Zwangs­ver­wal­tung nach dem Zuschlag

Nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung ist der Zwangs­ver­wal­ter nicht befugt, Ansprü­che gegen den Erste­her des Grund­stücks wegen der auf die Zeit nach dem Zuschlag ent­fal­len­den Las­ten ein­zu­kla­gen.

Zwangs­ver­wal­tung nach dem Zuschlag

Der Zwangs­ver­wal­ter ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs in die­sem Fall nicht mehr pro­zess­füh­rungs­be­fugt:

Ein Zwangs­ver­wal­ter (fort­an auch: Ver­wal­ter) hat das Recht und die Pflicht, alle Hand­lun­gen vor­zu­neh­men, die erfor­der­lich sind, um das ver­wal­te­te Grund­stück in sei­nem wirt­schaft­li­chen Bestand zu erhal­ten und ord­nungs­mä­ßig zu benut­zen. Er hat die Ansprü­che, auf wel­che sich die Beschlag­nah­me erstreckt, gel­tend zu machen (§ 152 Abs. 1 ZVG). Im Wesent­li­chen han­delt es sich dabei um Mie­ten und Pach­ten. Die aus § 152 Abs. 1 Halb­satz 2 ZVG fol­gen­de Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis des Ver­wal­ters kann über den Zeit­punkt der Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung hin­aus andau­ern. Mie­ten und Pach­ten gebüh­ren dem Erste­her erst von dem Zuschla­ge an (§ 56 Satz 2 ZVG). Ansprü­che, wel­che einen frü­he­ren Zeit­raum betref­fen, sind daher gege­be­nen­falls auch nach der Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung vom Ver­wal­ter gel­tend zu machen 1.

Die Rech­te und Pflich­ten eines Ver­wal­ters sind aller­dings nicht auf die Ein­zie­hung der beschlag­nahm­ten Mie­ten und Pach­ten beschränkt. Sei­ne Auf­ga­be, für eine ord­nungs­ge­mä­ße Nut­zung und Ver­wal­tung des Grund­stücks zu sor­gen, schließt die Befug­nis ein, auch ande­re For­de­run­gen ein­zu­kla­gen, wenn dadurch eine Schmä­le­rung der nach § 155 ZVG zu ver­tei­len­den Nut­zun­gen abge­wen­det wer­den kann 2. Die­se Befug­nis, die Teil des Rechts zur Ver­wal­tung und Benut­zung des beschlag­nahm­ten Grund­stücks ist (§ 148 Abs. 2 ZVG), erlischt jedoch, sobald die Zwangs­ver­wal­tung auf­ge­ho­ben wird. Nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung etwa ver­blei­ben­de Befug­nis­se des Ver­wal­ters fol­gen dar­aus, dass die­ser sei­ne Tätig­keit ord­nungs­mä­ßig abzu­schlie­ßen hat 3. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs betref­fen sie allen­falls beschlag­nahm­te Ansprü­che, nicht jedoch sol­che Ansprü­che, die der Beschlag­nah­me nach §§ 146, 148 ZVG nicht unter­fal­len 4. Nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung ist der Ver­wal­ter nicht mehr zur wei­te­ren Ver­wal­tung und Benut­zung des Grund­stücks (§ 148 Abs. 2
ZVG) befugt.

Der Anspruch gegen den Erwer­ber auf Erstat­tung über­zahl­ter Ver­wal­tungs­kos­ten war nicht beschlag­nahmt. Durch die Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung wer­den das Grund­stück sowie die­je­ni­gen Gegen­stän­de beschlag­nahmt, auf wel­che sich bei einem Grund­stück die Hypo­thek erstreckt (§ 146 Abs. 1, § 20 ZVG), außer­dem land- und forst­wirt­schaft­li­chen Erzeug­nis­se des Grund­stücks, die For­de­rung aus einer Ver­si­che­rung sol­cher Erzeug­nis­se, die Miet- und Pacht­for­de­run­gen sowie die Ansprü­che aus einem mit dem Eigen­tum an dem Grund­stück ver­bun­de­nen Recht auf wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen (§ 148 Abs. 1, § 21 Abs. 1 und 2 ZVG).

Im vor­lie­gen­den Fall geht es dem­ge­gen­über um einen Anspruch aus § 103 BGB. Wer ver­pflich­tet ist, die Las­ten einer Sache bis zu einer bestimm­ten Zeit oder von einer bestimm­ten Zeit an zu tra­gen, hat dann, wenn nichts ande­res bestimmt oder ver­ein­bart ist, die regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Las­ten nach dem Ver­hält­nis der Dau­er sei­ner Ver­pflich­tung zu tra­gen. Gemäß § 56 Satz 2 ZVG trägt der Erste­her die Las­ten des Grund­stücks von dem Zuschlag an. Die Vor­schrift des § 103 BGB gewährt unmit­tel­bar einen Aus­gleichs­an­spruch 5. Die­ser Anspruch unter­fällt nicht der Beschlag­nah­me gemäß §§ 146, 148 ZVG. Weder han­delt es sich um einen Anspruch auf Mie­ten oder Pach­ten, noch tritt er im Wege der Sur­ro­ga­ti­on oder etwa gemäß § 19 Satz 3 KO 6 an die Stel­le eines sol­chen Anspruchs.

