Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis – und das Zustel­lungs­da­tum

Eine Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis ist dann als bewirkt anzu­se­hen, wenn der Rechts­an­walt das ihm zuge­stell­te Schrift­stück mit dem Wil­len ent­ge­gen­ge­nom­men hat, es als zuge­stellt gegen sich gel­ten zu las­sen, und dies auch durch Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses beur­kun­det.

Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis – und das Zustel­lungs­da­tum

Zustel­lungs­da­tum ist also der Tag, an dem der Rechts­an­walt als Zustel­lungs­adres­sat vom Zugang des über­mit­tel­ten Schrift­stücks Kennt­nis erlangt und es emp­fangs­be­reit ent­ge­gen­ge­nom­men hat 1.

Eine wirk­sa­me Zustel­lung nach § 174 Abs. 1 ZPO erfor­dert daher regel­mä­ßig, dass der Zustel­lungs­emp­fän­ger sei­nen Wil­len zur Ent­ge­gen­nah­me der Zustel­lung durch die Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses bekun­det und die­ses, ver­se­hen mit dem Datum des Ein­gangs des Schrift­stücks, an das Gericht zurück­reicht 2.

Für den Zeit­punkt der Zustel­lung selbst ist es weder von Bedeu­tung, wann die Emp­fangs­be­stä­ti­gung aus­ge­stellt wor­den ist und wel­ches Datum sie trägt, noch in wel­cher Form dies geschieht 3. Das Emp­fangs­be­kennt­nis selbst kann spä­ter aus­ge­stellt wer­den. Das Gesetz ver­langt nicht, dass es bei Emp­fang des Schrift­stücks aus­ge­stellt wird.

Das Emp­fangs­be­kennt­nis wirkt, wenn es spä­ter aus­ge­stellt wird, auf den Zeit­punkt zurück, in dem der Aus­stel­ler das Schrift­stück als zuge­stellt ent­ge­gen­ge­nom­men hat 4.

Ein Emp­fangs­be­kennt­nis erbringt als Pri­vat­ur­kun­de im Sin­ne von § 416 ZPO grund­sätz­lich den Beweis nicht nur für die Ent­ge­gen­nah­me des dar­in bezeich­ne­ten Schrift­stücks als zuge­stellt, son­dern auch für den Zeit­punkt der Ent­ge­gen­nah­me durch den Unter­zeich­ner und damit für die Zustel­lung 5. Aller­dings ist der Gegen­be­weis der Unrich­tig­keit der im Emp­fangs­be­kennt­nis ent­hal­te­nen Anga­ben zuläs­sig. Die­ser setzt vor­aus, dass die Beweis­wir­kung des § 174 ZPO voll­stän­dig ent­kräf­tet und jede Mög­lich­keit aus­ge­schlos­sen ist, dass die Anga­ben des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses rich­tig sein kön­nen. Hin­ge­gen ist die­ser Gegen­be­weis nicht schon dann geführt, wenn ledig­lich die Mög­lich­keit der Unrich­tig­keit besteht, die Rich­tig­keit der Anga­ben also nur erschüt­tert ist 6.

