Zustellung „alsbald“ – und die Zahlung des Gerichtskostenvorschusses

Einer Partei ist in der Regel eine Erledigungsfrist von einer Woche zur Einzahlung des angeforderten Gerichtskostenvorschusses zuzugestehen1.

Zustellung „alsbald“ – und die Zahlung des Gerichtskostenvorschusses

Für die Frage der Fristwahrung ist auf den Eingang der Klage abzustellen, wenn sie der Beklagten demnächst i.S.v. § 167 ZPO zugestellt worden ist.

Eine Zustellung „demnächst“ nach Eingang des Antrags oder der Erklärung bedeutet eine Zustellung innerhalb einer nach den Umständen angemessenen, selbst längeren Frist, wenn die Partei oder ihr Prozessbevollmächtigter unter Berücksichtigung der Gesamtsituation alles Zumutbare für die alsbaldige Zustellung getan hat. Die Zustellung ist dagegen nicht mehr „demnächst“ erfolgt, wenn die Partei, der die Fristwahrung obliegt, oder ihr Prozessbevollmächtigter durch nachlässiges auch leicht fahrlässiges Verhalten zu einer nicht bloß geringfügigen Zustellungsverzögerung beigetragen hat. Hat der Veranlasser die Zustellung nicht vorwerfbar verzögert oder fällt ihm nur eine geringfügige Verzögerung zur Last, überwiegen regelmäßig seine Interessen gegenüber den Belangen des Zustellungsadressaten2. Bei der Bemessung einer Verzögerung ist auf die Zeitspanne abzustellen, um die sich der ohnehin erforderliche Zeitraum für die Zustellung der Klage als Folge der Nachlässigkeit des Klägers verzögert3. Dem Zustellungsveranlasser zuzurechnende Verzögerungen von bis zu 14 Tagen gelten regelmäßig als geringfügig und sind deshalb hinzunehmen4.

In dem hier vom Bundesgerichtshof beurteilten Streitfall hat der Kläger eine erste Kostenrechnung, die der Urkundsbeamte der Geschäftsstelle aufgrund der Streitwertangabe in der Klageschrift (100.000 €) erstellte, binnen einer Woche bezahlt. Auf eine zweite, an den Prozessbevollmächtigten des Klägers adressierte Kostenrechnung vom 14.03.2017, die auf richterlicher Festsetzung des vorläufigen Streitwerts auf 500.000 € beruhte, hat der Kläger den Kostenvorschuss am 11.04.2017 bei Gericht eingezahlt. Daraufhin ist die Klage zugestellt worden.

Das Oberlandesgericht Köln hat die rechtzeitig eingereichte Klage wegen Verstreichens der (hier: gesellschaftsvertraglichen) Klagefrist abgewiesen, da sie mangels rechtzeitiger Begleichung der zweiten Kostenrechnung nicht demnächst i.S.v. § 167 ZPO zugestellt worden sei5. Der Bundesgerichtshof sah dies anders, hob das klageabweisende Urteil auf und verwies den Rechtsstreit zurück an das Oberlandesgericht Köln:

Das Berufungsgericht ist im rechtlichen Ausgangspunkt zutreffend davon ausgegangen, dass der Kläger zunächst die nach richterlicher Festsetzung des vorläufigen Streitwerts erstellte Gerichtskostenrechnung vom 14.03.2017 abwarten durfte6. Nachdem die Kostenrechnung am 16.03.2017, einem Donnerstag, bei dem Prozessbevollmächtigten des Klägers einging, musste dieser sie prüfen und an den Kläger weiterleiten. Der dafür erforderliche Zeitraum ist im Allgemeinen mit drei Werktagen zu veranschlagen unter Ausklammerung des Eingangstages und von Wochenendtagen7. Er führt nicht zu einer der Partei zuzurechnenden Verzögerung, sondern zählt zum normalen Ablauf8. Die Prüfungs- und Weiterleitungsfrist begann mithin am 17.03.2017 und endete mit Ablauf des 21.03.2017.