Wei­ter gehen­de Befug­nis­se des Klä­gers fol­gen auch nicht aus dem Beschluss über die Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung vom 24. Sep­tem­ber 2004. Der Beschluss ermäch­tigt den Ver­wal­ter (nur) "zur Vor­nah­me der noch anste­hen­den Geschäf­te". Es han­delt sich um einen (nicht ein­mal ord­nungs­ge­mäß ver­voll­stän­dig­ten) For­mu­lar­be­schluss. Die Beson­der­heit des vor­lie­gen­den Fal­les besteht dar­in, dass das Grund­stück von einem Mie­ter erstei­gert wor­den ist, der vom Zeit­punkt des Zuschlags an kei­ne Mie­te mehr zu zah­len brauch­te. Die sonst übli­che Ver­rech­nung der an den Erste­her aus­zu­keh­ren­den Mie­ten mit Vor­aus­zah­lun­gen auf die nun­mehr vom Erste­her zu tra­gen­den Las­ten war des­halb nicht mög­lich. Dass der Beschluss über die Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung die­se Beson­der­heit gese­hen hat und ihr Rech­nung tra­gen woll­te, ist jedoch nicht ersicht­lich. Jeg­li­cher Fall­be­zug fehlt. Es gibt nicht ein­mal Anhalts­punk­te dafür, dass der Klä­ger über­haupt mit bestimm­ten Tätig­kei­ten beauf­tragt wer­den soll­te, ins­be­son­de­re mit sol­chen, die nicht zwin­gend mit der Abwick­lung einer Zwangs­ver­wal­tung zusam­men­hin­gen.

Auf die Fra­ge, ob – wie das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men zu haben scheint – der Gläu­bi­ge­rin ein Erstat­tungs­an­spruch gegen den Beklag­ten zusteht, kommt es nicht an. Selbst wenn es sich so ver­hiel­te, folg­te dar­aus noch kei­ne Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis des Klä­gers. Dem Zwangs­ver­wal­ter obliegt nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung nicht all­ge­mein die Wahr­neh­mung der Rech­te des Real­gläu­bi­gers 7.

Soweit der Klä­ger als Pro­zess­stand­schaf­ter der Gläu­bi­ge­rin klagt, ist sei­ne Kla­ge eben­falls unzu­läs­sig. Jeden­falls nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung konn­te der Klä­ger nicht mehr in sei­ner Eigen­schaft als Zwangs­ver­wal­ter zur Durch­set­zung eines (ver­meint­li­chen) Anspruchs der Gläu­bi­ge­rin ermäch­tigt wer­den. Der Klä­ger hat die Kla­ge aus­drück­lich "als Zwangs­ver­wal­ter" erho­ben. Er stützt sich auf eine Ermäch­ti­gung, die ihm am 15. Febru­ar 2007 – mehr als zwei Jah­re nach Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung – erteilt wor­den sein soll. Das ist aus Rechts­grün­den nicht mög­lich. Ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen eine Pro­zess­stand­schaft des Zwangs­ver­wal­ters wäh­rend der lau­fen­den Ver­wal­tung in Betracht kommt, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Mai 2009 – IX ZR 89/​08

  1. BGH, Urteil vom 23. Juli 2003 – XII ZR 16/​00, NZI 2003, 562; vgl. auch BGH, Urteil vom 21. Okto­ber 1992 – XII ZR 125/​91, ZIP 1992, 1781, 1782 zur Fort­set­zung anhän­gi­ger Pro­zes­se aus der Zeit der Amts­tä­tig­keit des Ver­wal­ters[]
  2. vgl. BGHZ 109, 171, 173 f zu Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen wegen schuld­haf­ter Ver­kür­zung der Mas­se gegen einen frü­he­ren Zwangs­ver­wal­ter; BGH, Urteil vom 29. Juni 2006 – IX ZR 119/​04, ZIP 2006, 1697, 1699 Rn. 16 zu Ansprü­chen wegen rechts­grund­lo­ser Benut­zung der zwangs­ver­wal­te­ten Sache sowie der Ver­let­zung von Besitz­rech­ten[]
  3. BGHZ 155, 38, 41 f; BGH, Urteil vom 25. Mai 2005 – VIII ZR 301/​03, NJW-RR 2006, 138, 139[]
  4. BGH, Urteil vom 29. Juni 2006, aaO Rn. 17 mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  5. vgl. Bamberger/​Roth/​Wendtland, BGB 2. Aufl. § 103 Rn. 9; Völz­mann-Sti­ckel­brock in Prütting/​Wegen/​Weinreich, BGB 4. Aufl. § 103 Rn. 1[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 29. Juni 2006, aaO S. 1698 Rn. 14[]
  7. BGHZ 155, 38, 45[]