Ein­zie­hung des Wer­tes von Tat­erträ­gen – und der Ver­kauf im Ausland

Für die Wert­be­stim­mung des Erlang­ten kön­nen grund­sätz­lich auch Aus­lands­ge­schäf­te in den Blick genom­men wer­den. So fin­den etwa – unab­hän­gig von dem Sitz der Dritt­be­güns­tig­ten – durch lega­le Wei­ter­ver­käu­fe im Aus­land erziel­te Erlö­se Berück­sich­ti­gung1.

Ein­zie­hung des Wer­tes von Tat­erträ­gen – und der Ver­kauf im Ausland

Der Wert der erlang­ten Gegen­stän­de bestimmt sich nach ihrem Ver­kehrs­wert bei Ent­ste­hen des Wert­er­satz­an­spruchs2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ent­stand der Wert­er­satz­an­spruch mit ihrer Ver­äu­ße­rung, weil damit die ursprüng­lich mög­li­che gegen­ständ­li­che Ein­zie­hung gemäß § 73c Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB nach­träg­lich unmög­lich gewor­den ist3.

Maß­geb­lich für die Ver­kehrs­wert­be­stim­mung ist der erziel­ba­re Ver­kaufs­preis bezie­hungs­wei­se Ver­wer­tungs­er­lös4. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Betrag durch einen Aus­lands­ver­kauf erlöst wur­de. Der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung, nach der inso­weit ent­schei­dend sein soll, was ?im Inland? erziel­bar war5, ist nicht mehr zu fol­gen. Inso­weit gilt:

Der gefor­der­te Inlands­be­zug geht zurück auf eine Ent­schei­dung des 2. Straf­se­nats hin­sicht­lich einer Wert­er­satz­ein­zie­hung nach § 401 Reichs­ab­ga­ben­ord­nung für geschmug­gel­te Ziga­ret­ten6, die ihrer­seits auf ein Urteil des Reichs­ge­richts aus dem Jahr 1919 Bezug nimmt, das die Wert­er­satz­ein­zie­hung nach einem Ver­stoß gegen das Gesetz betref­fend die Aus­füh­rung des mit Öster­reich-Ungarn abge­schlos­se­nen Zoll­kar­tells betrifft7.

Hier­nach soll es jeweils nicht auf die aus­län­di­schen Preis­ver­hält­nis­se ankom­men, son­dern allein der im Inland erziel­ba­re Preis maß­geb­lich sein. Das Reichs­ge­richt hat dies damit begrün­det, dass der Staat durch die Ein­zie­hung eines kör­per­li­chen Gegen­stands Eigen­tum an die­sem erlan­ge und der Wert an die­sem nach den inlän­di­schen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen zu bemes­sen sei, denn für den Staat sei belang­los, wel­cher Wert dem Gegen­stand im Aus­land zukom­me. Das­sel­be müs­se dann für den Wert des Betra­ges gel­ten, der dem Staat dafür zukom­me, dass ihm nicht mehr das Eigen­tum zuflie­ßen kön­ne. Dar­an ände­re nichts, dass die Ein­zie­hung auf Güter zurück­ge­he, die sich zur Tat­zeit gera­de im Aus­land befun­den hät­ten oder dort­hin ver­bracht wor­den sei­en. Die Ein­zie­hung sei eine inlän­di­sche Stra­fe und als sol­che nur nach inlän­di­schen Ver­hält­nis­sen und inlän­di­schem Recht zu bemes­sen8.

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Dem ent­ge­gen kommt es jeden­falls hier für die Ver­kehrs­wert­be­stim­mung auf den im Aus­land im Rah­men eines nach dor­ti­gem Recht erlaub­ten Ver­kaufs­ge­schäfts tat­säch­lich erziel­ten Erlös an. Dies ergibt sich aus fol­gen­den Gründen:

Die Ein­zie­hung nach § 401 RAb­gO war als Neben­stra­fe aus­ge­stal­tet9, wäh­rend es sich bei der Ein­zie­hung von Tat­erträ­gen auch nach neu­em Recht nicht um eine stra­f­ähn­li­che Maß­nah­me han­delt10. Damit ent­fällt bereits der Aus­gangs­punkt der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dun­gen, die ?Ein­zie­hung [sei] den­noch eine inlän­di­sche Stra­fe und als sol­che nur nach inlän­di­schen Ver­hält­nis­sen und inlän­di­schem Recht zu bemes­sen?8.

Nach Weg­fall des Straf­cha­rak­ters der Ein­zie­hung kön­nen für die Wert­be­stim­mung des Erlang­ten daher grund­sätz­lich auch Aus­lands­ge­schäf­te in den Blick genom­men wer­den. So fin­den – unab­hän­gig von dem Sitz der Dritt­be­güns­ti­gen – jeden­falls tat­säch­lich im Aus­land durch lega­le Wei­ter­ver­käu­fe erziel­te Erlö­se Berück­sich­ti­gung. Denn der erhöh­te finan­zi­el­le Anreiz der Taten, den die §§ 73 ff. StGB im Blick haben, ergibt sich nicht aus­schließ­lich dar­aus, wel­chen Erlös die Begüns­tig­ten in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erzie­len kön­nen, zumal es sich gera­de bei Ver­stö­ßen gegen das Außen­wirt­schafts­ge­setz zwin­gend um grenz­über­schrei­ten­de Sach­ver­hal­te han­delt. Dies steht in Ein­klang damit, dass die Ein­zie­hungs­maß­nah­men auch einen Prä­ven­ti­ons­zweck ver­fol­gen11.

