Gleich­ar­ti­ge Paten­ver­let­zun­gen

Als gleich­ar­tig im Sin­ne von § 145 PatG sind nur sol­che wei­te­ren Hand­lun­gen zu ver­ste­hen, die im Ver­gleich zu der im ers­ten Rechts­streit ange­grif­fe­nen Hand­lung zusätz­li­che oder abge­wan­del­te Merk­ma­le auf­wei­sen, bei denen es sich wegen eines engen tech­ni­schen Zusam­men­hangs auf­drängt, sie gemein­sam in einer Kla­ge aus meh­re­ren Paten­ten anzu­grei­fen 1.

Gleich­ar­ti­ge Paten­ver­let­zun­gen

Für die Beja­hung eines engen tech­ni­schen Zusam­men­hangs reicht es nicht aus, wenn ein­zel­ne Tei­le einer Gesamt­vor­rich­tung, deren kon­kre­te Aus­ge­stal­tung im ers­ten Rechts­streit ange­grif­fen wor­den ist, auch für die Ver­wirk­li­chung des im zwei­ten Rechts­streit gel­tend gemach­ten Ver­let­zungs­tat­be­stan­des von Bedeu­tung sind.

§ 145 PatG soll ver­hin­dern, dass ein Beklag­ter wegen der­sel­ben oder einer gleich­ar­ti­gen Hand­lung mehr­fach von dem­sel­ben Klä­ger wegen Patent­ver­let­zung in Anspruch genom­men wird. Eine erneu­te Kla­ge ist unzu­läs­sig, und zwar unab­hän­gig davon, ob sie auf das­sel­be oder auf ein ande­res Patent gestützt wird. Der Patent­in­ha­ber wird damit im Ergeb­nis dar­an gehin­dert, die Rech­te aus ihm zuste­hen­den wei­te­ren Paten­ten gegen­über dem Beklag­ten gel­tend zu machen. Die­se Rege­lung ist – ent­ge­gen einer in der Lite­ra­tur geäu­ßer­ten Auf­fas­sung 2 – ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, sofern sie mit der gebo­te­nen Rück­sicht auf die schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Patent­in­ha­bers aus­ge­legt und ange­wen­det wird.

Die Rege­lung sieht kei­ne Ent­eig­nung im Sin­ne von Art. 14 Abs. 3 GG vor. Ent­eig­nung ist der staat­li­che Zugriff auf das Eigen­tum des Ein­zel­nen 3. Ein der­ar­ti­ger Zugriff ist nach § 145 PatG nicht mög­lich. Die Vor­schrift regelt viel­mehr Inhalt und Schran­ken der dem Patent­in­ha­ber zuste­hen­den Rech­te, wozu der Gesetz­ge­ber nach Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG befugt ist.

Der Inhalt und Schran­ken bestim­men­de Gesetz­ge­ber genießt kei­ne unbe­schränk­te Gestal­tungs­frei­heit. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts muss er bei der Ver­wirk­li­chung sei­nes Rege­lungs­auf­trags die Aner­ken­nung des Pri­vat­ei­gen­tums in Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG beach­ten und sich im Ein­klang mit allen ande­ren Ver­fas­sungs­nor­men hal­ten. Er ist, wenn er von der Ermäch­ti­gung zur Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung Gebrauch macht, ins­be­son­de­re ver­pflich­tet, die Inter­es­sen der Betei­lig­ten in einen gerech­ten Aus­gleich und ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis zu brin­gen 4.

Auch die Gerich­te haben bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der gesetz­li­chen Vor­schrif­ten die durch die Eigen­tums­ga­ran­tie gezo­ge­nen Gren­zen zu beach­ten. Sie müs­sen die im Gesetz auf ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Grund­la­ge zum Aus­druck kom­men­de Inter­es­sen­ab­wä­gung in einer Wei­se nach­voll­zie­hen, die den Grund­rechts­schutz des Eigen­tums beach­tet und unver­hält­nis­mä­ßi­ge Eigen­tums­be­schrän­kun­gen ver­mei­det 5.

Bei Beach­tung die­ser Schran­ken ist § 145 PatG ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Die Rege­lung dient dem Aus­gleich zwi­schen den Inter­es­sen des Patent­in­ha­bers, der die Rech­te aus allen ihm zuste­hen­den Paten­ten wahr-neh­men will, und einem Beklag­ten, der wegen einer bestimm­ten Hand­lung bereits wegen Patent­ver­let­zung in Anspruch genom­men wor­den ist und wegen die­ser oder gleich­ar­ti­ger Hand­lun­gen nicht erneut in einen zeit- und kos­ten­auf­wen­di­gen Rechts­streit hin­ein­ge­zo­gen wer­den will. Der Patent­in­ha­ber wird an einer Wahr­neh­mung sei­ner Rech­te nicht voll­stän­dig gehin­dert. Er ist ledig­lich gehal­ten, sei­ne Angrif­fe gegen eine bestimm­te Hand­lung in einer Kla­ge zu bün­deln. Die damit defi­nier­ten Schran­ken für die Gel­tend­ma­chung von Schutz­rech-ten sind nicht unver­hält­nis­mä­ßig. Der Gesetz­ge­ber ist auf­grund des ihm zuste­hen­den Gestal­tungs­spiel­raums auch nicht gehal­ten, für Paten­te und Gebrauchs­mus­ter inso­weit die­sel­be Rege­lung vor­zu­se­hen 6.

BGH, Urteil vom 25. Janu­ar 2011 – X ZR 69/​08 "Raff­vor­hang"

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 03.11.1988 – X ZR 107/​87, GRUR 1989, 187, 189 – Kreis­eleg­ge II[]
  2. Stjer­na, Die Kon­zen­tra­ti­ons­ma­xi­me des § 145 PatG, S. 161 ff.; ders., GRUR 2007, 17, 20 f.; zwei­felnd auch Schulte/​Kühnen, Patent­ge­setz, 8. Auf­la­ge, § 145 Rn. 2[]
  3. vgl. nur BVerfG, Urteil vom 23.11.1999 – 1 BvF 1/​94, NJW 2000, 413, 414[]
  4. BVerfG, NJW 2000, 413, 414 mwN[]
  5. BVerfG, Urteil vom 14.02.1989 – 1 BvR 308/​88, NJW 1989, 970, 971 mwN[]
  6. abwei­chend auch inso­weit Stjer­na, GRUR 2007, 17, 21 f.[]