Das bil­li­ge Ermes­sen bei noch nicht bestimm­ten Flug­zei­ten im Rei­se­ver­trag

Anmer­kun­gen zu BGH, Urteil vom 16.09.2014 – X ZR 1/​14, von Rechts­as­ses­sor Jochen Bau­er, Sin­del­fin­gen

Das bil­li­ge Ermes­sen bei noch nicht bestimm­ten Flug­zei­ten im Rei­se­ver­trag

Die Ent­schei­dung des BGH wirft m. E. meh­re­re nicht unwe­sent­li­che und vom BGH (lei­der) nicht erör­ter­te Fra­gen auf.

Das Leis­tungs­be­stim­mungs­recht des Rei­se­ver­an­stal­ters[↑]

Zwar bil­ligt der BGH dem Rei­se­ver­an­stal­ter nach objek­ti­vier­ter Aus­le­gung i.S. der §§ 133, 157 BGB ein sog. Leis­tungs­be­stim­mungs­recht aus § 315 I BGB zu. Auf die­se Fle­xi­bi­li­tät ist der Rei­se­ver­an­stal­ter auch ange­wie­sen; weiß er doch oft­mals selbst noch nicht – ins­be­son­de­re bei einer Früh­bu­chung – wel­che genau­en Flug­zei­ten spä­ter in Betracht kom­men.

Der Rei­se­ver­an­stal­ter darf jetzt also grund­sätz­lich die Flug­zei­ten, die ja bei Ver­trags­schluß (Wann kommt der Ver­trag wirk­sam zustan­de? dazu unten) noch nicht bekannt waren, frei wäh­len. Und zwar jeweils bei Abflug und Rück­kehr – im Rah­men von 0.00 – 23.59 Uhr.

Gleich­wohl hat der Rei­se­ver­an­stal­ter hier­bei, was man auf den ers­ten Blick anneh­men könn­te, es aber nicht völ­lig in der Hand, nach sei­nem eige­nen Gut­dün­ken und ohne Rück­sicht auf den Rei­sen­den, die Flug­zei­ten "ein­sei­tig" zu bestim­men.

Sol­len die Flug­zei­ten – wie vor­lie­gend – durch den Rei­se­ver­an­stal­ter bestimmt wer­den, so ist im Zwei­fel (weil nicht ande­res ver­ein­bart ist) anzu­neh­men, daß die Bestim­mung der­sel­ben gemäß § 315 I BGB nach bil­li­gem Ermes­sen zu tref­fen ist.

Das heißt nichts ande­res, als daß der Rei­se­ver­an­stal­ter ein Aus­wahler­mes­sen hat, daß er nach §315 III S. 1 BGB so vor­neh­men muß, daß die getrof­fe­ne Bestim­mung nur dann für den Rei­sen­den ver­bind­lich ist – und damit letz­ten­en­des der Ver­trag auch erst im Sin­ne § 154 I S. 1 BGB ver­bind­lich – also wirk­sam ist, wenn die getrof­fe­ne Bestim­mung auch der Bil­lig­keit ent­spricht. Tut sie dies näm­lich nicht, muß die Bestim­mung nach § 315 III S. 2, 1. HS BGB durch das Gericht bestimmt wer­den, mit ande­ren Wor­ten ist sie dann (zunächst) unwirk­sam. Glei­ches gilt nach § 315 III S. 2, 2. HS BGB wenn die Bestim­mung ver­zö­gert wird, d.h. dem Rei­sen­den ver­spä­tet bekannt­ge­ge­ben – also gemäß § 315 II BGB dem Rei­sen­den gegen­über erklärt wird.

Für den Aus­gangs­fall bedeu­tet das, daß in bei­den Fäl­len eine sol­che Ver­ein­ba­rung – Flug­zei­ten noch nicht bekannt, nur wirk­sam ist, wenn A. das Aus­wahler­mes­sen hin­sicht­lich der bestimm­ten Zeit bil­lig umge­setzt und B. die Kon­kre­ti­sie­rung der Leis­tungs­zeit auch nicht ver­zö­gert (ohne schuld­haf­tes Zögern= unver­züg­lich) mit­ge­teilt hat.

Ers­te Fra­ge: Wann ist die von Rei­se­ver­an­stal­ter zu tref­fen­de Aus­wahl bil­lig?[↑]

Die Fra­ge der Bil­lig­keit ist im Zwei­fel – wie stets im gesam­ten Zivil­recht auch (der "ver­meint­li­che Lücken­bü­ßer" – eine sol­che des § 241 BGB:

"Der Schuld­ner ist ver­pflich­tet, die Leis­tung so zu bewir­ken, wie Treu und Glau­ben mit Rück­sicht auf die Ver­kehrs­sit­te es erfor­dern."

