Unfall bei der Reit­the­ra­pie

Wird durch ein Tier ein Mensch ver­letzt, so ist der Tier­hal­ter gemäß § 839 BGB unab­hän­gig von einem eige­nen Ver­schul­den zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet. Die­se Scha­dens­er­satz­pflicht tritt nach dem soge­nann­ten Nutz­tier­pri­vi­leg des § 839 S. 2 BGB jedoch nicht ein, wenn der Scha­den durch ein Haus­tier ver­ur­sacht wird, das dem Beruf, der Erwerbs­tä­tig­keit oder dem Unter­halt des Tier­hal­ters zu die­nen bestimmt ist, und ent­we­der der Tier­hal­ter bei der Beauf­sich­ti­gung des Tie­res die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt beob­ach­tet oder der Scha­den auch bei Anwen­dung die­ser Sorg­falt ent­stan­den sein wür­de.

Unfall bei der Reit­the­ra­pie

Hier­zu hat nun der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass einem Ver­ein, der sich nach sei­nem Ver­eins­zweck der Reit­the­ra­pie von Behin­der­ten wid­met, die Ent­las­tungs­mög­lich­keit über die­ses Nutz­tier­pri­vi­leg im Sin­ne des § 833 Satz 2 BGB bei einem Reit­un­fall mit einem Ver­eins­pferd ver­sagt ist.

Die Klä­ge­rin des jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streits begehr­te Scha­dens­er­satz wegen eines Reit­un­falls, bei dem sie sich bei einem Sturz von dem Pferd „Ron­ny“ eine Len­den­wir­bel­frak­tur zuzog. Hal­ter des Pfer­des ist ein ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein für Reit­the­ra­pie von Behin­der­ten. Der eben­falls ver­klag­te Reit­leh­rer erteil­te der Klä­ge­rin, die an einer Behin­de­rung lei­det, und deren Toch­ter G. in der Hal­le eine Reit­stun­de. G. ritt auf dem Pferd „Princess“, des­sen Hal­ter der eben­falls der beklag­te Ver­ein ist, vor­aus. Die genaue Ent­wick­lung des Reit­un­falls ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Hamm wur­de der Sturz jeden­falls dadurch ver­ur­sacht, dass „Ron­ny“ aus dem Galopp her­aus durch ein vor­aus­ge­gan­ge­nes Ver­hal­ten von „Princess“ abrupt ste­hen blieb.

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat der Kla­ge gegen bei­de Beklag­ten statt­ge­ge­ben [1]. Es hat die Revi­si­on für den beklag­ten Ver­ein zuge­las­sen, weil die Fra­ge der Ent­las­tungs­mög­lich­keit des § 833 Satz 2 BGB für einen Ide­al­ver­ein, der sei­ne Pfer­de – ohne Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht – zur Ver­fol­gung sei­ner als gemein­nüt­zig aner­kann­ten, sat­zungs­mä­ßi­gen Zwe­cke hal­te, grund­sätz­li­che Bedeu­tung habe und es hier­zu unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung gebe.

Die dar­auf­hin von dem Ver­ein ein­ge­leg­te Revi­si­on gegen das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Hamm hat­te jetzt vor dem Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg: Die Tier­hal­ter­haf­tung ist in § 833 Satz 1 BGB als Gefähr­dungs­haf­tung aus­ge­stal­tet. Das Gesetz räumt nach § 833 Satz 2 BGB dem Tier­hal­ter die Mög­lich­keit, sich von der Gefähr­dungs­haf­tung des § 833 Satz 1 BGB durch den Nach­weis zu ent­las­ten, bei der Beauf­sich­ti­gung des Tie­res die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt beob­ach­tet zu haben, nur dann ein, wenn der Scha­den durch ein Haus­tier ver­ur­sacht wor­den ist, das dem Beruf, der Erwerbs­tä­tig­keit oder dem Unter­halt des Tier­hal­ters zu die­nen bestimmt ist. Dies ist bei einem Ide­al­ver­ein, der sich im Rah­men sei­ner sat­zungs­mä­ßi­gen Auf­ga­be der Reit­the­ra­pie von Behin­der­ten wid­met, grund­sätz­lich nicht der Fall.

Der Klä­ge­rin war auch kein Mit­ver­schul­den anzu­las­ten, weil sie trotz ihrer kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gung über­haupt Reit­stun­den genom­men hat. Denn sie konn­te damit rech­nen, dass die Reit­aus­bil­dung ihrer Behin­de­rung Rech­nung trug.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Dezem­ber 2010 – VI ZR 312/​09

  1. OLG Hamm, Urteil vom 22.09.2009 – I‑9 U 11/​09[]