Zustel­lung statt Ver­kün­dung im schrift­li­chen Ver­fah­ren?

Im schrift­li­chen Ver­fah­ren sind Urtei­le in einem nach § 128 Abs. 2 Satz 2 ZPO zu bestim­men­den Ter­min zu ver­kün­den. Abwei­chen­des gilt nur in den Fäl­len, in denen gemäß § 310 Abs. 3 ZPO die Ver­kün­dung durch die Zustel­lung des Urteils ersetzt wird.

Zustel­lung statt Ver­kün­dung im schrift­li­chen Ver­fah­ren?

Weil das vom Amts­ge­richt im schrift­li­chen Ver­fah­ren vor­be­rei­te­te Urteil nicht unter die Vor­schrift des § 310 Abs. 3 ZPO fiel, ent­sprach eine Ver­laut­ba­rung durch Zustel­lung an die Par­tei­en nicht den gesetz­li­chen Form­erfor­der­nis­sen, viel­mehr hät­te das Urteil in einem zu die­sem Zweck anzu­be­rau­men­den Ter­min ver­kün­det wer­den müs­sen 1.

Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler führ­te im hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht zur Unwirk­sam­keit des Urteils:

Ver­kün­dungs­män­gel ste­hen dem wirk­sa­men Erlass eines Urteils nur ent­ge­gen, wenn gegen ele­men­ta­re, zum Wesen der Ver­laut­ba­rung gehö­ren­de Form­erfor­der­nis­se ver­sto­ßen wur­de, so dass von einer Ver­laut­ba­rung im Rechts­sin­ne nicht mehr gespro­chen wer­den kann. Sind deren Min­dest­an­for­de­run­gen hin­ge­gen gewahrt, hin­dern auch Ver­stö­ße gegen zwin­gen­de Form­erfor­der­nis­se das Ent­ste­hen eines wirk­sa­men Urteils nicht. Zu den Min­dest­an­for­de­run­gen gehört, dass die Ver­laut­ba­rung vom Gericht beab­sich­tigt war oder von den Par­tei­en der­art ver­stan­den wer­den durf­te und die Par­tei­en vom Erlass und Inhalt der Ent­schei­dung förm­lich unter­rich­tet wur­den. Die­se Recht­spre­chung beruht auf der Über­le­gung, dass aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit nicht jeder Ver­kün­dungs­man­gel dazu füh­ren kann, ein Urteil als blo­ßes Schein­o­der Nichtur­teil ein­zu­ord­nen, das als sol­ches nicht in Rechts­kraft erwach­sen kann und des­sen Nicht­exis­tenz somit auch noch nach vie­len Jah­ren unab­hän­gig von Rechts­mit­tel­fris­ten gel­tend gemacht wer­den könn­te 2.

Mit dem Wesen der Ver­laut­ba­rung ver­ein­bar ist eine Bekannt­ga­be des Urteils durch Zustel­lung statt durch Ver­kün­dung in öffent­li­cher Sit­zung, weil dies eine gesetz­lich vor­ge­se­he­ne, wenn auch ande­ren Urtei­len vor­be­hal­te­ne Ver­laut­ba­rungs­form (§ 310 Abs. 3 ZPO) erfüllt. Wird ein unter § 310 Abs. 1 ZPO fal­len­des Urteil den Par­tei­en an Ver­kün­dungs statt förm­lich zuge­stellt, liegt des­halb kein Ver­stoß gegen unver­zicht­ba­re Form­erfor­der­nis­se vor, son­dern ein auf die Wahl der Ver­laut­ba­rungs­art beschränk­ter Ver­fah­rens­feh­ler 3.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist das amts­ge­richt­li­che Urteil im hier ent­schie­de­nen Fall wirk­sam ver­laut­bart wor­den. Das Amts­ge­richt hat mit Beschluss bestimmt, dass mit Zustim­mung der Par­tei­en im schrift­li­chen Ver­fah­ren ent­schie­den und eine Ent­schei­dung "zum Zwe­cke der Ver­kün­dung zuge­stellt" wer­de. Dar­in zeigt sich der Ver­laut­ba­rungs­wil­le des Gerichts. Das Urteil ist den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei­en zuge­stellt wor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Sep­tem­ber 2019 – IX ZR 262/​18

  1. vgl. BGH, Urteil vom 12.03.2014 – V ZR 37/​03, NJW 2004, 2019, 2020[]
  2. BGH, Beschluss vom 05.12 2017 – VIII ZR 204/​16, NJW-RR 2018, 127 Rn. 7 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 37/​03, NJW 2004, 2019, 2020; Beschluss vom 13.06.2012 XII ZB 592/​11, NJW-RR 2012, 1025 Rn. 17[]
  4. Anschluss an BFHE 244, 536[]