Straf­zu­mes­sung – und die erheb­li­che kri­mi­nel­le Ener­gie

Es stellt einen Wer­tungs­feh­ler dar, wenn das Gericht als Grün­de für die Annah­me einer erheb­li­chen kri­mi­nel­len Ener­gie ein bru­ta­les Vor­ge­hen des Ange­klag­ten mit einer Viel­zahl von Schlä­gen auf ein zunächst ste­hen­des und dann am Boden lie­gen­des – alko­hol­be­dingt – geschwäch­tes Opfer anführt, es dabei aber ver­säumt, die­se Umstän­de in Bezie­hung zu der geis­tig­see­li­schen Ver­fas­sung [1] des Ange­klag­ten zu set­zen.

Straf­zu­mes­sung – und die erheb­li­che kri­mi­nel­le Ener­gie

So auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Nach den Fest­stel­lun­gen war der Ange­klag­te gemein­sam mit dem Mit­an­ge­klag­ten D. gegen den Geschä­dig­ten vor­ge­gan­gen, um die­sen abzu­stra­fen, nach­dem der Ange­klag­te aus eini­ger Ent­fer­nung beob­ach­tet hat­te, dass sei­ne Lebens­ge­fähr­tin vom erkenn­bar erheb­lich alko­ho­li­sier­ten Geschä­dig­ten sexu­ell pro­vo­ziert wor­den war und sie dies mit Schlä­gen und Knie­stö­ßen in die Geni­ta­li­en des Geschä­dig­ten beant­wor­tet hat­te. Zwar hat das Land­ge­richt aus­ge­hend von den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen rechts­feh­ler­frei sowohl ein Han­deln aus Not­wehr (Not­hil­fe) gemäß § 32 StGB als auch eine alko­ho­l­o­der affekt­be­ding­te erheb­lich ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten als auch eine Tat­pro­vo­ka­ti­on im Sin­ne von § 213 Alter­na­ti­ve 1 StGB [2] ver­neint. Es durf­te gleich­wohl nicht von einer "erheb­li­chen kri­mi­nel­len Ener­gie" des Ange­klag­ten aus­ge­hen, ohne die Tat in Bezie­hung zum Vor­ge­sche­hen und zu der sich hier­aus erge­ben­den geis­tig­see­li­schen Ver­fas­sung des Ange­klag­ten zu set­zen. Nach der Wer­tung des Land­ge­richts han­del­te es sich um eine "Spon­tan­tat" des alko­hol­be­dingt ent­hemm­ten Ange­klag­ten, des­sen Lebens­ge­fähr­tin zuvor vom Geschä­dig­ten sexu­ell pro­vo­ziert wor­den war. Es genügt nicht, dass das Land­ge­richt die­se Umstän­de an ande­rer Stel­le iso­liert "zuguns­ten" des Ange­klag­ten berück­sich­tigt und den Geschä­dig­ten bereits durch des­sen Lebens­ge­fähr­tin als "mas­siv abge­straft" ange­se­hen hat.

Auch bei der Bewer­tung der "mit Hän­den und Fäus­ten" aus­ge­führ­ten Schlä­ge des Ange­klag­ten als "bru­ta­les Vor­ge­hen" hät­te das Land­ge­richt das Vor­ge­sche­hen, das den erheb­lich alko­ho­li­sier­ten Ange­klag­ten spon­tan zu der Tat ver­an­lasst hat­te, in den Blick neh­men müs­sen; die Fuß­trit­te des Mit­an­ge­klag­ten D. mit einem Sicher­heits­schuh gegen den Kopf des am Boden lie­gen­den Geschä­dig­ten hat das Land­ge­richt als Exzess allein dem Mit­an­ge­klag­ten zuge­rech­net.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te nicht aus­schlie­ßen, dass das Land­ge­richt die Stra­fe ohne den Wer­tungs­feh­ler nied­ri­ger bemes­sen hät­te (§ 337 Abs. 1 StPO), und hob des­halb den Straf­aus­spruch auf.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. August 2019 – 1 StR 194/​19

  1. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 11.10.1984 – 1 StR 554/​84 Rn. 5[]
  2. vgl. dazu BGH, Urteil vom 04.05.1995 – 5 StR 213/​95 Rn. 7[]