kei­ne ein­deu­ti­gen Anga­ben in die­sem Sin­ne gemacht hat, weil das Land­ge­richt ihre Aus­sa­ge für ein­deu­tig ansah und daher nicht nach­frag­te. Es ist auch mög­lich, dass die Zeu­gin sich ein­deu­tig im Sin­ne des Ver­ständ­nis­ses des Land­ge­richts geäu­ßert hat, dies aber im Pro­to­koll nicht in die­ser Ein­deu­tig­keit fest­ge­hal­ten wor­den ist. Unter die­sen Umstän­den hät­te das Beru­fungs­ge­richt die Ehe­frau des Klä­gers erneut als Zeu­gin ver­neh­men und auf eine ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge hin­wir­ken müs­sen. Die­se war zwar nur Zeu­gin vom Hören­sa­gen, das ändert jedoch nichts dar­an, dass das Beru­fungs­ge­richt ihre pro­to­kol­lier­te Aus­sa­ge nicht ohne erneu­te Ver­neh­mung anders ver­ste­hen durf­te als das Land­ge­richt. Das ande­re Ver­ständ­nis betraf gera­de die Urteils­fä­hig­keit und das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen der Zeu­gin, aber auch die Voll­stän­dig­keit ihrer Aus­sa­ge.

Das ange­foch­te­ne Urteil beruht auf der Gehörs­ver­let­zung. Dies ist bereits dann der Fall, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Gericht bei ver­fah­rens­feh­ler­frei­em Vor­ge­hen anders ent­schie­den hät­te 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Novem­ber 2014 – IX ZR 31/​13

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2013 – XI ZR 8/​12, BKR 2013, 203 Rn. 12 f; vom 17.09.2013 – XI ZR 394/​12, NZG 2013, 1436 Rn. 9 ff; vom 01.04.2014 – XI ZR 171/​12, BKR 2014, 295 Rn. 18 f
  2. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 274 f; Beschluss vom 15.02.2011 – VI ZR 190/​10, VersR 2011, 817 Rn. 6
  3. BGH, Urteil vom 14.10.1981 – IVa ZR 152/​80, NJW 1982, 1052, 1053; vom 03.04.1984 – VI ZR 195/​82, NJW 1984, 2629 f
  4. BGH, Urteil vom 14.10.1981, aaO; vom 17.07.2002 – VIII ZR 151/​01, NJW-RR 2002, 1649, 1650
  5. BGH, Urteil vom 30.09.2014 – VI ZR 443/​13, zVb Rn. 23
  6. BGH, Urteil vom 29.09.2011 – VII ZR 87/​11, NJW 2011, 3780 Rn. 16; Beschluss vom 04.07.2013 – VII ZR 165/​12, BauR 2013, 1726 Rn. 12
  7. BGH, Beschluss vom 03.07.2014 – IX ZR 285/​13, ZIn­sO 2014, 1679 Rn. 15