Zurück­ver­wei­sung an das Beru­fungs­ge­richt – und die erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mung

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist nach der Zurück­ver­wei­sung der Sache durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht gehal­ten, die Ver­neh­mung eines Zeu­gen erneut durch­zu­füh­ren.

Zurück­ver­wei­sung an das Beru­fungs­ge­richt – und die erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mung

Ver­fah­rens­recht­lich hat es sich nach der Zurück­ver­wei­sung durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt um das­sel­be Beru­fungs­ver­fah­ren gehan­delt [1]. Dies gilt auch ange­sichts des Umstands, dass am zwei­ten Beru­fungs­ur­teil ande­re ehren­amt­li­che Rich­ter betei­ligt waren. Hier­in liegt kein Ver­stoß gegen den Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me (§ 355 ZPO).

Hat das Revi­si­ons­ge­richt unter Auf­he­bung des Beru­fungs­ur­teils, jedoch – wie hier – nicht unter Auf­he­bung des zweit­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens, die Sache in die Beru­fungs­in­stanz zurück­ver­wie­sen, bleibt eine im ers­ten Beru­fungs­ver­fah­ren durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me „in der Welt“. Es besteht kein Zwang, sie in jedem Fall zu wie­der­ho­len [2].

Das Gericht darf eine Beweis­wür­di­gung grund­sätz­lich auch dann vor­neh­men, wenn es die Beweis­auf­nah­me nicht selbst durch­ge­führt hat, wenn also die Zusam­men­set­zung des Gerichts zwi­schen Beweis­auf­nah­me und Ent­schei­dung gewech­selt hat. Das ergibt sich bereits dar­aus, dass die Zivil­pro­zess­ord­nung die Beweis­auf­nah­me durch den beauf­trag­ten und den ersuch­ten Rich­ter (§ 361 f. ZPO) vor­sieht. Ein Rich­ter­wech­sel nach einer Beweis­auf­nah­me erfor­dert daher nicht in jedem Fall deren Wie­der­ho­lung. Frü­he­re Zeu­gen­aus­sa­gen kön­nen durch Aus­wer­tung der Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le im Wege des Urkun­den­be­wei­ses ver­wer­tet wer­den, sofern es auf einen per­sön­li­chen Ein­druck von den Bekun­dun­gen nicht ankommt [3]. Ein Gericht ver­stößt erst dann gegen das Gebot der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me, wenn es sich auf Erwä­gun­gen zur Glaub­wür­dig­keit eines Zeu­gen stützt, ohne dass alle Rich­ter – etwa wegen eines Rich­ter­wech­sels – an des­sen Ver­neh­mung teil­ge­nom­men und so einen per­sön­li­chen Ein­druck von dem Zeu­gen gewon­nen haben oder auf eine akten­kun­di­ge und der Stel­lung­nah­me durch die Par­tei­en zugäng­li­che Beur­tei­lung zurück­grei­fen kön­nen [4]. Die form­lo­se Unter­rich­tung eines Teils des Spruch­kör­pers über den von ande­ren Mit­glie­dern gewon­ne­nen per­sön­li­chen Ein­druck genügt nicht [5].

Danach ist es nicht zu bean­stan­den, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt sich im zwei­ten Beru­fungs­ur­teil auf­grund des Inhalts der Sit­zungs­pro­to­kol­le vom 09.07.2014 und 7.08.2014, des Beschlus­ses vom 06.11.2014 und der vor­in­stanz­li­chen Anla­ge B 14 in der Lage gese­hen hat, die pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­gen und den gericht­li­chen Augen­schein abschlie­ßend zu wür­di­gen.