Damit wird ersicht­lich, daß der Rei­se­ver­an­stal­ter die Leis­tungs­zeit der bei­den Beför­de­rungs­leis­tun­gen (Hin- und Rück­flug) nur in die­sem Sin­ne bestim­men darf – damit über­haupt ein wirk­sa­mer Beför­de­rungs­ver­trag zustan­de kom­men kann.

Somit sind die jewei­li­gen Flug­zei­ten vom Rei­se­ver­an­stal­ter nicht "will­kür­lich" (ohne sach­li­chen Grund) und auch unter Berück­sich­ti­gung der "regel­mä­ßi­gen Inter­es­sen" eines Rei­sen­den eben­so ange­mes­sen aus­zu­wäh­len.

Somit ist zu fol­gern, daß der Rei­se­ver­an­stal­ter – im Inter­es­se des Rei­sen­den, der ja eine mög­lichst "unge­kürz­te Urlaubs­zeit" genie­ßen will – bestrebt sein muß, die letzt­lich von ihm zu bestim­men­den Flug­zei­ten, bei der Aus­wahl­mög­lich­keit unter meh­re­ren Alter­na­ti­ven (die der Rei­se­ver­an­stal­ter ja regel­mä­ßig hat), so zu legen, daß er mit­hin "scho­nend" mit der Urlaubs­zeit des Rei­sen­den umgeht.

Das Pro­blem dabei, wird schnell erkannt, wenn man sich ein­mal fol­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on ver­ge­gen­wär­tigt: Hat der Rei­se­ver­an­stal­ter z.B. 2 ver­schie­de­ne Flü­ge zur Aus­wahl, die zwar am glei­chen Hin- und Rück­flug­tag lie­gen, aber zu unter­schied­li­chen Zei­ten star­ten – Vari­an­te 1: Hin- und Rück­flug jeweils um 7:00 Uhr , Vari­an­te 2: um 14:00 Uhr – so muß er m.E. den Flug um 7:00 bestim­men; ansons­ten wür­de er ohne eige­ne Not die Urlaubs­zeit sei­nes Ver­trags­part­ners bei den Flug­leis­tun­gen (Haupt­leis­tun­gen nach BGH) um 2 x 7 Stun­den ver­kür­zen.

Inso­weit ist auch ein etwai­ger Gegen­ein­wand des Rei­se­ver­an­stal­ter, der Rei­sen­de sei hier nicht schutz­wür­dig, da er ja aus "frei­en Stü­cken" auf die Fest­le­gung einer bestimm­ten Flug­zeit für Hin- und Rück­flug ver­zich­tet habe, unbe­acht­lich.

Des­we­gen muss der Rei­se­ver­an­stal­ter inso­weit, den für den Rei­sen­den weni­ger "urlaubs­ver­kür­zen­den" Flug aus­wäh­len und daher die Flug­zeit wäh­len, die weni­ger Stark in den Urlaub ein­wirkt; in unse­rem Bei­spiel muß der Rei­se­ver­an­stal­ter also den Abflug um 7:00 Uhr wäh­len, beim Rück­flug den um 14:00 Uhr.

Zwei­te Fra­ge: Mit­tei­lungs­zeit­punkt der (zwi­schen­zeit­lich) bestimm­ten Flug­zei­ten?[↑]

Auch ein wei­te­res Pro­blem hat der BGH offen­ge­las­sen. Näm­lich die Fra­ge, wann der Rei­se­ver­an­stal­ter die zwi­schen­zeit­lich bestimm­ten Flug­zei­ten dem Rei­sen­den gegen­über mit­zu­tei­len hat.

Auf einem gedach­ten Zeit­strahl, der sich denk­mög­lich nur inner­halb der von der Ver­ein­ba­rung des Rei­se­ver­tra­ges (t1) bis zum Abflug (t2) ver­strei­chen­den Zeit erstre­cken kann, spielt sich die vom Rei­se­ver­an­stal­ter vor­zu­neh­men­de Mit­tei­lung an den Rei­sen­den, irgend­wo dazwi­schen ab.

Im Aus­gangs­fall bedien­te sich der Ver­an­stal­ter eines For­mu­lars (AGB) mit dem Inhalt «Genaue Flug­zei­ten noch nicht bekannt!» sowie «Die aktu­el­len Flug­zei­ten ent­neh­men sie Ihren Flug­ti­ckets». Das For­mu­lar war Teil der Rei­se­be­stä­ti­gung.

Inso­weit könn­te man wie­der­um ein­wen­den, der Rei­se­ver­an­stal­ter kön­ne die Mit­tei­lung, weil ver­trag­lich ver­ein­bart, bis zu dem Zeit­punkt der Über­sen­dung der Flug­ti­ckets "hin­aus­schie­ben".

