Mistra­de beim Wert­pa­pier­han­del – und die Selbst­haf­tung des Kom­mis­sio­närs

Der Kom­mis­sio­när haf­tet nach § 384 Abs. 3 HGB wegen Nicht­nen­nung des Drit­ten in der Aus­füh­rungs­an­zei­ge nicht, wenn das zur Aus­füh­rung des Kom­mis­si­ons­ver­trags geschlos­se­ne Wert­pa­pier­ge­schäft wegen feh­len­der Markt­ge­rech­tig­keit auf­ge­ho­ben wor­den ist ("Mistra­de").

Mistra­de beim Wert­pa­pier­han­del – und die Selbst­haf­tung des Kom­mis­sio­närs

Nach § 384 Abs. 3 HGB haf­tet der Kom­mis­sio­när dem Kom­mit­ten­ten für die Erfül­lung des Geschäfts, wenn er ihm nicht zugleich mit der Anzei­ge von der Aus­füh­rung der Kom­mis­si­on den Drit­ten nam­haft macht, mit dem er das Geschäft abge­schlos­sen hat.

Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift sind im vor­lie­gen­den Fall nach ihrem Wort­laut erfüllt. Zwi­schen den Par­tei­en ist ein Kom­mis­si­ons­ver­trag über die Beschaf­fung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Opti­ons­schei­ne zustan­de gekom­men. Bei der erfolg­ten tele­fo­ni­schen Mit­tei­lung über die Aus­füh­rung der bei­den Geschäf­te han­delt es sich um eine Aus­füh­rungs­an­zei­ge im Sin­ne des § 384 Abs. 2 Halbs. 1 HGB. Danach war die Bank ver­pflich­tet, dem Bank­kun­den als Kom­mit­ten­ten auch den Drit­ten, mit dem sie die Opti­ons­ge­schäf­te abge­schlos­sen hat­te, zu benen­nen 1. Dies ist nicht erfolgt.

Gleich­wohl ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof eine Kom­mis­sio­närs­haf­tung der Bank aus § 384 Abs. 3 HGB: Die Vor­schrift des § 384 Abs. 3 HGB ist nach ihrem Sinn und Zweck vor­lie­gend nicht anwend­bar.

Die Selbst­haf­tung des Kom­mis­sio­närs nach § 384 Abs. 3 HGB soll den Kom­mit­ten­ten vor Spe­ku­la­tio­nen des Kom­mis­sio­närs schüt­zen, ihm nach der Anzei­ge der Aus­füh­rung des Geschäfts ohne Nen­nung des Drit­ten einen weni­ger leis­tungs­fä­hi­gen Ver­trags­part­ner unter­zu­schie­ben oder das Geschäft mit dem leis­tungs­fä­hi­gen Kon­tra­hen­ten für sich oder einen ande­ren Kom­mit­ten­ten in Anspruch zu neh­men 2. Die Nen­nung des Drit­ten soll dem Kom­mis­sio­när ermög­li­chen, eigen­ver­ant­wort­lich die Leis­tungs­fä­hig­keit des Drit­ten zu über­prü­fen oder sich mit ihm in Ver­bin­dung zu set­zen, um fest­zu­stel­len, ob tat­säch­lich ein Aus­füh­rungs­ge­schäft zu den ange­zeig­ten Kon­di­tio­nen abge­schlos­sen wor­den ist 3.

Danach tritt die Selbst­haf­tung des Kom­mis­sio­närs nach § 384 Abs. 3 HGB nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung nicht nur ein, wenn der Kom­mis­sio­när den Drit­ten nicht nennt, son­dern auch in den Fäl­len, in denen der Kom­mis­sio­när einen ande­ren Drit­ten nennt oder über­haupt nicht mit einem Drit­ten abge­schlos­sen hat 4 oder ein unwirk­sa­mer Selbst­ein­tritt vor­liegt 5.

