Mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten des Uni­ons­zoll­ko­dex – und ihre rück­wir­ken­de Anwen­dung

Der Uni­ons­zoll­ko­dex ist nach der Rege­lung in Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK ab 1.05.2016 anzu­wen­den. Dies gilt auch für die Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten. Auch den Vor­schrif­ten der Art. 116 ff. UZK über die Erstat­tung und den Erlass des Ein­fuhr- oder Aus­fuhr­ab­ga­ben­be­trags kommt inso­weit kei­ne Rück­wir­kung zu.

Mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten des Uni­ons­zoll­ko­dex – und ihre rück­wir­ken­de Anwen­dung

Dass bei Ver­pflich­tungs­kla­gen auf die Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung des Gerichts abzu­stel­len ist, ist eine Regel, die nicht aus­nahms­los gilt.

Die Fra­ge, ob ein Anspruch auf Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts besteht, beant­wor­tet sich nach dem mate­ri­el­len Recht. Hat sich seit dem Erlass der ableh­nen­den Ver­wal­tungs­ent­schei­dung das mate­ri­el­le Recht geän­dert, ist zu prü­fen, ob sich die­se Rechts­än­de­rung auch auf das mit der vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­la­ge zusam­men­hän­gen­de Bestehen bzw. Nicht­be­stehen des sei­ner­zeit gel­tend gemach­ten Rechts­an­spruchs aus­wirkt1.

In die­sem Zusam­men­hang ist die stän­di­ge Recht­spre­chung des Gericht­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu berück­sich­ti­gen, wonach Ver­fah­rens­vor­schrif­ten im All­ge­mei­nen auf alle bei ihrem Inkraft­tre­ten anhän­gi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten anwend­bar sind, wäh­rend mate­ri­ell-recht­li­che Vor­schrif­ten gewöhn­lich so aus­ge­legt wer­den, dass sie grund­sätz­lich nicht für vor ihrem Inkraft­tre­ten ent­stan­de­ne Sach­ver­hal­te gel­ten2.

Wie der Uni­ons­ge­richts­hof wei­ter­hin ent­schie­den hat, ver­bie­tet es der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit im All­ge­mei­nen, den Beginn der Gel­tungs­dau­er eines Rechts­akts der Gemein­schaft auf einen Zeit­punkt vor des­sen Ver­öf­fent­li­chung zu legen; dies kann aber aus­nahms­wei­se dann anders sein, wenn ein im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­des Ziel es ver­langt und das berech­tig­te Ver­trau­en der Betrof­fe­nen gebüh­rend beach­tet ist oder wenn aus Wort­laut, Zweck oder Auf­bau der betref­fen­den Gemein­schafts­vor­schrif­ten ein­deu­tig her­vor­geht, dass ihnen eine sol­che Wir­kung bei­zu­mes­sen ist3.

Bei den hier Rege­lun­gen bezüg­lich der Erstat­tung von Ein­fuhr­ab­ga­ben han­delt es sich um Vor­schrif­ten des mate­ri­el­len Rechts4. Dies gilt sowohl hin­sicht­lich Art. 236 und Art. 239 ZK als auch hin­sicht­lich Art. 116 Abs. 1 UZK, in den die Erlass- bzw. Erstat­tungs­vor­schrif­ten der Art. 236 und 239 ZK ohne grund­sätz­li­che Ände­run­gen über­nom­men wur­den.

Soweit die Vor­schrif­ten über die Erstat­tung von Ein­fuhr­ab­ga­ben auch Ver­fah­rens­vor­schrif­ten beinhal­ten, sind die­se in dem hier ent­schie­de­nen Fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Viel­mehr strei­ten die Betei­lig­ten über die Fra­ge, ob ein Grund für die Erstat­tung der Ein­fuhr­ab­ga­ben vor­liegt.

Aus dem Urteil "Kauf­ring u.a." des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on5 ergibt sich nicht, dass es sich bei den Vor­schrif­ten über Erlass und Erstat­tung aus­schließ­lich um Ver­fah­rens­vor­schrif­ten han­delt, die rück­wir­kend ange­wandt wer­den kön­nen. Viel­mehr unter­schei­det das EuG zwi­schen den mate­ri­ell-recht­li­chen Rege­lun­gen der Erlass­vor­schrif­ten, wie z.B. das Vor­lie­gen eines beson­de­ren Umstan­des, und den Ver­fah­rens­vor­schrif­ten, wie z.B. die Antrag­stel­lung und eine Vor­la­ge des Erlass­an­trags an die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on.

