Der Unter­schrifts­stem­pel unter der Beru­fungs­be­grün­dung

Die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist Pro­zess­fort­set­zungs­vor­aus­set­zung für das gesam­te wei­te­re Ver­fah­ren nach Ein­le­gung der Beru­fung. Sie ist des­halb vom Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen zu prü­fen 1. War die Beru­fung des Klä­gers unzu­läs­sig, ist auf die Revi­si­on des Beklag­ten eine gleich­wohl zu sei­nen Las­ten ergan­ge­ne Sach­ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts auf­zu­he­ben und die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen 2.

Der Unter­schrifts­stem­pel unter der Beru­fungs­be­grün­dung

Im vor­lie­gen­den Fall war die Beru­fung des Klä­gers wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist unzu­läs­sig (§ 520 ZPO). Der inner­halb der ver­län­ger­ten Begrün­dungs­frist als Tele­ko­pie ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz war nicht von der ihn ver­ant­wor­ten­den Per­son unter­schrie­ben. Die in der vom Gericht erstell­ten Kopie des Schrift­sat­zes wie­der­ge­ge­be­ne fak­si­mi­lier­te Unter­schrift des Rechts­an­walts Dr. P genüg­te nicht dem für bestim­men­de Schrift­sät­ze zwin­gen­den und unver­zicht­ba­ren Form­erfor­der­nis des § 130 Nr. 6 ZPO. Der Man­gel konn­te nicht nach § 295 Abs. 1 ZPO durch rüge­lo­se Ein­las­sung geheilt wer­den.

Nach § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG iVm. § 520 Abs. 3 Satz 1 ZPO ist die Beru­fungs­be­grün­dung, sofern sie nicht bereits in der Beru­fungs­schrift ent­hal­ten ist, in einem Schrift­satz bei dem Beru­fungs­ge­richt ein­zu­rei­chen. Für die­sen gel­ten nach § 520 Abs. 5 ZPO die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­ze.

Als bestim­men­der Schrift­satz muss die Beru­fungs­be­grün­dung von einem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt nach § 11 Abs. 4 Satz 1, Satz 2 und Satz 4 ArbGG ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zwar nicht selbst ver­fasst, aber nach eigen­ver­ant­wort­li­cher Prü­fung geneh­migt und eigen­hän­dig unter­schrie­ben sein, § 130 Nr. 6 ZPO 3. Eine sol­che Unter­schrift stellt sicher, dass der Unter­zeich­ner die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes über­nimmt 4. Bei der Über­mitt­lung eines Schrift­sat­zes durch einen Tele­fax­dienst tritt an die Stel­le der grund­sätz­lich zwin­gen­den Unter­schrift auf der Urkun­de die Wie­der­ga­be die­ser Unter­schrift in der bei Gericht erstell­ten Kopie 5. Die Prü­fung der für eine Unter­schrift erfor­der­li­chen Merk­ma­le kann vom Revi­si­ons­ge­richt selb­stän­dig vor­ge­nom­men wer­den 6.

Die auf der Tele­ko­pie wie­der­ge­ge­be­ne fak­si­mi­lier­te Unter­schrift unter dem Schrift­satz vom 09.02.2016 ent­spricht die­sen Anfor­de­run­gen nicht. Ein Unter­schrifts­stem­pel ist kei­ne eigen­hän­di­ge Unter­schrift der den Schrift­satz ver­ant­wor­ten­den Per­son iSv. § 130 Nr. 6 ZPO 7.

Das Feh­len einer eigen­hän­di­gen Unter­schrift kann aus­nahms­wei­se unschäd­lich sein, wenn – ohne Beweis­auf­nah­me – auf­grund ande­rer Umstän­de zwei­fels­frei fest­steht, dass es sich bei dem Schrift­satz nicht nur um einen Ent­wurf han­delt, son­dern der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes über­nimmt und die­sen auch bei Gericht ein­rei­chen will 8.

Anders als eine leer geblie­be­ne Unter­schrifts­zei­le, die auf ein Ver­se­hen zurück­zu­füh­ren sein kann 9, erlaubt das Vor­han­den­sein eines fak­si­mi­lier­ten Sign­ums unter einem Schrift­satz regel­mä­ßig den Schluss, dass der­je­ni­ge, mit des­sen Namens­zug der dem Gericht zuge­lei­te­te Schrift­satz gestem­pelt wur­de, bei der Fer­tig­stel­lung und Absen­dung des Schrift­sat­zes nicht anwe­send war. Die Annah­me, er habe gleich­wohl die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes über­neh­men und die­sen auch bei Gericht ein­rei­chen wol­len, liegt daher in einem sol­chen Fall fern. Umstän­de, die im Streit­fall dar­auf schlie­ßen las­sen, dass der als Tele­ko­pie ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz vom 09.02.2016 gleich­wohl von dem klä­ge­ri­schen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­ant­wor­tet und mit des­sen Wis­sen und Wil­len dem Lan­des­ar­beits­ge­richt zuge­lei­tet wur­de, sind nicht gege­ben.

