Ver­gleich zum Schmer­zens­geld – als Täter-Opfer-Aus­gleich

Da sich § 46a Nr. 1 StGB vor­ran­gig auf den Aus­gleich imma­te­ri­el­ler Fol­gen einer Straf­tat bezieht 1, kann die Zah­lung eines Schmer­zens­gel­des nach § 253 Abs. 2 BGB der Vor­schrift des § 46a Nr. 1 StGB unter­fal­len 2.

Ver­gleich zum Schmer­zens­geld – als Täter-Opfer-Aus­gleich

Dass auf­grund der Ver­mö­gens­la­ge der Ange­klag­ten, die zudem eine lang­jäh­ri­ge Haft­stra­fe zu ver­bü­ßen haben, auf abseh­ba­re Zeit nicht mit einer auch nur (teil­wei­sen) Zah­lung von Schmer­zens­geld zu rech­nen ist, steht der Anwend­bar­keit des § 46a Nr. 1 StGB nicht grund­sätz­lich ent­ge­gen. Im Rah­men des § 46a Nr. 1 StGB genügt – anders als bei § 46a Nr. 2 StGB – das ernst­haf­te Erstre­ben einer Wie­der­gut­ma­chung; ein Wie­der­gut­ma­chungs­er­folg wird des­halb nicht vor­aus­ge­setzt 3.

Soweit die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ver­langt, dass das Ver­hal­ten des Täters sich als Aus­druck der Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung dar­stellt 4, steht dem nicht ent­ge­gen, dass der Ange­klag­te M. eine Tötungs­ab­sicht bestrit­ten und damit den Tat­vor­wurf nicht voll­um­fäng­lich ein­ge­räumt hat. Dies schließt die nicht aus. Der Ange­klag­te hat dadurch sei­ne Ver­ant­wor­tung für die Tat und deren Fol­gen nicht in Abre­de gestellt. Er hat das objek­ti­ve Tat­ge­sche­hen viel­mehr weit­ge­hend ein­ge­räumt Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me für die Tat und die "Opfer-Posi­ti­on" des Geschä­dig­ten nicht bestrit­ten 5. Soweit ein Ange­klag­ter ledig­lich ein­zel­ne Umstän­de der Tat­be­ge­hung beschö­nigt, steht dies einer Anwen­dung des § 46a Nr. 1 StGB nicht ent­ge­gen 6.

Regel­mä­ßig sind aber auch tatrich­ter­li­che Fest­stel­lun­gen dazu erfor­der­lich, wie sich das Opfer zu den Anstren­gun­gen des Täters gestellt hat. Hier las­sen die Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts nicht erken­nen, ob die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me des erfor­der­li­chen "kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zes­ses zwi­schen Täter und Opfer" vor­la­gen 7. Für die Anwen­dung des § 46a Nr. 1 StGB bedarf es grund­sätz­lich zwar kei­nes per­sön­li­chen Kon­takts zwi­schen dem Ange­klag­ten und dem Geschä­dig­ten 8. Der kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­zess kann auch über die jewei­li­gen Rechts­an­wäl­te erfol­gen. Die schlich­te Behaup­tung, es habe – ver­mit­telt durch die jewei­li­gen Ver­tre­ter – ein kom­mu­ni­ka­ti­ver Pro­zess statt­ge­fun­den 9, genügt bei der hier vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung aller­dings nicht. Es feh­len ins­be­son­de­re Fest­stel­lun­gen dazu, wie sich die Geschä­dig­ten zu den Aus­gleichs­be­mü­hun­gen der Ange­klag­ten ver­hal­ten haben, ins­be­son­de­re dazu, ob die Geschä­dig­ten die (zuge­sag­ten) Leis­tun­gen als "frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich" 10 akzep­tiert haben. Sol­che Fest­stel­lun­gen sind regel­mä­ßig erfor­der­lich 11.

Im vor­lie­gen­den Fall haben bei­de Geschä­dig­te der gesam­ten Haupt­ver­hand­lung in ihrer Rol­le als Neben­klä­ger bei­gewohnt. Gleich­wohl fehlt im Urteil jeder Hin­weis, ob der durch den Angriff auf sein Leben schwer gezeich­ne­te Es. die Ent­schul­di­gung der bei­den Ange­klag­ten und einen weit­ge­hend wert­lo­sen Titel als frie­dens­stif­ten­den Aus­gleich akzep­tiert hat. Dass sich die bei­den Ange­klag­ten auch bei dem Geschä­dig­ten K. ent­schul­digt hät­ten, ergibt sich aus dem Urteil nicht. Eben­so wenig wird dar­ge­stellt, wel­che Ansprü­che die bei­den Geschä­dig­ten im Adhä­si­ons­ver­fah­ren zunächst gel­tend gemacht hat­ten und ob der schließ­lich geschlos­se­ne Ver­gleich gege­be­nen­falls noch zu einer Redu­zie­rung des Schmer­zens­geld­an­spruchs, zu des­sen Erfül­lung die Ange­klag­ten hier ohne­hin ver­ur­teilt wor­den wären, geführt hat. Den Urteils­fest­stel­lun­gen kann nicht ent­nom­men wer­den, ob es sich bei dem in der Haupt­ver­hand­lung geschlos­se­nen Ver­gleich um ein ernst­haf­tes Bemü­hen um Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung oder um ein tak­ti­sches Vor­ge­hen in der Hoff­nung auf eine mil­de­re Stra­fe gehan­delt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Dezem­ber 2015 – 2 StR 307/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.2001 – 2 StR 78/​01, NJW 2001, 2557[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.09.2004 – 4 StR 199/​04; Urteil vom 07.12 2005 – 1 StR 287/​05, NStZ 2006, 275, 276; Fischer, aaO Rn. 9 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 25.05.2001 – 2 StR 78/​01, NJW 2001, 2557; BGH, Beschluss vom 22.08.2001 – 1 StR 333/​01, NStZ 2002, 29[]
  4. BGH, Urteil vom 25.05.2001 – 2 StR 78/​01, NJW 2001, 2557[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 10.02.2010 – 2 StR 391/​09, NStZ-RR 2010, 175, 176 [Behaup­tung einer Not­wehr­la­ge][]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.09.2002 – 2 StR 336/​02, NStZ 2003, 199, 200; und vom 25.06.2008 – 2 StR 217/​08, NStZ-RR 2008, 304[]
  7. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 31.05.2002 – 2 StR 73/​02, NJW 2002, 3264, 3265[]
  8. BGH, Beschluss vom 17.06.1998 – 1 StR 249/​98, BGHR StGB § 46a Nr. 1 Aus­gleich 2; BGH, Urteil vom 25.05.2001 – 2 StR 78/​01, NJW 2001, 2557; vgl. auch Fischer, aaO § 46a Rn. 7[]
  9. vgl. UA S. 63/​69[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 31.05.2002 – 2 StR 73/​02, NJW 2002, 3264, 3265[]
  11. BGH, Urteil vom 09.09.2004 – 4 StR 199/​04; Urteil vom 07.12 2005 – 1 StR 287/​05, NStZ 2006, 275, 276; Urteil vom 12.01.2012 – 4 StR 290/​11, NStZ 2012, 439, 440[]