Deut­sches Kin­der, aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen – und die Ermitt­lungs­pflicht des Finanz­ge­richts

Nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG wird Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt, für das Leis­tun­gen zu zah­len sind oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wären, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder einer der in § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind. Für die Ver­wirk­li­chung die­ses Aus­schluss­tat­be­stan­des ist es uner­heb­lich, ob der Anspruch auf die ent­spre­chen­den Leis­tun­gen nach aus­län­di­schem Recht der nach deut­schem Recht kin­der­geld­be­rech­tig­ten Per­son oder einem Drit­ten zusteht 1.

Deut­sches Kin­der, aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen – und die Ermitt­lungs­pflicht des Finanz­ge­richts

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 2 sind bei Prü­fung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ins­be­son­de­re fol­gen­de Grund­sät­ze zu beach­ten:

Die Vor­schrift ver­pflich­tet zunächst die Fami­li­en­kas­se, aber in einem nach­fol­gen­den Kla­ge­ver­fah­ren auch das Finanz­ge­richt, selbst zu prü­fen, ob für ein Kind ein Anspruch auf Gewäh­rung von dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­ren Leis­tun­gen nach aus­län­di­schem Recht besteht. Die­se Prü­fung hät­te nur dann zu unter­blei­ben, wenn bereits eine aus­län­di­sche Behör­de über den strei­ti­gen aus­län­di­schen Anspruch mit Bin­dungs­wir­kung für die deut­schen Behör­den und Gerich­te ent­schie­den haben soll­te. Ob aus sol­chen Entscheidungen/​Bescheinigungen eine Bin­dungs­wir­kung resul­tiert, ist aller­dings höchst­rich­ter­lich noch nicht abschlie­ßend geklärt 3.

Bei bestehen­der Prü­fungs­pflicht hat das Finanz­ge­richt das maß­ge­ben­de aus­län­di­sche Recht gemäß § 155 FGO i.V.m. § 293 ZPO von Amts wegen zu ermit­teln und fest­zu­stel­len. Es ist nicht Auf­ga­be des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten, die Rege­lun­gen über das aus­län­di­sche Recht im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen.

Dane­ben muss das Finanz­ge­richt den für die Sub­sum­ti­on unter das maß­geb­li­che aus­län­di­sche Recht ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt unter Beach­tung der erwei­ter­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten nach § 76 Abs. 1 Satz 4 FGO i.V.m. § 90 Abs. 2 der Abga­ben­ord­nung von Amts wegen ermit­teln und fest­stel­len.

Nach alle­dem darf das Finanz­ge­richt nicht allein aus dem Umstand, dass der Kin­der­geld­be­rech­tig­te kei­ne (nega­ti­ve) Entscheidung/​Bescheinigung einer aus­län­di­schen Behör­de über das Nicht­be­stehen eines Anspruchs auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen bei­gebracht hat, fol­gern, es habe ein Anspruch nach aus­län­di­schem Recht bestan­den.

Für das Revi­si­ons­ge­richt sind die vom Finanz­ge­richt zu Bestehen und Inhalt des aus­län­di­schen Rechts getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen grund­sätz­lich bin­dend (§ 155 FGO i.V.m. § 560 ZPO); sie sind wie Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zu behan­deln 4.

Der BFH hat daher sol­che Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt im All­ge­mei­nen sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de zu legen, sofern hier­ge­gen kei­ne zuläs­si­gen und begrün­de­ten Ver­fah­rens­rügen vor­ge­tra­gen wor­den sind 5. Die Bin­dungs­wir­kung ent­fällt aller­dings dann, soweit die erst­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen zu Bestehen und Inhalt des aus­län­di­schen Rechts nur einen kur­so­ri­schen Über­blick geben 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2014 – III R 4/​13

  1. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 27.11.1998 – VI B 120/​98, BFH/​NV 1999, 614, unter 1.[]
  2. BFH, Urtei­le om 13.06.2013 – III R 10/​11. BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 22 ff.; und – III R 63/​11 ((BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 19 ff[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 26[]
  4. BFH, Urtei­le in BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 38; in BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 34[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 09.07.2003 – I R 82/​01, BFHE 202, 547, BSt­Bl II 2004, 4, unter II. 2.[]
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 38; in BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 34; Beer­mann in Beermann/​Gosch, FGO § 118 Rz 38.2[]