Der Zweck des § 384 Abs. 3 HGB erschöpft sich damit dar­in, den Kom­mit­ten­ten so zu stel­len, als habe der Kom­mis­sio­när den Drit­ten benannt und ihm dar­über den Voll­zug des Geschäfts ermög­licht. Die aus die­ser Vor­schrift fol­gen­de Erfül­lungs­haf­tung bezieht sich somit nur auf das tat­säch­lich geschlos­se­ne Geschäft und soll nicht noch zusätz­lich des­sen Wirk­sam­keit fin­gie­ren 6. Auf­grund des­sen schei­det eine Haf­tung des Kom­mis­sio­närs nach § 384 Abs. 3 HGB etwa aus, wenn er von dem Geschäft hät­te zurück­tre­ten kön­nen oder ihm die Aus­füh­rung des Geschäfts unmög­lich gewor­den ist 7.

So liegt der Fall hier. Die Auf­he­bung der nicht markt­ge­rech­ten Opti­ons­schein­ge­schäf­te (soge­nann­te Mistra­des) wird vom Schutz­zweck des § 384 Abs. 3 HGB nicht erfasst. Die Stor­nie­rung wäre auch dann erfolgt, wenn die Bank dem Bank­kun­den den Drit­ten zugleich mit der Aus­füh­rungs­an­zei­ge nam­haft gemacht hät­te. Eine Bes­ser­stel­lung des Kom­mit­ten­ten im Ver­gleich zu die­ser Rechts­la­ge wird mit § 384 Abs. 3 HGB nicht bezweckt.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass bei der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on dem Kun­den einer Bank erheb­li­che Ver­mö­gens­schä­den dro­hen, wenn er im Dayt­ra­ding Gewin­ne sofort in neue Geschäf­te inves­tiert, dabei ver­liert und sodann das ers­te, gewinn­brin­gen­de Geschäft als "Mistra­de" rück­ab­ge­wi­ckelt wird. Der dadurch dem Kun­den ent­ste­hen­de Scha­den wird nicht von der Haf­tung aus § 384 Abs. 3 HGB erfasst. Viel­mehr wird der Kom­mit­tent inso­weit dadurch aus­rei­chend geschützt, dass der Kom­mis­sio­när in Erfül­lung der ihm oblie­gen­den Inter­es­sen­wah­rungs­pflicht nach § 384 Abs. 1 Halbs. 2 HGB in dem Aus­füh­rungs­ge­schäft einen dem § 122 BGB ent­spre­chen­den Scha­dens­er­satz­an­spruch zu ver­ein­ba­ren hat 8.

Auf­grund des­sen kann offen blei­ben, ob die dis­po­si­ti­ve Vor­schrift des § 384 Abs. 3 HGB für den Wert­pa­pier­han­del durch einen ent­ge­gen­ste­hen­den Han­dels­brauch außer Kraft gesetzt ist 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juni 2015 – XI ZR 386/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.03.1984 – I ZR 40/​82, WM 1984, 930, 931[]
  2. vgl. Münch­Komm-HGB/Häu­ser, 3. Aufl., § 384 Rn. 98; Schlegelberger/​Hefermehl, HGB, 5. Aufl., § 384 Anm. 57; Kol­ler in Groß­komm. HGB, 5. Aufl., § 384 Rn. 146; Krü­ger in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 384 Rn. 34; Roth in Koller/​Kindler/​Roth/​Morck, HGB, 8. Aufl., § 384 Rn. 21[]
  3. vgl. Kol­ler aaO[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.1952 – I ZR 105/​51, LM § 675 BGB Nr. 3[][]
  5. BGH aaO[]
  6. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 29.06.2012 7 U 4/​12 30; Ensthaler/​Achilles, GK-HGB, 8. Aufl., § 384 Rn. 17; Münch­Komm-HGB/Häu­ser, 3. Aufl., § 384 Rn. 117; Schlegelberger/​Hefermehl, HGB, 5. Aufl., § 384 Anm. 70; aA OLG Frankfurt/​Main, MDR 2012, 44; Zell­mer/K­lodt-Buß­mann in Haag/​Löffler, HGB, 2. Aufl., § 384 Rn. 12[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1958 – VIII ZR 165/​57, WM 1959, 269, 270[]
  8. vgl. dazu BGH, Urteil vom 25.06.2002 – XI ZR 239/​01, WM 2002, 1687, 1689[]