Ein­zel­tier­kenn­zeich­nung bei Scha­fen und Zie­gen

Die Ver­pflich­tung zur elek­tro­ni­schen Ein­zel­tier­kenn­zeich­nung von Scha­fen und Zie­gen ist nach einem aktu­el­len Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on rechts­gül­tig. Durch den Erlass die­ser Maß­nah­me, die der bes­se­ren Vor­beu­gung von Tier­seu­chen dient, hat der Gesetz­ge­ber nach Ansicht des Uni­ons­ge­richts­hofs weder die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit der Tier­hal­ter ver­letzt noch gegen den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung ver­sto­ßen.

Ein­zel­tier­kenn­zeich­nung bei Scha­fen und Zie­gen

Bis zu dem schwe­ren Aus­bruch der Maul- und Klau­en­seu­che im Jahr 2001 muss­ten die Schaf- und Zie­gen­hal­ter ihre Tie­re ledig­lich mit einer Ohr­mar­ke oder einer Täto­wie­rung ver­se­hen, die die Zuord­nung zu ihrem Betrieb ermög­lich­te. Zudem muss­ten sie ein Regis­ter mit Anga­ben über die Gesamt­zahl der in jedem Jahr in ihrem Betrieb vor­han­de­nen Scha­fe und Zie­gen füh­ren 1. Wäh­rend die­ser Tier­seu­che muss­ten wegen nicht gekenn­zeich­ne­ter Scha­fe und feh­len­der Rück­ver­folg­bar­keit sys­te­ma­ti­sche Schlach­tun­gen von meh­re­ren Mil­lio­nen Tie­ren durch­ge­führt wer­den, nur um danach fest­zu­stel­len, dass vie­le von ihnen nicht infi­ziert waren. Inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on muss­ten ver­schie­de­ne Beschrän­kun­gen und welt­weit ein Ver­bot jeg­li­cher Aus­fuhr von Vieh, Fleisch und tie­ri­schen Erzeug­nis­sen aus dem Ver­ei­nig­ten König­reich erlas­sen wer­den.

Um der­ar­ti­gen Tier­seu­chen bes­ser vor­zu­beu­gen und das Funk­tio­nie­ren des Han­dels mit Scha­fen und Zie­gen zwi­schen den Mit­glied­staa­ten zu ver­bes­sern, hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 21/​2004 zur Ein­füh­rung eines Sys­tems zur Kenn­zeich­nung und Regis­trie­rung von Scha­fen und Zie­gen ein neu­es Sys­tem ein­ge­führt, wonach jedes Tier indi­vi­du­ell durch zwei Kenn­zei­chen gekenn­zeich­net wer­den muss, näm­lich einer her­kömm­li­chen Ohr­mar­ke und einer elek­tro­ni­schen Vor­rich­tung 2. Letz­te­re kann in einer elek­tro­ni­schen Ohr­mar­ke, einem Bolus­trans­pon­der, einem elek­tro­ni­schen Trans­pon­der oder einem elek­tro­ni­schen Kenn­zei­chen an der Fes­sel bestehen. Die Iden­ti­tät jedes ein­zel­nen Tiers muss in einem Bestands­re­gis­ter ver­merkt wer­den. Außer­dem sind die Bewe­gun­gen der aus dem Betrieb abge­hen­den Tie­re in einem Begleit­do­ku­ment auf­zu­zeich­nen. Fer­ner hat jeder Mit­glied­staat ein zen­tra­les Regis­ter oder eine elek­tro­ni­sche Daten­bank zur Erfas­sung aller in sei­nem Hoheits­ge­biet ansäs­si­gen Betrie­be anzu­le­gen und in regel­mä­ßi­gen Abstän­den den Bestand der in die­sen Betrie­ben gehal­te­nen Tie­re zu ermit­teln.

