Zustel­lung an eine pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son – und ihre "dem­nächst erfolg­te" Hei­lung

Die Unwirk­sam­keit der Zustel­lung an eine pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son (§ 170 Abs. 1 Satz 2 ZPO) kann gemäß § 189 ZPO dadurch geheilt wer­den, dass das zuzu­stel­len­de Schrift­stück dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter der pro­zess­un­fä­hi­gen Per­son tat­säch­lich zugeht. § 167 ZPO erfasst auch die erst durch eine – ins­ge­samt noch "dem­nächst" erfol­gen­de – Hei­lung wirk­sam gewor­de­ne Zustel­lung.

Zustel­lung an eine pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son – und ihre "dem­nächst erfolg­te" Hei­lung

Auch in einem sol­chen Fall kann daher die Ver­jäh­rungs­frist (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB) durch die auf den Ein­gang des Mahn­an­trags zurück wir­ken­de Zustel­lung des Mahn­be­scheids noch recht­zei­tig gehemmt wer­den (§ 204 Abs. 1 Nr. 3 BGB, §§ 167, 189 ZPO).

Hei­lung der unwirk­sa­men Zustel­lung[↑]

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Beklag­te pro­zess­un­fä­hig (§ 52 ZPO, § 104 Nr. 2 BGB) mit der Fol­ge, dass die an sie gerich­te­te Zustel­lung des Mahn­be­scheids gemäß § 170 Abs. 1 Satz 2 ZPO unwirk­sam gewe­sen ist. Ob ein sol­cher Man­gel gemäß § 189 ZPO dadurch geheilt wer­den kann, dass der Mahn­be­scheid dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter (hier: dem Betreu­er) tat­säch­lich zugeht, ist umstrit­ten.

Eine Hei­lung gemäß § 189 ZPO für mög­lich hal­ten das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len 1 und Tei­le des Schrift­tums 2. Ein ande­rer Teil des Schrift­tums ver­neint dem­ge­gen­über eine Hei­lungs­mög­lich­keit nach § 189 ZPO 3.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich in Über­ein­stim­mung mit dem Beru­fungs­ge­richt der erst­ge­nann­ten Auf­fas­sung an.

Für die­se Ansicht spre­chen zunächst der Wort­laut und die Sys­te­ma­tik von § 189 ZPO. Danach ergibt sich kein Anhalt für eine Ein­schrän­kung der Hei­lungs­mög­lich­keit, ins­be­son­de­re nicht für einen Aus­schluss der Anwend­bar­keit auf die Unwirk­sam­keit der Zustel­lung an eine pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son gemäß § 170 Abs. 1 Satz 2 ZPO. Dass § 170 Abs. 1 Satz 2 ZPO die Unwirk­sam­keit aus­drück­lich anord­net, hat ledig­lich klar­stel­len­den Cha­rak­ter 4. Das Beru­fungs­ge­richt weist fer­ner zutref­fend dar­auf hin, dass eine Hei­lung gemäß § 189 Alt. 2 ZPO auch dann ein­tre­ten kann, wenn der Emp­fän­ger des zuzu­stel­len­den Schrift­stücks (s. § 182 Abs. 2 Nr. 2 ZPO) nicht mit der Per­son iden­tisch ist, die auf dem Schrift­stück bezie­hungs­wei­se des­sen Umschlag als Adres­sat der Zustel­lung ange­ge­ben ist (s. § 182 Abs. 2 Nr. 1 ZPO), sofern die Zustel­lung nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen an den tat­säch­li­chen Emp­fän­ger hät­te gerich­tet wer­den kön­nen (oder sogar, wie hier, hät­te gerich­tet wer­den müs­sen).

Hin­zu tre­ten Erwä­gun­gen des Gesetz­ge­bers und der Zweck der in Fra­ge ste­hen­den Vor­schrif­ten.