Dem Kläger war darüber hinaus eine ausreichende Frist zur Bereitstellung und Einzahlung des Kostenvorschusses zuzubilligen9. Auch von einer auf die Wahrung ihrer prozessualen Obliegenheit bedachten Partei kann insbesondere nicht verlangt werden, an Wochenend- und Feiertagen für die Einzahlung des Kostenvorschusses zu sorgen10. Der Partei ist deshalb nach der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Bewirkung der Einzahlung in der Regel eine Erledigungsfrist von einer Woche zuzugestehen11. Soweit dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 25.10.201612 entnommen werden mag, dass sich die Frist für den Kosteneingang bei der Gerichtskasse stets auf höchstens drei Werktage beläuft, wird daran nicht festgehalten.

Die Frist zur Bereitstellung und Einzahlung des Kostenvorschusses durch den Kläger begann hiernach am 21.03.2017 und lief frühestens am 28.03.2017 ab. Ein die Verkürzung dieser Frist rechtfertigender Ausnahmefall ist schon deshalb nicht gegeben, weil der Kläger nach unverzüglicher Begleichung der ersten Kostenrechnung nicht ohne Weiteres mit der Nachforderung eines weiteren Vorschusses in überdies beträchtlicher Höhe (weitere 7.530 €) rechnen musste13. Da der Kläger den Kostenvorschuss am 11.04.2017 bezahlte, beträgt die ihm zuzurechnende Verzögerung der Zustellung der Klage nicht mehr als 14 Tage.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 10. Dezember 2019 – II ZR 281/18

  1. Anschluss an BGH, Urteile vom 29.09.2017 – V ZR 103/16, NJW-RR 2018, 461 Rn. 9; und vom 20.04.2018 – V ZR 202/16, NJW-RR 2018, 970 Rn. 36[]
  2. BGH, Urteil vom 10.02.2011 – VII ZR 185/07, NJW 2011, 1227 Rn. 8; Urteil vom 10.07.2015 – V ZR 154/14, ZIP 2015, 1898 Rn. 5; Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn. 15; Urteil vom 12.01.2016 – II ZR 280/14 12[]
  3. BGH, Urteil vom 10.02.2011 – VII ZR 185/07, NJW 2011, 1227 Rn. 8; Urteil vom 10.07.2015 – V ZR 154/14, ZIP 2015, 1898 Rn. 6; Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn.19; Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 24; Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 103/16, NJW-RR 2018, 461 Rn. 9; Urteil vom 20.04.2018 – V ZR 202/16, NJW-RR 2018, 970 Rn. 36[]
  4. BGH, Urteil vom 25.11.1985 – II ZR 236/84, NJW 1986, 1347, 1348; Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn. 15; Urteil vom 10.07.2015 – V ZR 154/14, ZIP 2015, 1898 Rn. 5; Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 24; Urteil vom 20.04.2018 – V ZR 202/16, NJW-RR 2018, 970 Rn. 36[]
  5. OLG Köln, Urteil vom 05.07.2018 – 18 U 122/17[]
  6. vgl. etwa BGH, Urteil vom 12.01.2016 – II ZR 280/14 12; Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 25[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2015 – V ZR 154/14, NJW 2015, 2666 Rn. 8[]
  8. BGH, Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 103/16, NJW-RR 2018, 461 Rn. 14 f.[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn.19; Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 25; vgl. auch Urteil vom 10.02.2011 – VII ZR 185/07, NJW 2011, 1227 Rn. 9[]
  10. BGH, Urteil vom 10.07.2015 – V ZR 154/15, ZIP 2015, 1898 Rn. 9; Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn.19; Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 25[]
  11. BGH, Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 103/16, NJW-RR 2018, 461 Rn. 9; Urteil vom 20.04.2018 – V ZR 202/16, NJW-RR 2018, 970 Rn. 36[]
  12. BGH, Urteil vom 25.10.2016 – II ZR 230/15, ZIP 2017, 281 Rn. 25[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 03.09.2015 – III ZR 66/14, ZIP 2015, 2501 Rn.19; Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 103/16, NJW-RR 2018, 461 Rn. 9[]

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