Herr Schaible, ein deut­scher Schaf­hal­ter mit 450 Mut­ter­scha­fen, hat beim Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart Kla­ge auf Fest­stel­lung erho­ben, dass er weder der Ver­pflich­tung zur Ein­zel­tier­kenn­zeich­nung und zur elek­tro­ni­schen Ein­zel­tier­kenn­zeich­nung noch der Ver­pflich­tung zur Füh­rung eines Bestands­re­gis­ters unter­liegt. In die­sem Zusam­men­hang hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ersucht, zu prü­fen, ob die­se Ver­pflich­tun­gen gül­tig sind oder ob sie gegen die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit und den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung ver­sto­ßen.

Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Ver­pflich­tun­gen für Schaf- und Zie­gen­hal­ter, ihre Tie­re indi­vi­du­ell elek­tro­nisch zu kenn­zeich­nen und ein Bestands­re­gis­ter zu füh­ren, weder gegen die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit noch gegen den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung ver­sto­ßen.

Zwar kön­nen die­se Ver­pflich­tun­gen die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit ein­schrän­ken, sie sind jedoch durch im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de legi­ti­me Zie­le wie die des Gesund­heits­schut­zes, der Bekämp­fung von Tier­seu­chen, des Wohl­be­fin­dens der Tie­re und der Voll­endung des Bin­nen­markts für den Han­del mit die­sen Tie­ren gerecht­fer­tigt.

Da sie die Rück­ver­folg­bar­keit der ein­zel­nen Tie­re ver­ein­fa­chen und damit im Fall von Tier­seu­chen den zustän­di­gen Behör­den ermög­li­chen, die not­wen­di­gen Maß­nah­men zu tref­fen, um die Ver­brei­tung anste­cken­der Krank­hei­ten bei Scha­fen und Zie­gen zu ver­hin­dern, sind sie geeig­net und erfor­der­lich, um die genann­ten Zie­le zu errei­chen.

Zudem sind die­se Ver­pflich­tun­gen nicht unver­hält­nis­mä­ßig. In Bezug auf die finan­zi­el­len Belas­tun­gen, die sich aus ihnen für die Tier­hal­ter erge­ben, weist der Uni­ons­ge­richts­hof auf meh­re­re Umstän­de hin, die zu berück­sich­ti­gen sind, näm­lich, dass

  • die­se Belas­tun­gen gerin­ger sein kön­nen als die Kos­ten nichts­e­lek­ti­ver Maß­nah­men wie ein Trans­port­ver­bot oder die Prä­ven­tiv­schlach­tung des gesam­ten Vieh­be­stands bei einem Seu­chen­aus­bruch,
  • das neue Sys­tem meh­re­re Aus­nah­men vor­sieht,
  • die Ver­pflich­tung zur elek­tro­ni­schen Kenn­zeich­nung nur schritt­wei­se ein­ge­führt wur­de und
  • die Tier­hal­ter die Mög­lich­keit haben, eine finan­zi­el­le Bei­hil­fe zu erhal­ten, um einen Teil der mit der Ein­füh­rung des Sys­tems ver­bun­de­nen zusätz­li­chen Kos­ten aus­zu­glei­chen.

Was das Wohl­be­fin­den der Tie­re betrifft, sind die Tat­sa­che, dass zwei Kenn­zei­chen anstel­le eines ein­zi­gen an den Tie­ren ange­bracht wer­den müs­sen, und der Umstand, dass die neu­en Kenn­zei­chen sta­tis­tisch mehr Ver­let­zun­gen und Kom­pli­ka­tio­nen her­vor­ru­fen als die her­kömm­li­chen, nicht geeig­net, zu bewei­sen, dass die Bewer­tung des Uni­ons­ge­setz­ge­bers in Bezug auf die Vor­tei­le der Ein­füh­rung der Ver­pflich­tung zur elek­tro­ni­schen Kenn­zeich­nung feh­ler­haft gewe­sen wäre. Dar­über hin­aus trägt das neue Sys­tem dadurch, dass es die Bekämp­fung von Tier­seu­chen erleich­tert und damit die Infi­zie­rung von Tie­ren ver­hin­dert, posi­tiv zum Schutz des Wohl­be­fin­dens der Tie­re bei.