Hier­ge­gen spre­chen jedoch 4 ent­schei­den­de Argu­men­te:

  1. Wäh­rend dem Rei­se­ver­an­stal­ter beim bewuß­ten (vor­läu­fi­gen) Offen­las­sen der Flug­zei­ten – eine Fle­xi­bi­li­tät in Bezug auf die Bestim­mung der­sel­ben für die bis­lang nur nach Kalen­der­da­tum fest­ge­leg­ten Hin- und Rück­flug­ta­ge gewährt wird – ist es nur Recht und bil­lig , daß dem­ge­gen­über auch der Rei­sen­de eine gewis­se Dis­po­si­ti­ons­mög­lich­keit als Pen­dant zur der dem Rei­se­ver­an­stal­ter ein­ge­räum­ten Fle­xi­bi­li­tät, für sei­ne Rei­se­pla­nung erhält. Ent­spricht dies doch auch und gera­de dem "do ut des" des § 320 BGB – einem Rechts­ge­dan­ken der auch hier zum Tra­gen kom­men muß, weil der Rei­se­ver­trag ein syn­al­lag­ma­ti­scher ist und weil sich ansons­ten die struk­tu­rel­le Unter­le­gen­heit des Rei­sen­den noch ver­grö­ßern wür­de; wäre doch die dem Rei­sen­den vor­ge­ge­be­nen Zei­te­nen, ansons­ten für ihn nicht mehr ange­mes­sen und auch nicht mehr zumut­bar.
  2. Dar­über hin­aus folgt – aus Sinn und Zweck der Rege­lung des § 315 III S.2, Var. 2 BGB – , daß der Rei­sen­de näm­lich, sobald wie mög­lich wis­sen muß, wann er genau fliegt und wann er sich recht­zei­tig zum check- des jewei­li­gen Flu­ges ein­zu­fin­den hat, damit er inso­weit für sich, noch die erfor­der­li­che Dis­po­si­tio­nen tref­fen kann.
  3. Hat der Rei­se­ver­an­stal­ter sich auf dem Zeit­strahl, ein­mal fest­ge­legt (dazu sie­he oben), folgt dann schon aus § 315 III S.2 BGB, daß er die Mit­tei­lung der Flug­zei­ten jetzt so vor­zu­neh­men hat, daß kei­ne Ver­zö­ge­run­gen ent­ste­hen. M.E. ist die­se For­mu­lie­rung sys­te­ma­tisch dahin aus­zu­le­gen, daß er also grund­sätz­lich Ver­zö­ge­run­gen ver­mei­den muß, die dem Rei­sen­den nach­tei­lig wer­den könn­ten.
  4. Beim Rei­se­ver­trag muß der Rei­se­ver­an­stal­ter gemäß § 651 a V S.1 BGB eine zuläs­si­ge Ände­rung einer wesent­li­chen Rei­se­leis­tung – und das sind auch Flug­zei­ten der Haupt­leis­tung Flug – unver­züg­lich nach Kennt­nis von dem Ände­rungs­grund, erklä­ren. Gilt dies für Ände­run­gen, so muß dies erst Recht, auch für die Begrün­dung der wesent­li­chen Rei­se­leis­tung gel­ten (arg. a mino­re ad mai­us).

Ins­ge­samt ist daher (aus die­sen 4 Grün­den) zu fol­gern, daß der Rei­se­ver­an­stal­ter ohne schuld­haf­tes Zögern und somit unver­züg­lich dem Rei­sen­den die Flug­zei­ten mit­zu­tei­len hat.

Als Zwi­schen­er­geb­nis hal­ten wir fest: Die vom Rei­se­ver­an­stal­ter nach § 315 I S. 1 BGB bestimm­ten Flug­zei­ten sind dem Rei­sen­den unver­züg­lich mit­zu­tei­len.

Aus­ge­übt wird das Leis­tungs­be­stim­mungs­recht des § 315 I S. 1 BGB durch die ein­sei­ti­ge, emp­fangs­be­dürf­ti­ge Gestal­tungs­er­klä­rung des Rei­se­ver­an­stal­ter gegen­über dem Rei­sen­den, § 315 II BGB.

Nur dann kann gemäß § 154 I S. 1 BGB der Beför­de­rungs­ver­trag hin­sicht­lich der 2 Teil­leis­tun­gen Hin- und Rück­flug und damit der Rei­se­ver­trag ins­ge­samt – auch ohne zunächst bestimm­te Flug­zei­ten – wirk­sam wer­den. Ansons­ten ist der Ver­trag unwirk­sam.

