Die Fotos im Gut­ach­ten und die Rest­wert­bör­sen der Ver­si­che­run­gen

Die Ver­let­zung eines bestimm­ten Schutz­rechts (hier des Rechts nach § 72 Abs. 1 UrhG an einem Licht­bild) kann die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr (§ 97 Abs. 1 Satz 1 UrhG) nicht nur für Ver­let­zun­gen des­sel­ben Schutz­rechts, son­dern auch für Ver­let­zun­gen ande­rer Schutz­rech­te (hier der Rech­te nach § 72 Abs. 1 UrhG an ande­ren Licht­bil­dern) begrün­den, soweit die Ver­let­zungs­hand­lun­gen trotz Ver­schie­den­heit der Schutz­rech­te im Kern gleich­ar­tig sind.

Die Fotos im Gut­ach­ten und die Rest­wert­bör­sen der Ver­si­che­run­gen

Wer das Urhe­ber­recht oder ein ande­res nach dem Urhe­ber­rechts­ge­setz geschütz­tes Recht wider­recht­lich ver­letzt, kann nach § 97 Abs. 1 Satz 1 UrhG vom Ver­letz­ten bei Wie­der­ho­lungs­ge­fahr auf Unter­las­sung in Anspruch genom­men wer­den.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Beklag­te das dem Klä­ger als Licht­bild­ner der 34 Foto­gra­fi­en des Gut­ach­tens gemäß § 72 Abs. 2 UrhG zuste­hen­de Recht nach § 72 Abs. 1 UrhG dadurch wider­recht­lich ver­letzt, dass sie fünf die­ser Licht­bil­der ohne sei­ne Ein­wil­li­gung in eine Rest­wert­bör­se im Inter­net ein­ge­stellt und damit im Sin­ne von § 15 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2, § 19a UrhG öffent­lich zugäng­lich gemacht hat 1.

Die durch die began­ge­ne Rechts­ver­let­zung begrün­de­te tat­säch­li­che Ver­mu­tung für das Vor­lie­gen einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr 2 besteht – ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts – nicht nur hin­sicht­lich der fünf ins Inter­net ein­ge­stell­ten Licht­bil­der, son­dern erstreckt sich auf die 29 wei­te­ren Licht­bil­der des Gut­ach­tens.

Ansprü­che auf Unter­las­sung, Aus­kunfts­er­tei­lung und Scha­dens­er­satz kön­nen – soweit Wie­der­ho­lungs­ge­fahr gege­ben ist – über die kon­kre­te Ver­let­zungs­hand­lung hin­aus für Hand­lun­gen gege­ben sein, in denen das Cha­rak­te­ris­ti­sche der Ver­let­zungs­hand­lung zum Aus­druck kommt 3. Dies hat sei­nen Grund dar­in, dass eine Ver­let­zungs­hand­lung die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht nur für die iden­ti­sche Ver­let­zungs­form, son­dern für alle im Kern gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­hand­lun­gen begrün­det 4.

Das Cha­rak­te­ris­ti­sche der (fest­ge­stell­ten) Ver­let­zungs­hand­lung der Beklag­ten besteht dar­in, dass sie Foto­gra­fi­en aus einem Gut­ach­ten des Klä­gers, nach­dem sie die­se ein­ge­scannt und digi­ta­li­siert hat, in einer Rest­wert­bör­se im Inter­net ein­ge­stellt und dadurch das gemäß § 72 Abs. 1 UrhG geschütz­te Recht des Klä­gers an die­sen Licht­bil­dern ver­letzt hat 5. Die durch das Ein­stel­len von fünf Licht­bil­dern des Gut­ach­tens begrün­de­te tat­säch­li­che Ver­mu­tung für das Vor­lie­gen einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr erstreckt sich danach auch auf die 29 übri­gen Licht­bil­der des Gut­ach­tens.

Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung ist – anders als das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men hat – nicht des­halb gebo­ten, weil es sich bei jeder ein­zel­nen Foto­gra­fie des Gut­ach­tens jeweils um einen eige­nen Schutz­ge­gen­stand han­delt, an dem jeweils ein eige­nes Schutz­recht besteht. Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts kann die Ver­let­zung eines bestimm­ten Schutz­rechts die Ver­mu­tung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht nur für Ver­let­zun­gen des­sel­ben Schutz­rechts, son­dern auch für Ver­let­zun­gen ande­rer Schutz­rech­te begrün­den, soweit die Ver­let­zungs­hand­lun­gen trotz Ver­schie­den­heit der Schutz­rech­te im Kern gleich­ar­tig sind.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der aus § 242 BGB her­ge­lei­te­te Aus­kunfts­an­spruch sich grund­sätz­lich nur dann über die kon­kre­te Ver­let­zungs­hand­lung hin­aus auf Ver­let­zungs­hand­lun­gen erstre­cken kann, die ande­re Schutz­rech­te oder Schutz­ge­gen­stän­de betref­fen, wenn die Gefahr einer Aus­for­schung des Aus­kunfts­pflich­ti­gen nicht besteht 6. Der Nach­weis bestimm­ter Ver­let­zungs­hand­lun­gen genügt zwar nicht, um einen Anspruch auf Aus­kunft über alle mög­li­chen ande­ren Ver­let­zungs­hand­lun­gen zu begrün­den, weil dies dar­auf hin­aus­lie­fe, einen recht­lich nicht bestehen­den all­ge­mei­nen Aus­kunfts­an­spruch anzu­er­ken­nen und der Aus­for­schung unter Ver­nach­läs­si­gung all­ge­mein gül­ti­ger Beweis­last­re­geln Tür und Tor zu öff­nen. Für einen Unter­las­sungs­an­spruch gel­ten die­se Erwä­gun­gen aber nicht 7.

Die durch die began­ge­ne Rechts­ver­let­zung begrün­de­te tat­säch­li­che Ver­mu­tung für das Vor­lie­gen einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr kann regel­mä­ßig nur durch die Abga­be einer straf­be­wehr­ten Unter­las­sungs­er­klä­rung aus­ge­räumt wer­den 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juni 2013 – I ZR 55/​12 – Rest­wert­bör­se II

  1. vgl. BGH, Urteil vom 29.04.2010 – I ZR 68/​08, GRUR 2010, 623 Rn. 12 bis 29 = WRP 2010, 927 – Rest­wert­bör­se I[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2008 – I ZR 219/​05, GRUR 2008, 996 Rn. 33 = WRP 2008, 1449 – Clon­eCD[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.02.2006 – I ZR 27/​03, BGHZ 166, 233 Rn. 36 – Par­füm­test­käu­fe, mwN[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 05.10.2010 – I ZR 46/​09, GRUR 2011, 433 Rn. 26 = WRP 2011, 576 – Ver­bots­an­trag bei Tele­fon­wer­bung, mwN[]
  5. vgl. BGH, GRUR 2010, 623 Rn. 50 – Rest­wert­bör­se I, mwN[]
  6. BGH, GRUR 2010, 623 Rn. 51 f. – Rest­wert­bör­se I, mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 23.02.2006 – I ZR 272/​02, BGHZ 166, 253 Rn. 41 – Mar­ken­par­füm­ver­käu­fe[]
  8. vgl. BGH, GRUR 2008, 996 Rn. 33 – Clon­eCD[]