Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils im Aus­land und die Ein­spruchs­frist

Das Gericht hat auf den Ein­spruch der Beklag­ten gegen das Ver­säum­nis­ur­teil gemäß § 341 Abs. 1 Satz 1 ZPO zunächst nur zu prü­fen, ob der Ein­spruch an sich statt­haft und in der ord­nungs­ge­mä­ßen Form und Frist ein­ge­legt wor­den ist. Da die Beklag­te die Ein­spruchs­frist nicht gewahrt hat, muss­te der Ein­spruch gemäß § 341 Abs. 1 Satz 2 ZPO ohne Sach­prü­fung und ohne Rück­sicht auf das ord­nungs­ge­mä­ße Zustan­de­kom­men des Ver­säum­nis­ur­teils ver­wor­fen wer­den 1.

Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils im Aus­land und die Ein­spruchs­frist

Der beschränk­te Prü­fungs­um­fang schmä­lert nicht den Anspruch der Beklag­ten auf recht­li­ches Gehör und auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz in rechts­wid­ri­ger Wei­se 2. Er beruht auf dem die recht­li­che Aus­ge­stal­tung des Ver­säum­nis­ver­fah­rens prä­gen­den Gedan­ken, im Inter­es­se der Pro­zess­be­schleu­ni­gung eine – auch durch ein feh­ler­haf­tes – Ver­säum­nis­ur­teil gewarn­te Par­tei zu beson­ders sorg­fäl­ti­ger Pro­zess­füh­rung anzu­hal­ten. Die mit dem Ein­spruchs­ver­fah­ren ver­bun­de­nen all­ge­mei­nen Erschwer­nis­se für die Inan­spruch­nah­me des recht­li­chen Gehörs, die sich aus der Ein­hal­tung der Ein­spruchs­frist erge­ben, tref­fen die im Aus­land ansäs­si­ge Par­tei – wie die Beklag­te – grund­sätz­lich nicht schär­fer als die im Inland ansäs­si­ge Par­tei. Auch die inlän­di­sche Par­tei ist an die Ein­spruchs­frist gebun­den.

Ist – wie hier – die Kla­ge­schrift als ver­fah­rens­ein­lei­ten­des Schrift­stück der beklag­ten Par­tei ord­nungs­ge­mäß zuge­stellt und die in § 184 Abs. 2 Satz 3 ZPO vor­ge­se­he­ne Beleh­rung erteilt wor­den, erfor­dert die Situa­ti­on der im Aus­land ansäs­si­gen Beklag­ten kei­nen wei­ter­ge­hen­den Rechts­schutz. Das mit der Zustel­lung des ver­fah­rens­ein­lei­ten­den Schrift­stücks ent­ste­hen­de Pro­zess­rechts­ver­hält­nis begrün­det eine Pro­zess­för­de­rungs­pflicht auch des Pro­zess­geg­ners, die es im Inter­es­se der kla­gen­den Par­tei an einem effek­ti­ven Rechts­schutz recht­fer­tigt, der im Aus­land ansäs­si­gen Par­tei auf­zu­er­le­gen, eine inlän­di­sche Zustel­lungs­mög­lich­keit zu schaf­fen. Die Wirk­sam­keit der Ver­pflich­tung, einen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten zu benen­nen, hängt aller­dings von der wirk­sa­men Zustel­lung des ver­fah­rens­ein­lei­ten­den Schrift­stücks ab 3. Im Inter­es­se eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes wird durch eine Inlands­zu­stel­lung durch Auf­ga­be zur Post der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung infol­ge den Ver­fah­rens­gang hem­men­der Zustel­lun­gen im Aus­land ent­ge­gen­ge­steu­ert. Auf­grund des Hin­wei­ses auf die Fol­gen der Nicht­be­nen­nung eines Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten ist der Adres­sat, dem Schrift­stü­cke gemäß § 184 Abs. 1 Satz 2 ZPO durch Auf­ga­be zur Post zuge­stellt wer­den, hin­rei­chend über die recht­li­chen Fol­gen unter­rich­tet.

Die Rege­lung des § 184 Abs. 1 Satz 2 ZPO, die eine Zustel­lung durch Auf­ga­be zur Post unter der Anschrift des außer­halb des Bun­des­ge­biets und außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs der EuZ­VO 4 ansäs­si­gen Zustel­lungs­adres­sa­ten erlaubt, ist im Streit­fall weder durch völ­ker­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen aus­ge­schlos­sen noch ver­letzt sie Ver­fah­rens­grund­rech­te der Beklag­ten oder ver­stößt gegen Art. 6 Abs. 1 EMRK.

Recht­lich ist auch nicht zu bean­stan­den, dass das Beru­fungs­ge­richt die Zustel­lung des Ver­säum­nis­ur­teils im Inland durch Auf­ga­be zur Post für wirk­sam erach­tet hat, obwohl der Vor­sit­zen­de und nicht der Spruch­kör­per der zustän­di­gen Zivil­kam­mer, die Anord­nung, einen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten zu benen­nen, getrof­fen hat. Zur Fra­ge, auf deren Klä­rungs­be­dürf­tig­keit die Zulas­sung der Revi­si­on gestützt wor­den ist, ob der Vor­sit­zen­de der zustän­di­gen Kam­mer oder der Spruch­kör­per die Anord­nung nach § 184 Abs. 1 ZPO zu tref­fen habe, hat sich der Bun­des­ge­richts­hof zwi­schen­zeit­lich in meh­re­ren Urtei­len umfas­send geäu­ßert 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2012 – IV ZR 230/​11

  1. BGH, Beschluss vom 05.03.2007 – II ZB 4/​06, NJW-RR 2007, 1363 Rn. 9 ff.; Saenger/​Pukall, ZPO, 4. Aufl., § 341 Rn. 1[]
  2. vgl. zur Ein­spruchs­frist in Ver­fah­ren vor dem Arbeits­ge­richt BVerfG, Beschluss vom 15.01.1974 – 2 BvL 9/​73, BVerfGE 36, 298, 301 ff.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 10.11.1998 – VI ZR 243/​97, VersR 1999, 510, 511; OLG Stutt­gart, Urteil vom 26.09.2011 – 5 U 166/​10; Zöller/​Geimer, ZPO, 29. Aufl., § 183 Rn. 81[]
  4. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1393/​2007 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.11.2007 über die Zustel­lung gericht­li­cher und außer­ge­richt­li­cher Schrift­stü­cke in Zivil- oder Han­dels­sa­chen in den Mit­glied­staa­ten ("Zustel­lung von Schrift­stü­cken") und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1348/​2000, ABl.2007 L 327, S. 79[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.06.2012 – VI ZR 241/​11, WM 2012, 1499; vom 03.07.2012 – VI ZR 227/​11 und VI ZR 239/​11; sowie vom 17.07.2012 – VI ZR 222/​11, VI ZR 226/​11 und VI ZR 288/​11[]