Die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist

Hat das Gericht den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand ver­wor­fen, weil er nicht inner­halb der Frist des § 234 Abs. 1 ZPO ein­ge­gan­gen ist, steht dies einem Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist nicht ent­ge­gen, da bei Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist dem Ver­wer­fungs­be­schluss die Grund­la­ge ent­zo­gen wür­de 1.

Die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist zwar geklärt, dass die rechts­kräf­ti­ge Ableh­nung einer begehr­ten Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand der dar­auf auf­bau­en­den Ent­schei­dung über die Ver­wer­fung des Rechts­mit­tels zugrun­de zu legen ist. Hat die betrof­fe­ne Pro­zess­par­tei die iso­lier­te Abwei­sung ihres Antrags auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht ange­foch­ten und ist die­se Ent­schei­dung rechts­kräf­tig gewor­den, bin­det sie das Gericht im Rah­men der anschlie­ßen­den Ent­schei­dung über die Ver­wer­fung des Rechts­mit­tels 2. Die­se Recht­spre­chung lässt sich auf den vor­lie­gen­den Fall aller­dings nicht über­tra­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass im umge­kehr­ten Fall die rechts­kräf­ti­ge Ver­wer­fung der Beru­fung wegen Frist­ver­säu­mung einer vor­ran­gig zu beur­tei­len­den Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs- oder der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nicht ent­ge­gen­steht. Denn durch die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wird dem die Beru­fung ver­wer­fen­den Beschluss die Grund­la­ge ent­zo­gen und er damit gegen­stands­los 3. Eine recht­zei­tig bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann danach nicht mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, über die dar­auf basie­ren­de Ent­schei­dung sei bereits ent­schie­den. Viel­mehr ist das Gericht gehal­ten, vor einer Ver­wer­fung des Rechts­mit­tels auf die ver­säum­te Frist hin­zu­wei­sen, um der Pro­zess­par­tei Gele­gen­heit zu geben, eine schuld­lo­se Frist­ver­säu­mung glaub­haft zu machen.

Die­se Recht­spre­chung ist auf den hier vor­lie­gen­den Fall über­trag­bar. Der Beklag­te hat­te bean­tragt, ihm Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist zur Ein­le­gung und Begrün­dung der Beru­fung zu bewil­li­gen. Die vom Ober­lan­des­ge­richt ohne vor­he­ri­ge Anhö­rung beschie­de­ne und vom Beklag­ten nicht mit der Rechts­be­schwer­de ange­foch­te­ne Ent­schei­dung über die Zurück­wei­sung der begehr­ten Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs- und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist setzt eine vor­he­ri­ge Ent­schei­dung über die bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Wie­der­ein­set­zungs­frist vor­aus. Wenn dem Beklag­ten wegen schuld­lo­ser Frist­ver­säu­mung Wie­der­ein­set­zung in die Ver­säu­mung der Wie­der­ein­set­zungs­frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO bewil­ligt wird, ent­zieht dies der ableh­nen­den Ent­schei­dung über die Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs- und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist die Grund­la­ge.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Novem­ber 2012 – XII ZB 235/​09

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 09.02.2005 – XII ZB 225/​04 Fam­RZ 2005, 791[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.10.1981 – IVb ZB 825/​81, Fam­RZ 1982, 163 f.; BGH Beschlüs­se vom 16.04.2002 – VI ZB 23/​00, NJW 2002, 2397, 2398 und vom 03.11.1988 – LwZB 1/​88BGHR ZPO § 519 b Abs. 2 Wie­der­ein­set­zungs­grund 1[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2005 XII ZB 225/​04, Fam­RZ 2005, 791, 792 mwN; vom 15.08.2007 XII ZB 101/​07, Fam­RZ 2007, 1725, 1726 und vom 24.02.2010 XII ZB 168/​08, Fam­RZ 2010, 882, 883[]