Untreue – und die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht der Mit­ar­bei­ter des städ­ti­schen Rechts­amts

Untreue setzt sowohl in der Vari­an­te des Miss­brauchs- als auch der­je­ni­gen des Treu­bruchs­tat­be­stands vor­aus, dass dem Täter eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht obliegt und er die­se ver­letzt.

Untreue – und die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht der Mit­ar­bei­ter des städ­ti­schen Rechts­amts

Eine sol­che Pflicht ist gege­ben, wenn der Täter in einer Bezie­hung zum (poten­ti­ell) Geschä­dig­ten steht, die eine beson­de­re, über die für jeder­mann gel­ten­den Pflich­ten zur Wah­rung der Rechts­sphä­re ande­rer hin­aus­ge­hen­de Ver­ant­wor­tung für des­sen mate­ri­el­le Güter mit sich bringt.

Den Täter muss eine inhalt­lich beson­ders her­aus­ge­ho­be­ne Pflicht zur Wahr­neh­mung frem­der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen tref­fen.

Hier­für ist in ers­ter Linie von Bedeu­tung, ob sich die fremd­nüt­zi­ge Ver­mö­gens­für­sor­ge als Haupt­pflicht, mit­hin als zumin­dest mit­be­stim­men­de und nicht nur bei­läu­fi­ge Ver­pflich­tung dar­stellt.

Die­se beson­ders qua­li­fi­zier­te Pflich­ten­stel­lung in Bezug auf das frem­de Ver­mö­gen muss über eine rein tat­säch­li­che Ein­wir­kungs­mög­lich­keit hin­aus­ge­hen.

Erfor­der­lich ist wei­ter­hin, dass dem Täter Raum für eigen­ver­ant­wort­li­che Ent­schei­dun­gen und eine gewis­se Selb­stän­dig­keit belas­sen wird. Hier­bei ist nicht nur auf die Wei­te des ihm ein­ge­räum­ten Spiel­raums abzu­stel­len, son­dern auch auf das Feh­len von Kon­trol­le, also auf sei­ne tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten, ohne eine gleich­zei­ti­ge Steue­rung und Über­wa­chung durch den Treu­ge­ber auf des­sen Ver­mö­gen zuzu­grei­fen 1.

Der Bun­des­ge­richts­hof brauch­te im vor­lie­gen­den Fall nicht zu ent­schei­den, ob für die Mit­ar­bei­ter des städ­ti­schen Rechts­am­tes bei der Bestel­lung gesetz­li­cher Ver­tre­ter eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht bestand. Denn eine sol­che traf sie, als sie zeit­lich nach der Ver­tre­ter­be­stel­lung – ggf. auf der Grund­la­ge eines gemein­schaft­li­chen Tatent­schlus­ses – Grund­stücks­ver­äu­ße­run­gen geneh­mig­ten, die von den bestell­ten Ver­tre­tern vor­ge­nom­men wor­den waren.

Die Geneh­mi­gungs­ent­schei­dung nach Art. 233 § 2 Abs. 3 Satz 4 EGBGB, § 16 Abs. 4 VwVfG, § 1821 Abs. 1 Nr. 1 BGB stand im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen der jeweils han­deln­den Ange­klag­ten 2. Hier bestand für sie nicht nur die Pflicht zu prü­fen, ob das vom Ver­tre­ter vor­ge­nom­me­ne Ver­äu­ße­rungs­ge­schäft nach wirt­schaft­li­cher Betrach­tung dem Inter­es­se des Ver­tre­te­nen ent­sprach 3. Sie hat­ten viel­mehr auch dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sie Geneh­mi­gun­gen nicht in Fäl­len erteil­ten, in denen die Ver­tre­tungs­vor­aus­set­zun­gen über­haupt nicht vor­la­gen, also die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer oder deren Erben als Geschäfts­her­ren bekannt oder unschwer ermit­tel­bar waren.

Aller­dings bie­tet die Geneh­mi­gung der Ver­äu­ße­run­gen zum attes­tier­ten Grund­stücks­wert für sich genom­men kei­nen Anhalts­punkt für die Annah­me einer Ver­let­zung der bestehen­den Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht. Denn der ver­ein­bar­te Kauf­preis war nach den den Mit­ar­bei­tern vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen markt­ge­recht, wes­we­gen die Ver­äu­ße­rung zu die­sem Preis bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung nicht in einer die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht ver­let­zen­den Wei­se den Ver­mö­gens­in­ter­es­sen des Ver­tre­te­nen zuwi­der­lief. Dass in zwei Fäl­len Sach­ver­stän­di­ge im Rah­men neu­er Begut­ach­tun­gen einen höhe­ren Grund­stücks­wert ermit­tel­ten, recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Ein­schät­zung. Ein­ge­denk des Cha­rak­ters der gesetz­li­chen Ver­tre­tungs­re­ge­lung als Beschleu­ni­gungs­norm bestand für die Ange­klag­ten kei­ne Pflicht, über die ein­ge­hol­ten Erkennt­nis­se hin­aus – etwa durch Zweit­be­gut­ach­tung – den Wert der ver­äu­ßer­ten Grund­stü­cke noch wei­ter­ge­hend auf­zu­klä­ren.

