Nach­träg­li­che Siche­rungs­ver­wah­rung in Alt­fäl­len

Gemäß § 316f Abs. 2 Satz 2 EGStGB ist die nach­träg­li­che Anord­nung der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung nur zuläs­sig, wenn die hoch­gra­di­ge Gefahr der Bege­hung schwers­ter Gewalt- oder Sexu­al­de­lik­te aus kon­kre­ten Umstän­den in der Per­son oder in dem Ver­hal­ten des Betrof­fe­nen abzu­lei­ten ist.

Nach­träg­li­che Siche­rungs­ver­wah­rung in Alt­fäl­len

Dar­über hin­aus ist für die rück­wir­kend ange­ord­ne­te oder ver­län­ger­te Frei­heits­ent­zie­hung unter Berück­sich­ti­gung von Art. 5 Abs. 1 Satz 2 lit. e MRK Vor­aus­set­zung, dass der Betrof­fe­ne an einer psy­chi­schen Stö­rung im Sin­ne von § 1 Abs. 1 Nr. 1 des Geset­zes zur The­ra­pie­rung und Unter­brin­gung psy­chisch gestör­ter Gewalt­tä­ter (ThUG) lei­det.

Der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit erfor­dert es, hin­sicht­lich bei­der Ele­men­te der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se – der Erheb­lich­keit wei­te­rer Straf­ta­ten und der Wahr­schein­lich­keit ihrer Bege­hung – einen gegen­über der bis­he­ri­gen Rechts­an­wen­dung stren­ge­ren Maß­stab anzu­le­gen1.

Der restrik­ti­ve Begriff der hoch­gra­di­gen Gefahr dient dazu, eine strik­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zu gewähr­leis­ten.

Dem­sel­ben Ziel dient auch die Vor­ga­be, dass die­se Gefahr aus kon­kre­ten Umstän­den in der Per­son oder dem Ver­hal­ten des Betrof­fe­nen abzu­lei­ten ist. Denn die­se For­de­rung zwingt das Gericht zu einer äußerst sorg­fäl­ti­gen, auf kon­kre­te Tat­sa­chen gestütz­ten Bewer­tung und Begrün­dung. Ent­schei­dend für die Gesamt­wür­di­gung muss sein, die Wahr­schein­lich­keit und die Schwe­re der dro­hen­den Straf­ta­ten so auf­ein­an­der zu bezie­hen, dass die Anord­nung oder Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung auf die pre­kärs­ten Fäl­le begrenzt wird2.

Im Übri­gen ver­weist der Bun­des­ge­richts­hof zur Not­wen­dig­keit von Fest­stel­lun­gen zu einer psy­chi­schen Stö­rung im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Nr. 1 ThuG als dem hier her­an­zu­zie­hen­den Prü­fungs­maß­stab auf die Kam­mer­be­schlüs­se des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 15.09.2011 und 7.05.20133.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. April 2017 – 5 StR 86/​1

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.08.2016 – 2 StR 4/​16 mwN; vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 22.01.2014 – 2 BvR 2759/​12 []
  2. Jehle/​Harrendorf in SSW-StGB, 3. Aufl., § 66b Rdnr. 24 mwN []
  3. BVerfG, Beschluss vom 15.09.2011 – 2 BvR 1516/​11; und vom 07.05.2013 – 2 BvR 1238/​12, jeweils zu Fäl­len einer "dis­so­zia­len Per­sön­lich­keits­stö­rung"; vgl. auch EGMR, Ent­schei­dung vom 28.11.2013 – 7345/​12; BGH, Urteil vom 21.06.2011 – 5 StR 52/​11, BGHSt 56, 254, 261; KG, Beschluss vom 04.03.2015 – 2 Ws 27/​15 []