Am zwei­ten Beru­fungs­ur­teil haben zwar ande­re ehren­amt­li­che Rich­ter mit­ge­wirkt als an der ursprüng­li­chen Beweis­erhe­bung. Allein dar­aus folgt aber kein Ver­stoß gegen § 355 ZPO. Die Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts hat viel­mehr in ihrer nun­meh­ri­gen Zusam­men­set­zung auf die pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­gen und das Ergeb­nis der Augen­schein­ein­nah­me im Wege des Urkun­den­be­wei­ses zurück­grei­fen kön­nen.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Fall im zwei­ten Beru­fungs­ur­teil auch kei­ne unzu­läs­si­ge Beur­tei­lung der Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen E vor­ge­nom­men. Zwar hat es in den Ent­schei­dungs­grün­den die „Glaub­wür­dig­keit“ des Zeu­gen E ange­spro­chen. Damit bezieht es sich aber nicht auf eine – nach einem Rich­ter­wech­sel unzu­läs­si­ge – Wür­di­gung des per­sön­li­chen Ein­drucks des Zeu­gen. Viel­mehr behan­delt das Lan­des­ar­beits­ge­richt hier der Sache nach die Glaub­haf­tig­keit des Inhalts der pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­ge vor dem Hin­ter­grund einer gewis­sen Wider­sprüch­lich­keit. Die sach­li­che Wür­di­gung einer Aus­sa­ge anhand ander­wei­ti­ger Umstän­de ist trotz Aus­schei­dens der ursprüng­lich betei­lig­ten ehren­amt­li­chen Rich­ter zuläs­sig [6]. Der per­sön­li­che Ein­druck, den der Zeu­ge E bei sei­ner Ver­neh­mung gemacht hat, hat für das Lan­des­ar­beits­ge­richt im zwei­ten Beru­fungs­ur­teil kei­ne Rol­le gespielt.

Glei­ches gilt, soweit der Zeu­ge E nach Wür­di­gung durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt „sicher“ habe aus­schlie­ßen kön­nen, dem Betriebs­rat sei­en nach­träg­lich wei­te­re Anhö­rungs­un­ter­la­gen zuge­lei­tet wor­den. Die Bewer­tung als „sicher“ nimmt nicht Bezug auf den per­sön­li­chen Ein­druck, den der Zeu­ge bei sei­ner Ver­neh­mung gemacht hat, son­dern bewer­tet den Inhalt und die Abfol­ge sei­ner pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen. Dabei hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die letz­te, abschlie­ßen­de und zusam­men­fas­sen­de Aus­sa­ge zu die­sem The­men­kreis als „siche­ren“ Aus­schluss ande­rer Alter­na­ti­ven gewür­digt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 5. Dezem­ber 2019 – 2 AZR 240/​19

  1. vgl. BGH 28.09.2000 – IX ZR 6/​99, zu I 2 der Grün­de, BGHZ 145, 256; RG 1.11.1935 – VI 453/​34, zu 1 der Grün­de, RGZ 149, 157; 27.09.1938 – VII B 10/​38 – RGZ 158, 195; Zöller/​Heßler ZPO 33. Aufl. § 563 Rn. 2; Münch­Komm-ZPO/­Krü­ger 5. Aufl. § 563 Rn. 6[]
  2. BAG 14.02.1964 – 1 AZR 296/​63, zu 1 a aa und 1 b der Grün­de; Zöller/​Heßler ZPO 33. Aufl. § 563 Rn. 2; Münch­Komm-ZPO/­Krü­ger 5. Aufl. § 563 Rn. 6; Musielak/​Voit/​Ball ZPO 16. Auf­la­ge § 563 Rn. 8[]
  3. st. Rspr., vgl. nur BGH 4.02.1997 – XI ZR 160/​96, zu II 2 der Grün­de[]
  4. BGH 18.10.2016 – XI ZR 145/​14, Rn. 28 mwN, BGHZ 212, 286; 12.06.2012 – X ZR 132/​09, Rn. 31[]
  5. BGH 4.02.1997 – XI ZR 160/​96 – aaO[]
  6. vgl. BGH 12.06.2012 – X ZR 132/​09, Rn. 31[]