Zwei­fel an der wirk­sa­men Zustel­lung der Kla­ge

Zwei­fel an der Wirk­sam­keit der Kla­ge­zu­stel­lung recht­fer­ti­gen nicht die Abwei­sung der Kla­ge wegen feh­len­der Rechts­hän­gig­keit, sofern die Hei­lung des etwai­gen Zustel­lungs­man­gels noch mög­lich ist.

Zwei­fel an der wirk­sa­men Zustel­lung der Kla­ge

Hat die Par­tei in einem anhän­gi­gen Ver­fah­ren einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, gebie­tet § 172 Abs. 1 Satz 1 ZPO die Zustel­lung an die­sen 1. In dem Auf­tre­ten eines Rechts­an­walts vor Gericht liegt zugleich sei­ne "Bestel­lung" zum Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im Sin­ne von § 172 ZPO, selbst wenn er kei­ne Pro­zess­voll­macht hat 2. Der Par­tei selbst ist nur dann zuzu­stel­len, wenn sich ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter noch nicht bestellt hat (§ 172 Abs. 2 Satz 3 ZPO). Nach der Rege­lung in § 271 Abs. 1 ZPO hat das Gericht die Kla­ge­schrift unver­züg­lich zuzu­stel­len. Hier­zu bedarf es weder eines beson­de­ren Antrags des Klä­gers, noch obliegt es ihm, um die Zustel­lung der Kla­ge in bestimm­ter Form zu ersu­chen; die Gerich­te selbst haben viel­mehr dafür Sor­ge zu tra­gen, dass eine wirk­sa­me Zustel­lung erreicht wird 3.

Nach der Rege­lung in § 189 ZPO gilt ein unter Ver­let­zung zwin­gen­der Zustel­lungs­vor­schrif­ten zuge­gan­ge­nes Doku­ment in dem Zeit­punkt als zuge­stellt, in dem es der Per­son, an die die Zustel­lung dem Gesetz gemäß gerich­tet war oder gerich­tet wer­den konn­te, tat­säch­lich zuge­gan­gen ist. Die Hei­lung von Män­geln, die bei der Aus­füh­rung der Zustel­lung unter­lau­fen sind, soll nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers von Geset­zes wegen ein­tre­ten, wenn der Zustel­lungs­zweck erreicht ist 4. Aus dem Wort­laut des § 189 ZPO, wonach es sich um ein Doku­ment han­deln muss, das "der Per­son, an die die Zustel­lung dem Gesetz gemäß gerich­tet war oder gerich­tet wer­den konn­te" zuge­gan­gen ist, folgt das Erfor­der­nis, dass das Gericht eine förm­li­che Zustel­lung mit Zustel­lungs­wil­len bewir­ken woll­te 5. Nach Sinn und Zweck ist die Vor­schrift weit aus­zu­le­gen und auch dann anzu­wen­den, wenn ein Rechts­an­walt erst durch spä­te­re Bevoll­mäch­ti­gung zu einem Pro­zess­be­tei­lig­ten wird und er bereits zuvor oder zeit­gleich mit der Bevoll­mäch­ti­gung in den Besitz des zuzu­stel­len­den Schrift­stücks gelangt ist 6.

Nach die­sen Grund­sät­zen muss­te schon das Amts­ge­richt der Fra­ge nach­ge­hen, ob der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Kla­ge­schrift erhal­ten hat 7 und dadurch der Zustel­lungs­man­gel gemäß § 189 ZPO geheilt wor­den ist 8. Auch das Beru­fungs­ge­richt durf­te ohne Klä­rung der nähe­ren Umstän­de die Beru­fung der Klä­ge­rin nicht mit der Maß­ga­be zurück­wei­sen, dass die Kla­ge infol­ge feh­len­der Rechts­hän­gig­keit unzu­läs­sig sei.

Zustel­lungs­adres­sat für die Beklag­te war mit der Bestel­lung im Schrift­satz vom 14. Janu­ar 2009 nach der Rege­lung in § 172 Abs. 1 Satz 1 ZPO Rechts­an­walt B. und nicht mehr die Beklag­te selbst. Ist er in den Besitz der Kla­ge­schrift, deren Zustel­lung der Rich­ter an die Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­te ver­fügt hat, gelangt, ist die Kla­ge in jedem Fall auf­grund der Hei­lung des Zustel­lungs­man­gels nach § 189 ZPO rechts­hän­gig gewor­den. Dafür spre­chen Vor­trag und das Ver­han­deln zur Sache, die eine Kennt­nis der Umstän­de des Streit­falls vor­aus­set­zen. Doch ist dies durch Befra­gung des Rechts­an­walts B. zu klä­ren. Soll­te Rechts­an­walt B. zwi­schen­zeit­lich nicht in den Besitz der Kla­ge­schrift gekom­men sein und wäre ent­spre­chend der Auf­fas­sung des Amts­ge­richts und des Beru­fungs­ge­richts die Wirk­sam­keit der Zustel­lung an die Scha­dens­re­gu­lie­rungs­be­auf­trag­te zu ver­nei­nen, wird im Hin­blick auf die Pro­zess­för­de­rungs­pflicht des Gerichts die Zustel­lung der Kla­ge­schrift an ihn zu ver­an­las­sen und sodann in der Sache zu ent­schei­den sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Dezem­ber 2010 – VI ZR 48/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 04.06.1992 – IX ZR 149/​91, BGHZ 118, 312, 322; und Beschluss vom 22.10.1986 – VIII ZB 40/​86, VersR 1987, 357[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 29.10.1973 – NotZ 4/​73, BGHZ 61, 308, 311; BGH, Beschluss vom 23.11.1978 – II ZB 7/​78, VersR 1979, 255; Urteil vom 09.10.1985 – IVb ZR 59/​84, NJW-RR 1986, 286, 287 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 11.07.2003 – V ZR 414/​02, NJW 2003, 2830, 2831[]
  4. Begrün­dung des Ent­wurfs eines Geset­zes zur Reform des Ver­fah­rens bei Zustel­lun­gen im gericht­li­chen Ver­fah­ren [Zustel­lungs­re­form­ge­setz – ZustRG] – BT-Drs. 14/​4554, S. 24, re. Sp. unten; BGH, Urteil vom 22.11.1988 – VI ZR 226/​87, VersR 1989, 168, 169 m.w.N.[]
  5. vgl. Senat, Beschluss vom 26.11.2002 – VI ZB 41/​02, VersR 2003, 879, 880; BGH, Urteil vom 19.05.2010 – IV ZR 14/​08, Fam­RZ 2010, 1328, 1329[]
  6. vgl. Senat, Urteil vom 22.11.1988 – VI ZR 226/​87, VersR 1989, 168, 169[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 04.11.1992 – XII ZB 130/​92, Fam­RZ 1993, 309; BGH, Urteil vom 19.05.2010 – IV ZR 14/​08, Fam­RZ 2010, 1328[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 22.11.1988 – VI ZR 226/​87, VersR 1989, 168[]