Ohne Bestim­mung einer Zeit – die hier, der Rei­se­ver­an­stal­ter in zuläs­si­ger Wei­se bestimmt hat, gibt es kei­nen wirk­sa­men Rei­se­ver­trag (vom Son­der­fall des rich­ter­li­chen Gestal­tungs­ur­teils ein­mal abge­se­hen; vgl. § 315 III S. 2, 1. Alt. BGB.

Fazit: Die Ent­schei­dung ist zutref­fend.

Rei­se­än­de­run­gen nach Ver­trags­schluß[↑]

Denk­bar sind aber auch ande­re Fäl­le, in denen bei­spiels­wei­se ein im oben aus­ge­führ­ten Sin­ne wirk­sa­mer Rei­se­ver­trag – nach Ver­trags­schluß und vor Abflug – durch bei der Air­line ein­ge­tre­te­ne Ver­än­de­run­gen hin­sicht­lich der Flug­zei­ten, auch durch den Rei­se­ver­an­stal­ter geän­dert wird.

Unter Berück­sich­ti­gung des § 651 a V S. 1 BGB, müß­te dann aller­dings, bei einer Ände­rung der Flug­zei­ten, als wesent­li­cher Teil der Haupt­leis­tung Flug, dem Rei­sen­den ein Kün­di­gungs­recht nach S.2 gege­ben wer­den oder ihm das Recht nach S. 3 zuste­hen; was bei­des eben­so unver­züg­lich gegen­über dem Rei­se­ver­an­stal­ter gel­tend zu machen wäre.

Und es könn­te dann auch erfor­der­lich wer­den, die als AGB for­mu­lier­ten Bestim­mun­gen – im Hin­blick dar­auf, ob Sie über­haupt wirk­sam sein kön­nen, einer Inhalts­kon­trol­le zu unter­zie­hen; ins­be­son­de­re nach § 307 II Nr. 1 BGB könn­te dann eine Über­prü­fung anhand des gesetz­li­chen Leit­bil­des erfor­der­lich wer­den.

Die noch nicht bekann­ten Rei­se­zei­ten[↑]

BGH X ZR 1/​14 stellt eine Neue­rung dar. Anders als bei einer sog. «For­tu­na»-Rei­se, wo eine kon­kre­te Hotel­be­stim­mung offen­ge­las­sen und ein Hotel zunächst nur kate­go­rie­mä­ßig ver­ein­bart wor­den war, sind in dem jetzt ent­schie­de­nen Fall, die Leis­tungs­zei­ten zunächst als noch nicht bekannt, ver­ein­bart wor­den.

Wäh­rend in den For­tu­na- Fäl­len bei einem vor­be­hal­te­nen Leis­tungs­än­de­rungs­recht, in der bestimm­ten Urlaubs­re­gi­on das näm­li­che Hotel erst vor Ort kon­kre­ti­siert wird, sind hier die Flug­zei­ten anfangs als noch nicht bekannt ver­ein­bart wor­den und machen erst durch Zugang der zwi­schen­zeit­lich in der nach § 315 BGB gehö­ri­gen Wei­se getrof­fe­nen Leis­tungs­be­stim­mung durch den Rei­se­ver­an­stal­ter gegen­über dem Rei­sen­den, den Flug­be­för­de­rungs­ver­trag und damit zugleich den Rei­se­ver­trag wirk­sam.

Da seit BGH X ZR 24/​13, zumin­dest ein bestimm­tes Zeit­fens­ter von ca. 3 – 4 Stun­den – bei vor­be­hal­te­ner Leis­tungs­än­de­rung i.S. § 651 a I BGB gefor­dert wur­de, wird dies auch bei Anwen­dung eines Leis­tungs­be­stim­mungs­rechts i.S. des § 615 I BGB so sein; dann näm­lich, wenn bei Zugang der § 315 BGB ent­spre­chen­den Wil­lens­er­klä­rung beim Rei­sen­den, nach die­sem Zeit­punkt, eine durch den Erfül­lungs­ge­hil­fen des Rei­se­ver­an­stal­ter – also eine durch die air­line ver­ur­sach­te und vom Rei­se­ver­an­stal­ter an den Kun­den wei­ter­ge­reich­te – Zeit­än­de­rung am Hin- und Rück­flug­tag vor­ge­nom­men wur­de. Zu deren Wirk­sam­keit ist dann jeden­falls auch ein Zeit­fens­ter von 3 – 4 Stun­den zu beach­ten. Der­ge­stalt daß die­ser Zeit­rah­men nicht über­schrit­ten wer­den darf, um nicht die Zeit­än­de­run­gen für den Rei­sen­den dann unzu­mut­bar zu machen. Mit der Fol­ge, daß hier­durch die Flug­be­för­de­rung und damit auch der Rei­se­ver­trag dann ins­ge­samt unwirk­sam wür­den.