Zeu­gen­ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt ist zur erneu­ten Ver­neh­mung eines Zeu­gen ver­pflich­tet, wenn es des­sen Aus­sa­ge anders ver­ste­hen will als die Vor­in­stanz.

Zeu­gen­ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt grund­sätz­lich an die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des ers­ten Rechts­zu­ges gebun­den. Bei Zwei­feln an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen ist eine erneu­te Beweis­auf­nah­me zwin­gend gebo­ten. Das gilt ins­be­son­de­re für die erneu­te Ver­neh­mung von Zeu­gen, die grund­sätz­lich gemäß § 398 Abs. 1 ZPO im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts steht. Das Beru­fungs­ge­richt ist des­halb ver­pflich­tet, einen in ers­ter Instanz ver­nom­me­nen Zeu­gen erneut zu ver­neh­men, wenn es die pro­to­kol­lier­te Aus­sa­ge anders als die Vor­in­stanz ver­ste­hen oder wür­di­gen will 1. Unter­lässt es dies, so ver­letzt es das recht­li­che Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG )der benach­tei­lig­ten Par­tei.

Die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen kann allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen (d.h. sei­ne Glaub­wür­dig­keit) noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit (d.h. die Glaub­haf­tig­keit) sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2012 – XII ZR 18/​11

  1. BGH Beschlüs­se vom 21.06.2011 II ZR 103/​10MDR 2011, 1133 Rn. 7; vom 10.11.2010 IV ZR 122/​09, NJW 2011, 1364 Rn. 5 f.; vom 14.07.2009 VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5 f.; BGH Urteil vom 22.05.2002 VIII ZR 337/​00, NJW-RR 2002, 1500[]
  2. BGH Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 – Rn. 5 mwN[]