Das neue Sys­tem beach­tet nach Ansicht des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on auch den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung.

Die Aus­nah­me, die es den Mit­glied­staa­ten mit einem gerin­ge­ren Tier­be­stand (von höchs­tens 600 000 Scha­fe und Zie­gen ins­ge­samt und höchs­tens 160 000 Zie­gen) erlaubt, das Sys­tem der elek­tro­ni­schen Kenn­zeich­nung auf frei­wil­li­ger Basis ein­zu­füh­ren, dis­kri­mi­niert nicht die Tier­hal­ter, die in einem Mit­glied­staat ansäs­sig sind, in dem die­se Kenn­zeich­nung ver­pflich­tend ist.

Hier­zu weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die vor­ge­se­he­nen Schwel­len ver­nünf­tig sind und in ange­mes­se­nem Ver­hält­nis zu den Zie­len ste­hen, die mit dem neu­en Sys­tem ver­folgt wer­den, und dass die­se Aus­nah­me nur auf Tie­re Anwen­dung fin­det, die nicht in den inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­del gelan­gen.

Schließ­lich wer­den durch die­ses Sys­tem auch nicht die Schaf- und Zie­gen­hal­ter gegen­über Rin­der- und Schwei­ne­hal­tern dis­kri­mi­niert, die nicht den­sel­ben Ver­pflich­tun­gen unter­lie­gen. Trotz eini­ger Ähn­lich­kei­ten zwi­schen die­sen ver­schie­de­nen Säu­ge­tier­ar­ten bestehen näm­lich Unter­schie­de, die einen eige­nen Rege­lungs­rah­men für jede Tier­art recht­fer­ti­gen. Vor dem Hin­ter­grund der MKS-Kri­se von 2001 war der Uni­ons­ge­setz­ge­ber berech­tigt, eine spe­zi­fi­sche Rege­lung ein­zu­füh­ren, die eine elek­tro­ni­sche Kenn­zeich­nung von Scha­fen und Zie­gen, die von die­ser Kri­se beson­ders betrof­fen waren, vor­sieht. Doch auch wenn sich der Gesetz­ge­ber berech­tig­ter­wei­se auf ein sol­ches schritt­wei­ses Vor­ge­hen bei der Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Kenn­zeich­nung stüt­zen durf­te, muss er im Hin­blick auf die Zie­le der ange­foch­te­nen Rege­lung die Not­wen­dig­keit in Betracht zie­hen, die ein­ge­führ­ten Maß­nah­men ins­be­son­de­re in Bezug auf den fakul­ta­ti­ven oder zwin­gen­den Cha­rak­ter der elek­tro­ni­schen Kenn­zeich­nung zu über­prü­fen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 17. Okto­ber 2013 – C‑101/​12 [Her­bert Schaible /​Land Baden-Würt­tem­berg]

  1. Richt­li­nie 92/​102/​EWG des Rates vom 27. Novem­ber 1992 über die Kenn­zeich­nung und Regis­trie­rung von Tie­ren, ABl.EU L 355, S. 32[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 21/​2004 des Rates vom 17. Dezem­ber 2003 zur Ein­füh­rung eines Sys­tems zur Kenn­zeich­nung und Regis­trie­rung von Scha­fen und Zie­gen und zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1782/​2003 sowie der Richt­li­ni­en 92/​102/​EWG und 64/​432/​EWG, ABl.EU L 5, S. 8, in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 1560/​2007 des Rates vom 17. Dezem­ber 2007, ABl. L 340, S. 25, und die Ver­ord­nung (EG) Nr. 933/​2008 der Kom­mis­si­on vom 23. Sep­tem­ber 2008, ABl.EU L 256, S. 5, geän­der­ten Fas­sung[]