Hier­von aus­ge­hend hat das Beru­fungs­ge­richt zu Unrecht allein aus dem Umstand, dass der Beklag­ten­ver­tre­ter nach sei­nem eige­nen Vor­trag das Emp­fangs­be­kennt­nis erst am 27.09.2018 unter­zeich­net hat, dar­auf geschlos­sen, dass eine wirk­sa­me Zustel­lung des amts­ge­richt­li­chen Urteils erst an die­sem Tage erfolgt sei. Viel­mehr hät­te es aus­ge­hend von dem in dem Emp­fangs­be­kennt­nis ange­ge­be­nen Datum 27.09.2018, wel­ches nach dem Vor­trag des Beklag­ten­ver­tre­ters mit dem Unter­zeich­nungs­da­tum über­ein­stimmt, den zum Gegen­be­weis der Unrich­tig­keit die­ser Datums­an­ga­be ange­bo­te­nen Beweis­mit­teln nach­ge­hen müs­sen.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall hat der Beklag­ten­ver­tre­ter in sei­nem Schrift­satz vom 30.01.2019 vor­ge­tra­gen und unter Beweis gestellt, dass er das Vor­be­halts­ur­teil schon am Nach­mit­tag des 26.09.2018 bei einem Aus­wärts­ter­min in H. gele­sen habe, nach­dem es ihm kanz­lei­in­tern digi­tal ab 13.42 Uhr zur Ver­fü­gung gestan­den habe. Zwi­schen 15.00 Uhr und 15.45 Uhr habe er sei­ner Mit­ar­bei­te­rin Frau F. von H. aus die Anwei­sung erteilt, die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ent­spre­chend dem Kanz­lei­ein­gangs­stem­pel ("26. SEP.2018") auf der Aus­fer­ti­gung des amts­ge­richt­li­chen Urteils auf den 26.11.2018 zu notie­ren, was auch so gesche­hen sei. Eben­falls noch am 26.09.2018 habe der Beklag­ten­ver­tre­ter mit dem Sohn der Beklag­ten, dem zulie­be er das Man­dat ange­nom­men habe, gespro­chen. Am 27.09.2018 habe der Beklag­ten­ver­tre­ter das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net und dabei über­se­hen, dass Frau F. als Datum irr­tüm­lich den 27.09.2018 vor­ein­ge­tra­gen habe. Die­se Vor­ein­tra­gung ste­he im Wider­spruch zu der tags zuvor erfolg­ten Anwei­sung zur Fris­ten­ein­tra­gung und zu der all­ge­mei­nen Wei­sung des Beklag­ten­ver­tre­ters, dass die Datums­vor­ein­tra­gung im Emp­fangs­be­kennt­nis stets den Tag aus­zu­wei­sen habe, an dem das Urteil tat­säch­lich zur Kennt­nis genom­men wur­de und dem­entspre­chend auch die Fris­ten­ein­tra­gung in Hand­ak­te und Fris­ten­buch erfolgt sei. Dar­über hin­aus hat der Beklag­ten­ver­tre­ter zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sowohl in der Beru­fungs­schrift als auch in der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift von einer Zustel­lung des Vor­be­halts­ur­teils am 26.09.2018 die Rede ist, und erläu­tert, war­um sei­ne Aus­füh­run­gen im Schrift­satz vom 30.01.2019 von denen im Schrift­satz vom 28.11.2018 abwei­chen.

Da die Argu­men­ta­ti­on des Beru­fungs­ge­richts zu dem von ihm bejah­ten Ver­schul­den (§ 233 Satz 1 ZPO) des Beklag­ten­ver­tre­ters ihre Rich­tig­keit unter­stellt davon abhän­gig ist, ob die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist tat­säch­lich erst am 27.11.2018 abge­lau­fen ist, hät­te das Beru­fungs­ge­richt den Beweis­an­trit­ten des Beklag­ten­ver­tre­ters nach­ge­hen müs­sen. Wur­de das Vor­be­halts­ur­teil näm­lich bereits am 26.09.2018 zuge­stellt und ist infol­ge­des­sen die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist schon am 26.11.2018 abge­lau­fen, kann dem Beklag­ten­ver­tre­ter weder eine feh­ler­haf­te Notie­rung des Zustel­lungs­da­tums auf den 26.09.2018 noch der Umstand zum Vor­wurf gemacht wer­den, dass er auf den gericht­li­chen Hin­weis vom 27.11.2018 nicht unmit­tel­bar eine erneu­te Über­mitt­lung der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift ver­an­lasst hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 2019 – XI ZB 9/​19

  1. BGH, Urteil vom 18.01.2006 – VIII ZR 114/​05, NJW 2006, 1206 Rn. 8 und Beschluss vom 19.04.2012 – IX ZB 303/​11, WM 2012, 1210 Rn. 6[]
  2. BGH, Urteil vom 14.09.2011 XII ZR 168/​09, BGHZ 191, 59 Rn. 16[]
  3. BGH, Urteil vom 14.06.1961 – IV ZR 56/​61, BGHZ 35, 236, 239; BGH, Beschluss vom 12.09.2017 – XI ZB 2/​17, WM 2017, 2196 Rn. 12[]
  4. BGH, Urteil vom 14.06.1961 – IV ZR 56/​61, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 18.01.2006 – VIII ZR 114/​05, NJW 2006, 1206 Rn. 8; Beschlüs­se vom 19.04.2012 – IX ZB 303/​11, WM 2012, 1210 Rn. 6; und vom 25.09.2018 – XI ZB 6/​17 6[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 19.04.2012 – IX ZB 303/​11, aaO; und vom 25.09.2018 – XI ZB 6/​17, aaO[]