Offen­blei­ben kann, ob für die Wert­be­stim­mung des Erlang­ten – ins­be­son­de­re bei aus­schließ­lich im Inland ope­rie­ren­den Gesell­schaf­ten – auch auf im Aus­land erziel­ba­re Erlö­se abge­stellt wer­den kann, denn vor­lie­gend hat die Revi­si­ons­füh­re­rin die ein­ge­zo­ge­ne Sum­me tat­säch­lich vereinnahmt.

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Eine Diver­genz im Sin­ne des § 132 Abs. 2 GVG ergibt sich hier­aus nicht. Die zitier­te Ent­schei­dung des 2. Straf­se­nats vom 06.02.195312 betraf ein ande­res, inzwi­schen auf­ge­ho­be­nes Gesetz. Das ursprüng­li­che Ver­falls­recht der §§ 73 ff. StGB aF wur­de erst zum 1.01.1975 ein­ge­führt – die aktu­el­le Geset­zes­fas­sung trat zum 1.07.2017 in Kraft13 – und ging in sei­nem Anwen­dungs­be­reich deut­lich über die Ein­zie­hung nach § 401 RAb­gO hin­aus. Über­dies ist die Ein­zie­hung von Tat­erträ­gen auch nach neu­em Recht anders als die als Neben­stra­fe aus­ge­stal­te­te Ein­zie­hung nach § 401 RAb­gO weder eine Stra­fe noch eine stra­f­ähn­li­che Maß­nah­me14.

Von dem so bestimm­ten Ver­kehrs­wert sind kei­ne Auf­wen­dun­gen abzu­zie­hen (§ 73d StGB).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Juli 2021 – 3 StR 518/​19

  1. Auf­ga­be von BGH, Urteil vom 06.02.1953 – 2 StR 714/​51, BGHSt 4, 13, und RG, Urteil vom 13.11.1919 – I 460/​19, RGSt 54, 45[]
  2. BT-Drs. 18/​9525 S. 67; Lackner/​Kühl/​Heger, StGB, 29. Aufl., § 73c Rn. 4; Matt/​Renzikowski/​Altenhain/​Fleckenstein, StGB, 2. Aufl., § 73c Rn. 4; Schönke/​Schröder/​Eser/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 73c Rn. 10; SSW-StGB/Hei­ne, 5. Aufl., § 73c Rn. 7[]
  3. vgl. OLG Stutt­gart, Urteil vom 06.06.2014 – 2 Ss 541/​13 18 ff.; Lackner/​Kühl/​Heger, StGB, 29. Aufl., § 73c Rn. 4; LK/​Lohse, StGB, 13. Aufl., § 73c Rn. 18; Matt/​Renzikowski/​Altenhain/​Fleckenstein, StGB, 2. Aufl., § 73c Rn. 4 mit Fn. 16 und dem Hin­weis, dass in der Geset­zes­be­grün­dung ver­se­hent­lich auf den ?Zeit­punkt der Mög­lich­keit der Ori­gi­nal­ein­zie­hung? [BT-Drs. 18/​9525 S. 16] abge­stellt wird; Schönke/​Schröder/​Eser/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 73c Rn. 10; SSW-StGB/Hei­ne, 5. Aufl., § 73c Rn. 7; s. auch BGH, Beschluss vom 06.06.2018 – 4 StR 569/​17, NJW 2018, 3325 Rn. 28[]
  4. vgl. Matt/​Renzikowski/​Altenhain/​Fleckenstein, StGB, 2. Aufl., § 73c Rn. 4; Schönke/​Schröder/​Eser/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 73c Rn. 10[]
  5. so BGH, Urteil vom 06.02.1953 – 2 StR 714/​51, BGHSt 4, 13; RG, Urteil vom 13.11.1919 – I 460/​19, RGSt 54, 45, 47; so auch LK/​Lohse, StGB, 13. Aufl., § 73c Rn. 14; Schönke/​Schröder/​Eser/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 73c Rn. 10[]
  6. BGH, Urteil vom 06.02.1953 – 2 StR 714/​51, BGHSt 4, 13[]
  7. RG, Urteil vom 13.11.1919 – I 460/​19, RGSt 54, 45[]
  8. RG, Urteil vom 13.11.1919 – I 460/​19, RGSt 54, 45, 47[][]
  9. BGH, Beschluss vom 06.06.2018 – 4 StR 569/​17, NJW 2018, 3325 Rn. 33[]
  10. BVerfG, Beschlüs­se vom 10.02.2021 – 2 BvL 8/​19, NJW 2021, 1222 Rn. 106 ff.; vom 14.01.2004 – 2 BvR 564/​95, BVerfGE 110, 1, 14; BGH, Urtei­le vom 30.03.2021 – 3 StR 474/​19 69 f.; vom 19.01.2012 – 3 StR 343/​11, BGHSt 57, 79 Rn. 15; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 18.03.2019 – 2 Rb 9 Ss 852/​18 21; Fischer, StGB, 68. Aufl., § 73a Rn. 4, § 73b Rn. 2 mwN; aA Hell­mann, Wirt­schafts­straf­recht, 5. Aufl., § 17 Rn. 1118 mwN; Thei­le, JA 2020, 1, 2 f.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 30.03.2021 – 3 StR 474/​19 69; BGH, Beschluss vom 18.02.2004 – 1 StR 296/​03, BGHR StGB § 73c Här­te 9; Urteil vom 21.08.2002 – 1 StR 115/​02, BGHSt 47, 369, 375[]
  12. 2 StR 714/​51, BGHSt 4, 13[]
  13. BGBl. I, S. 872, 894[]
  14. auch BVerfG, Beschluss vom 10.02.2021 – 2 BvL 8/​19, NJW 2021, 1222 Rn. 106 ff.; BGH, Beschluss vom 06.06.2018 – 4 StR 569/​17, NJW 2018, 3325 Rn. 33[]

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