Da sich die Erlass- bzw. Erstat­tungs­vor­schrif­ten im UZK gegen­über dem ZK nicht grund­le­gend geän­dert haben, hat die dar­ge­stell­te Recht­spre­chung wei­ter­hin Gül­tig­keit6. Allein der Umstand, dass es zum Über­gang zwi­schen dem ZK und dem UZK noch kei­ne Recht­spre­chung des EuGH gibt, reicht zur Begrün­dung der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Rechts­sa­che nicht aus7.

Schließ­lich ent­hal­ten weder der Wort­laut der Vor­schrift noch die Erwä­gungs­grün­de der Ver­ord­nung einen Hin­weis dar­auf, dass Art. 116 Abs. 1 UZK ent­ge­gen der Rege­lung in Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK (Gül­tig­keit ab 1.05.2016) eine Rück­wir­kung zukommt.

Der Bun­des­fi­nanz­hof sieht es auch als nicht zwei­fel­haft an, dass es sich bei Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK um eine Vor­schrift des mate­ri­el­len Rechts han­delt, die ‑unab­hän­gig davon, ob ihre Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gend erfüllt sind- grund­sätz­lich kei­ne Rück­wir­kung im Hin­blick auf Ein­fuhr­ab­ga­ben, die vor dem Inkraft­tre­ten des UZK ent­stan­den sind, ent­fal­tet.

Bei die­ser Vor­schrift han­delt es sich um eine sol­che des mate­ri­el­len Rechts, weil die Ein­fuhr­zoll­schuld im Fall des Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK erlischt. Das Ver­brin­gen der Waren aus dem Zoll­ge­biet der Uni­on hat unter den dort gere­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf den Bestand der Ein­fuhr­zoll­schuld8.

Anhalts­punk­te dafür, dass Art. 124 Abs. 1 Buchst. k i.V.m. Abs. 6 UZK ent­ge­gen Art. 288 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 UZK Rück­wir­kung zukommt, bestehen auch hier nicht.

Selbst wenn der Uni­ons­ge­setz­ge­ber durch die Ein­füh­rung des Art. 124 Abs. 1 Buchst. k UZK mög­li­cher­wei­se die EuGH-Recht­spre­chung zur Zoll­schul­dent­ste­hung auf­grund einer nicht frist­ge­rech­ten Vor­la­ge der Abrech­nung im Rah­men der akti­ven Ver­ede­lung hat kor­ri­gie­ren wol­len, hat die Klä­ge­rin nicht dar­ge­legt, war­um Art. 124 UZK Rück­wir­kung haben soll. Aus den von ihr ange­ge­be­nen Fund­stel­len in der Lite­ra­tur ist zu einer even­tu­el­len Rück­wir­kung nichts zu ent­neh­men.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 24. Juli 2017 – VII B 165/​16

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 21.05.1976 – IV C 80.74, BVerw­GE 51, 15; vom 27.04.1990 8 C 87.88, NVwZ 1991, 360; BFH, Beschluss vom 28.11.2008 – VII B 59/​08, BFH/​NV 2009, 806 []
  2. EuGH, Urtei­le Molen­berg­na­tie vom 23.02.2006 – C‑201/​04, EU:C:2006:136, ZfZ 2006, 161; De Haan vom 07.09.1999 – C‑61/​98, EU:C:1999:393, ZfZ 1999, 371 []
  3. EuGH, Urteil Mit­sui & Co. Deutsch­land vom 19.03.2009 – C‑256/​07, EU:C:2009:167, ZfZ 2009, 101, Rz 32, m.w.N. []
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 26.01.2001 – VII B 19/​00, BFH/​NV 2001, 945 []
  5. EuG, Urteil Kauf­ring u.a. vom 10.05.2001 – T‑186/​97 u.a., EU:T:2001:133, ZfZ 2001, 229 []
  6. vgl. zur Ein­füh­rung des Art. 239 ZK EuGH, Urteil Söhl & Söhl­ke vom 11.11.1999 – C‑48/​98, EU:C:1999:548, ZfZ 2000, 12 []
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 18.07.2016 – VI B 128/​15, BFH/​NV 2016, 1752; BFH, Beschluss vom 14.02.2006 – VII B 269/​05, BFH/​NV 2006, 1159 []
  8. vgl. zu Art. 221 Abs. 3 ZK: EuGH, Urteil Molen­berg­na­tie, EU:C:2006:136, ZfZ 2006, 161 []