Schon auf­grund der durch den Stem­pel her­vor­ge­ru­fe­nen Abwe­sen­heits­ver­mu­tung bie­ten weder die Ver­wen­dung des Brief­bo­gens sei­ner Kanz­lei noch die maschi­nen­schrift­li­che Wie­der­ga­be sei­nes Namens am Ende des Schrift­sat­zes eine der Unter­schrift ver­gleich­ba­re Gewähr für die Urhe­ber­schaft des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers. Auch des­sen Wil­le, am 9.02.2016 durch einen Tele­fax­dienst eine Beru­fungs­be­grün­dung in den Rechts­ver­kehr zu brin­gen, ist daher nicht zu erken­nen 10.

Der Schrift­satz ist dem Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht zusam­men mit einem vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers unter­schrie­be­nen Begleit­schrei­ben über­mit­telt wor­den. Inner­halb der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist sind auch kei­ne Abschrif­ten des Schrift­sat­zes beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­reicht wor­den, die mit einer Unter­schrift oder zumin­dest mit einem hand­schrift­lich voll­zo­ge­nen Beglau­bi­gungs­ver­merk des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­se­hen waren. Selbst das am 15.02.2016 als Brief­post ein­ge­gan­ge­ne Ori­gi­nal des Schrift­sat­zes trägt anstel­le der Unter­schrift allein den fak­si­mi­lier­ten Schrift­zug "Dr. P".

Das auf Sei­te 1 des Schrift­sat­zes abge­druck­te Kür­zel "pü-jk" neben dem kanz­lei­in­ter­nen Akten­zei­chen erlaubt schon des­halb kei­nen siche­ren Rück­schluss dar­auf, dass Rechts­an­walt Dr. P ihn sowohl inhalt­lich ver­ant­wor­tet hat als auch in den Rechts­ver­kehr brin­gen woll­te, weil er erst­in­stanz­lich auch – von ihm unter­schrie­be­ne – Schrift­sät­ze mit dem Dik­tat­zei­chen "mpü-pü-jk" bei Gericht ein­ge­reicht hat.

Die man­gel­haf­te Form der Beru­fungs­be­grün­dung konn­te nicht durch rüge­lo­se Ein­las­sung der Beklag­ten geheilt wer­den (§ 295 Abs. 2 ZPO). Unab­hän­gig davon, ob die Beklag­te Kennt­nis von der Frist­ver­säu­mung hat­te – was offen­bar durch die Ver­wen­dung des Fak­si­mi­le-Stem­pels ver­hin­dert wer­den soll­te, sind die Vor­schrif­ten über die Zuläs­sig­keit von Rechts­mit­tel­schrif­ten, nament­lich die Wah­rung von Rechts­mit­tel­fris­ten, grund­sätz­lich einer Hei­lung unzu­gäng­lich 11. Auf ihre Befol­gung kann nicht durch rüge­lo­ses Ver­han­deln in Kennt­nis des Man­gels ver­zich­tet wer­den.

Rechts­mit­tel- und Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­fris­ten die­nen der Rechts­si­cher­heit, dem öffent­li­chen Inter­es­se an einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge und nicht zuletzt dem Schutz der ande­ren Par­tei 12. Auch bei Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­fris­ten kann es nicht der Gegen­par­tei über­las­sen wer­den, ob Män­gel, mögen sie die Form der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­schrift, ihren vor­ge­schrie­be­nen Inhalt oder sons­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen der Frist­wah­rung betref­fen, zu berück­sich­ti­gen sind 13. Das gilt ins­be­son­de­re für die Unter­schrift oder deren Wie­der­ga­be auf der bei Gericht erstell­ten Kopie als nach § 520 Abs. 5, § 130 Nr. 6 ZPO zwin­gen­de Wirk­sam­keits­er­for­der­nis­se einer form­gül­ti­gen Beru­fungs­be­grün­dung 14.

