Zustel­lungs­voll­macht – und der Beweis ihres Erlö­schens

Ob der Zustel­lungs­emp­fän­ger rechts­ge­schäft­lich bestell­ter Ver­tre­ter im Sin­ne von § 171 ZPO ist, ergibt sich aus den Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rechts; steht fest, dass eine Voll­macht erteilt wor­den ist, die zu der Ent­ge­gen­nah­me von Zustel­lun­gen berech­tigt, muss nach den all­ge­mei­nen Regeln der Beweis­last­ver­tei­lung der­je­ni­ge das Erlö­schen der Voll­macht bewei­sen, der sich dar­auf beruft.

Zustel­lungs­voll­macht – und der Beweis ihres Erlö­schens

Die Ein­lei­tung der Zwangs­ver­stei­ge­rung setzt vor­aus, dass der Voll­stre­ckungs­ti­tel an die GbR als neue Eigen­tü­me­rin zuge­stellt wird (§ 794 Abs. 1 Nr. 5, § 795, § 750 Abs. 1 und 2, § 866 ZPO). Fehlt es hier­an, ist die gemäß § 766 Abs. 1 ZPO erho­be­ne Erin­ne­rung der GbR begrün­det. Die Zustel­lung im Par­tei­be­trieb kann an den rechts­ge­schäft­lich bestell­ten Ver­tre­ter erfol­gen (§ 191 i.V.m. § 171 Satz 1 ZPO) 1. Ob der Zustel­lungs­emp­fän­ger rechts­ge­schäft­lich bestell­ter Ver­tre­ter ist, ergibt sich aus den Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rechts.

Im hier ent­schie­de­nen Fall steht fest, dass für Herrn O. , an den die Zustel­lung erfolgt ist, am 26.02.2014 schrift­li­che Gene­ral­voll­mach­ten von bei­den Gesell­schaf­tern bestan­den. Gal­ten die Gene­ral­voll­mach­ten fort, erstre­cken sie sich auf die Ent­ge­gen­nah­me der Zustel­lung; ob sie bei der Zustel­lung vor­ge­legt wor­den sind (vgl. § 171 Satz 2 ZPO), ist ohne Belang, weil dies kei­ne Vor­aus­set­zung für eine wirk­sa­me Zustel­lung gemäß § 171 Satz 1 ZPO ist 2.

Rich­tig ist auch, dass sich eine Fort­dau­er der Gene­ral­voll­mach­ten nicht aus den §§ 171, 172 BGB ergibt. Die Voll­machts­ur­kun­den sind der Gläu­bi­ge­rin nicht im Sin­ne von § 172 BGB vor­ge­legt wor­den. Eben­so wenig sind sie – wie die Rechts­be­schwer­de meint – gemäß § 171 Abs. 1 Alt. 2 BGB durch öffent­li­che Bekannt­ma­chung kund­ge­ge­ben wor­den. In das Grund­buch sind sie nicht zum Zwe­cke der Kund­ge­bung auf­ge­nom­men wor­den, son­dern auf­grund der Ver­tre­tung bei der zuvor vor­ge­nom­me­nen Über­schrei­bung des Grund­stücks. Außer­dem fehlt es an einer öffent­li­chen Bekannt­ga­be, weil die Ein­sicht in das Grund­buch nicht ohne wei­te­res mög­lich ist, son­dern die Dar­le­gung eines berech­tig­ten Inter­es­ses vor­aus­setzt (§ 12 Abs. 1 Satz 1 GBO).

Für die Beweis­last­ver­tei­lung ist es ohne Belang, ob es sich um eine Innen- oder um eine Außen­voll­macht han­delt. Nichts ande­res ergibt sich aus den Vor­schrif­ten der §§ 171, 172 BGB. Dar­in wird nicht die Beweis­last, son­dern eine Rechts­schein­haf­tung gere­gelt 3. Maß­geb­lich sind viel­mehr die all­ge­mei­nen Regeln der Beweis­last­ver­tei­lung. Steht fest, dass eine Voll­macht erteilt wor­den ist, die zu der Ent­ge­gen­nah­me von Zustel­lun­gen berech­tigt, muss das Erlö­schen der Voll­macht der­je­ni­ge bewei­sen, der hier­aus für ihn güns­ti­ge Rechts­fol­gen her­lei­tet. Steht dage­gen fest, dass die Voll­macht zwar erteilt, aber wie­der erlo­schen ist, so muss der Abschluss eines Rechts­ge­schäfts vor die­sem Zeit­punkt von dem­je­ni­gen bewie­sen wer­den, der die Gül­tig­keit des Geschäfts behaup­tet 4. Ob ein fest­ge­stell­ter Wider­ruf eine gemäß § 116 Abs. 1 Satz 2 BGB nich­ti­ge Schein­erklä­rung dar­stellt oder wegen Ver­sto­ßes gegen ein gesetz­li­ches Ver­bot (§ 134 BGB) oder die guten Sit­ten (§ 138 BGB) nich­tig ist, muss der­je­ni­ge bewei­sen, der sich auf die Nich­tig­keit beruft.

Dar­an gemes­sen trägt die Schuld­ne­rin – da nach dem Vor­trag der Gläu­bi­ge­rin bis heu­te kein Wider­ruf erfolgt ist – die Dar­le­gungs- und Beweis­last für ihre (vor­ran­gig zu prü­fen­de) Behaup­tung, vor der Zustel­lung sei­en Wider­rufs­er­klä­run­gen bei­der Gesell­schaf­ter erfolgt. Sie hat die Abga­be der Erklä­run­gen in räum­li­cher, zeit­li­cher und inhalt­li­cher Wei­se sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen und ggf. Beweis anzu­tre­ten. Soll­te sie die­sen Beweis füh­ren, trü­ge die Gläu­bi­ge­rin die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die von ihr behaup­te­te Nich­tig­keit der abge­ge­be­nen Erklä­run­gen.

Dabei bezieht sich der öffent­li­che Glau­be des Grund­buchs gemäß § 899a BGB nicht auf die Geschäfts­füh­rungs­be­fug­nis der dort ver­merk­ten Gesell­schaf­ter der GbR 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Okto­ber 2016 – V ZB 47/​15

  1. vgl. hier­zu BT-Drs. 14/​4554 S. 17[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 20.10.2011 – V ZB 131/​11 8[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 17.06.2005 – V ZR 78/​04, NJW 2005, 2983, 2984[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 31.01.1974 – II ZR 173/​72, NJW 1974, 748 f.; Beschluss vom 23.02.1984 – III ZR 7/​83, WM 1984, 604; Münch­Komm-BGB/­Schu­bert, 7. Aufl., § 168 Rn. 65[]
  5. vgl. zum Gan­zen BGH, Beschluss vom 02.12 2010 – V ZB 84/​10, BGHZ 187, 344 Rn. 28 mwN[]