Pflicht­wid­rig waren die Geneh­mi­gungs­ent­schei­dun­gen aber des­halb, weil die nach den anzu­le­gen­den recht­li­chen Maß­stä­ben 4 defi­zi­tä­ren bzw. gänz­lich unter­blie­be­nen Eigen­tü­mer- bzw. Erben­er­mitt­lun­gen durch den Mit­ar­bei­ter des Rechts­amts kei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für die nach­fol­gend getrof­fe­nen Geneh­mi­gungs­ent­schei­dun­gen bil­de­ten und in die­sen Fäl­len gesetz­li­che Ver­tre­ter bestellt und Geneh­mi­gungs­er­klä­run­gen für die von die­sen vor­ge­nom­me­nen Grund­stücks­ver­äu­ße­run­gen erteilt wur­den, obwohl die Eigen­tü­mer nicht unbe­kannt im Sin­ne von Art. 233 § 2 Abs. 3 EGBGB waren. Denn das Rechts­amt hät­te zumin­dest nahe­lie­gen­de Ermitt­lungs­mög­lich­kei­ten ergrei­fen müs­sen, näm­lich sol­che, die mit einem ver­tret­ba­ren Auf­wand an Mühe, Zeit und Kos­ten ver­bun­den sind; ins­be­son­de­re ein voll­stän­di­ger Ermitt­lungs­ver­zicht war nicht recht­mä­ßig 5.

Anders als die Rechts­amts­lei­te­rin und ihre Stell­ver­tre­te­rin trifft einen Mit­ar­bei­ter kei­ne Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflichtm der bei der Ver­tre­ter­be­stel­lung und der Ver­äu­ße­rungs­ge­neh­mi­gung nur in unter­ge­ord­ne­ter Stel­lung tätig war, der Amts­lei­te­rin und ihrer Stell­ver­tre­te­rin ledig­lich zuar­bei­te­te und die von die­sen zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen ohne eige­ne Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz vor­be­rei­te­te; er konn­te förm­li­che Rechts­wir­kun­gen selbst nicht aus­lö­sen. Schon des­we­gen war er nicht ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflich­tig 6, so dass wegen Feh­lens die­ses beson­de­ren per­sön­li­chen Merk­mals (§ 28 Abs. 1 StGB) nur eine Betei­li­gung als Gehil­fe an etwai­gen Taten der Amts­lei­te­rin und ihrer Stell­ver­tre­te­rin in Betracht käme 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Novem­ber 2016 – 5 StR 313/​15

  1. st. Rspr.; sie­he etwa BGH, Urteil vom 28.07.2011 – 4 StR 156/​11, NJW 2011, 2819; Beschlüs­se vom 01.04.2008 – 3 StR 493/​07, wis­tra 2008, 427, 428; vom 13.09.2010 – 1 StR 220/​09, BGHSt 55, 288, 297 f.; vom 05.03.2013 – 3 StR 438/​12, BGHR StGB § 266 Abs. 1 Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht 52; vom 26.11.2015 – 3 StR 17/​15, NJW 2016, 2585, 2590 f.; vom 16.08.2016 – 4 StR 163/​16, jeweils mwN[]
  2. vgl. zur Vor­mund­schaft BayO­bLG, Beschluss vom 16.04.1957 – 1 Z 190/​1956; Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz, 6. Aufl., § 1821 Rn. 50[]
  3. vgl. LK-StG­B/­Schü­ne­mann, 12. Aufl., § 266 Rn. 129; Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz, aaO[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 05.05.2015 – 9 C 12/​14 18 ff.[]
  5. vgl. BVerwG aaO 18 ff.[]
  6. vgl. BVerfGE 126, 170, 209 mwN; LK-StG­B/­Schü­ne­mann, 12. Aufl., § 266 Rn. 42 ff.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.2015 – 3 StR 17/​15, NJW 2016, 2585, 2600 mwN; vgl. Münch­Komm-StG­B/­Dier­lamm, 2. Aufl., § 266 Rn. 286[]