Ohne Erfolg ver­weist der Klä­ger dar­auf, dass es sich bei § 130 Nr. 6 ZPO ledig­lich um eine Soll­vor­schrift han­de­le und das Erfor­der­nis der eigen­hän­di­gen Unter­schrift "nicht mehr zeit­ge­mäß" sei.

Die eigen­hän­di­ge Unter­schrift auf dem Ori­gi­nal eines bestim­men­den Schrift­sat­zes stellt am wir­kungs­volls­ten sicher, dass der Berech­tig­te das Schrei­ben auto­ri­siert hat. Der Zugang zu Gericht wird dadurch nicht unzu­mut­bar erschwert 15.

Die For­mu­lie­rung "sol­len ent­hal­ten …" im Ein­gangs­halb­satz von § 130 ZPO ist bezüg­lich des Unter­schrifts­er­for­der­nis­ses in Nr. 6 als "müs­sen" zu inter­pre­tie­ren. In Kennt­nis der Recht­spre­chung des Gemein­sa­men Bun­des­ar­beits­ge­richts der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des hat der Gesetz­ge­ber auch bei Ände­run­gen des Geset­zes kei­nen Anlass gese­hen, ein ande­res Ver­ständ­nis aus­zu­drü­cken. Viel­mehr hat er bei der im Jahr 2001 in Kraft getre­te­nen Ände­rung des § 130 Nr. 6 ZPO in der Geset­zes­be­grün­dung aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Neu­fas­sung der Vor­schrift das Unter­schrifts­er­for­der­nis für Schrift­sät­ze bei­be­hal­te 16. Wird ein Schrift­satz dem Gericht durch einen Tele­fax­dienst über­mit­telt, besteht auch kei­ne tech­ni­sche Not­wen­dig­keit, eine Fak­si­mi­le-Unter­schrift genü­gen zu las­sen 17.

Eine "Hei­lung durch nach­träg­li­che ‚Bestä­ti­gung‘", wie sie der Klä­ger für mög­lich hält, kommt schon des­halb nicht in Betracht, weil eine bereits abge­lau­fe­ne Frist durch nach­träg­li­che Hei­lung nicht mehr gewahrt wer­den kann 18.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 24. Okto­ber 2018 – 10 AZR 278/​17

  1. BAG 23.08.2017 – 10 AZR 136/​17, Rn. 13[]
  2. st. Rspr., vgl. etwa BAG 26.04.2017 – 10 AZR 275/​16, Rn. 10[]
  3. vgl. BAG 5.08.2009 – 10 AZR 692/​08, Rn. 17; BGH 30.01.2018 – II ZR 238/​16, Rn. 9[]
  4. BGH 27.02.2018 – XI ZR 452/​16, Rn. 16[]
  5. vgl. BAG 5.08.2009 – 10 AZR 692/​08, Rn. 21[]
  6. BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn. 17, BAGE 151, 66[]
  7. so bereits mit aus­führ­li­cher Begrün­dung BAG 5.08.2009 – 10 AZR 692/​08, Rn. 18 ff.; vgl. auch BGH 18.03.2015 – XII ZB 424/​14, Rn. 15; 26.10.2015 – AnwZ (Brfg) 25/​15, Rn.20[]
  8. vgl. BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn. 22, BAGE 151, 66; BGH 26.03.2012 – II ZB 23/​11, Rn. 9[]
  9. vgl. BGH 4.10.1984 – VII ZR 342/​83, zu 1 c bb der Grün­de, BGHZ 92, 251[]
  10. zu der Unter­zeich­nung mit einer unle­ser­li­chen "Lini­en­füh­rung" BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn. 23, BAGE 151, 66[]
  11. vgl. BGH 30.01.2018 – II ZR 238/​16, Rn. 12 mwN[]
  12. BVerfG 18.04.2007 – 1 BvR 110/​07, Rn. 22, BVerfGK 11, 48; für die Beru­fungs­frist BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn. 28, BAGE 151, 66[]
  13. BGH 30.01.2018 – II ZR 238/​16, Rn. 12 mwN[]
  14. BGH 30.01.2018 – II ZR 238/​16 – aaO[]
  15. BVerfG 18.04.2007 – 1 BvR 110/​07, Rn. 22, BVerfGK 11, 48[]
  16. BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn. 27 mwN, BAGE 151, 66[]
  17. BGH 18.03.2015 – XII ZB 424/​14, Rn. 15[]
  18. vgl. BGH 3.03.2004 – IV ZR 458/​02, zu 2 a der Grün­de[]