§ 189 ZPO soll nach der Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers für jede Zustel­lung gel­ten 5. Die­ser Norm liegt das Prin­zip der Zweck­er­rei­chung zugrun­de. Gelangt das zuzu­stel­len­de Schrift­stück zum rich­ti­gen Emp­fän­ger, so hat die Zustel­lung – mit Wir­kung ex nunc – ihren Zweck erfüllt. Woll­te man der Zustel­lung in die­sem Fal­le gleich­wohl die Wirk­sam­keit (durch Hei­lung) ver­sa­gen, so wäre dies eine unnö­ti­ge För­me­lei. Vor die­sem Hin­ter­grund ist § 189 ZPO weit aus­zu­le­gen 6.

Die beson­de­re Schutz­be­dürf­tig­keit der pro­zess­un­fä­hi­gen Per­son steht der Hei­lungs­mög­lich­keit nach § 189 ZPO nicht ent­ge­gen. Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt aus­ge­führt, dass der gesetz­li­che Ver­tre­ter, der eine an die von ihm ver­tre­te­ne pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son gerich­te­te Sen­dung erhält, hier­auf in aller Regel nicht anders reagiert als auf ein Schrift­stück, das an ihn in sei­ner Eigen­schaft als gesetz­li­cher Ver­tre­ter der pro­zess­un­fä­hi­gen Per­son adres­siert ist. In bei­den Fäl­len erkennt er, dass die Sen­dung der Sache nach die pro­zess­un­fä­hi­ge Per­son betrifft und er als ihr gesetz­li­cher Ver­tre­ter gehal­ten ist, den Inhalt des Schrift­stücks zur Kennt­nis zu neh­men und die danach gebo­te­nen Maß­nah­men zu ergrei­fen.

Rück­wir­kung auf den Ein­gangs­zeit­punkt des Mahn­an­trags[↑]

Der Bun­des­ge­richts­hof bejaht sodann auch die Rück­wir­kung des tat­säch­li­chen Zugangs des Mahn­be­scheids beim Betreu­er (hier: spä­tes­tens am 4. Janu­ar) auf den Zeit­punkt der Ein­rei­chung des Mahn­an­trags (hier: am 22.12) gemäß § 167 ZPO.

§ 167 ZPO erfasst auch die erst durch eine (ins­ge­samt noch "dem­nächst" erfol­gen­de) Hei­lung wirk­sam gewor­de­ne Zustel­lung 7, da die Fik­ti­on des § 189 ZPO sämt­li­che Rechts­fol­gen einer wirk­sa­men Zustel­lung her­bei­führt 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. März 2015 – III ZR 207/​14

  1. LSG NRW, Beschluss vom 22.08.2014 – L 13 SB 97/​14 14 ff[]
  2. Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 189 Rn. 5, 6; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 170 Rn. 12; so wohl auch Musielak/​Wittschier, ZPO, 11. Aufl., § 189 Rn. 3; unklar Münch­Komm-ZPO/Häub­lein, 4. Aufl., § 170 Rn. 4, 5 und § 189 Rn. 7, 8[]
  3. Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 35. Aufl., § 170 Rn. 3; Hk-ZPO/Ei­che­le, 6. Aufl., §170 Rn. 1; Beck­OK-ZPO/­Dörn­dor­fer, Stand 15.09.2014, § 170 Rn. 3; PG/​Tombrink/​Kessen, ZPO, 6. Aufl., § 170 Rn. 3[]
  4. s. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum Zustel­lungs­re­form­ge­setz, BT-Drs. 14/​4554, S. 17; so auch LSG NRW aaO Rn. 16[]
  5. s. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum Zustel­lungs­re­form­ge­setz aaO S. 25; s. auch LSG NRW aaO[]
  6. s. dazu etwa BGH, Urteil vom 27.01.2011 – VII ZR 186/​09, BGHZ 188, 128, 144 Rn. 47 mwN; Stein/​Jonas/​Roth aaO § 189 Rn. 1; Münch­Komm-ZPO/Häub­lein aaO § 189 Rn. 1 mwN in dor­ti­ger Fn. 3[]
  7. s. etwa Thomas/​Putzo/​Hüßtege aaO § 167 Rn. 9; Zöller/​Greger, aaO § 167 Rn. 16; Stein/​Jonas/​Roth aaO § 167 Rn. 17[]
  8. vgl. PG/​Tombrink/​Kessen aaO § 189 Rn. 6[]