Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin – und der Aus­schluss des Ange­klag­ten

Der zeit­wei­se Aus­schluss des Ange­klag­ten ist stets durch förm­li­chen Gerichts­be­schluss anzu­ord­nen, der zu begrün­den und zu ver­kün­den ist. Ein Beschluss wird nicht ent­behr­lich, weil alle Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten mit der Anord­nung ein­ver­stan­den sind 1.

Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin – und der Aus­schluss des Ange­klag­ten

Soweit der 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in sei­nem Urteil vom 30.08.2000 2 erwo­gen hat, dass ande­res in Fall­kon­stel­la­tio­nen gel­ten könn­te, in denen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Abwe­sen­heits­ver­hand­lung zwei­fels­frei vor­lie­gen und das Ein­ver­ständ­nis des Ange­klag­ten auf der Aner­ken­nung die­ser ver­fah­rens­recht­lich ein­deu­ti­gen Situa­ti­on beruht, könn­te der 2. Straf­se­nat dem nicht fol­gen.

Der Ange­klag­te kann nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, von der abzu­rü­cken kein Anlass besteht, nicht wirk­sam auf sei­ne vom Gesetz vor­ge­schrie­be­ne Anwe­sen­heit ver­zich­ten 3.

Der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO i.V.m. § 247 StPO liegt daher auch in sol­chen Fäl­len vor, selbst wenn der Ange­klag­te frei­wil­lig den Raum ver­las­sen hat. Auch in sol­chen Fäl­len war er ent­ge­gen § 247 StPO von der Ver­neh­mung der Zeu­gin aus­ge­schlos­sen, ohne dass dies durch einen durch den gesam­ten Spruch­kör­per gefass­ten und mit Grün­den ver­se­he­nen Beschluss ange­ord­net wor­den wäre 4. Ein begrün­de­ter Beschluss ist auch dann erfor­der­lich, wenn alle Betei­lig­ten ein­schließ­lich des Ange­klag­ten mit sei­ner Ent­fer­nung ein­ver­stan­den sind; die not­wen­di­ge Anwe­sen­heit des Ange­klag­ten wäh­rend wesent­li­cher Tei­le der Haupt­ver­hand­lung steht nicht zur Dis­po­si­ti­on der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten 5.

Inso­weit bedarf es für die Ver­fah­rens­rüge auch kei­ner Aus­füh­run­gen zum Aus­sa­ge­inhalt der in Abwe­sen­heit des Ange­klag­ten durch­ge­führ­ten Ver­neh­mung der Neben­klä­ge­rin. Bei der Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin als zen­tra­ler Belas­tungs­zeu­gin bedarf es – selbst im Fal­le ihrer wie­der­hol­ten Ver­neh­mung – kei­ner Dar­le­gun­gen zum wesent­li­chen Aus­sa­ge­inhalt 6.

Ande­res folgt auch nicht aus dem Umstand, dass das Land­ge­richt das Ver­fah­ren im Hin­blick auf die dem Ange­klag­ten zur Last lie­gen­den Tat­vor­wür­fe des sexu­el­len Miss­brauchs zum Nach­teil des Bru­ders der Zeu­gin gemäß § 154 Abs. 2 StPO ein­ge­stellt hat. § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO ver­pflich­tet auch in einer sol­chen Ver­fah­rens­kon­stel­la­ti­on nicht zu der (pau­scha­len) Mit­tei­lung, dass die in Abwe­sen­heit des Ange­klag­ten erfolg­te Ver­neh­mung der Zeu­gin jeden­falls auch auf die spä­ter zur Ver­ur­tei­lung gelang­ten Fäl­le bezo­gen war 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. August 2018 – 2 StR 172/​18

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 15.08.2001 – 3 StR 225/​01, NStZ 2002, 44, 45[]
  2. BGH, Urteil vom 30.08.2000 5 StR 268/​00, NStZ 2001, 48[]
  3. BGH, Beschluss vom 15.08.2001 – 3 StR 225/​01, NStZ 2002, 44, 45 – für den Fall einer feh­len­den Begrün­dung des Beschlus­ses; sie­he auch Urteil vom 30.08.2000 – 5 StR 268/​00, BGHR StPO § 247 Abwe­sen­heit 22; BGH, Urteil vom 06.12 1967 – 2 StR 616/​67, BGHSt 22, 18, 20[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 24.06.2014 – 3 StR 194/​14, NStZ 2015, 103, 104; LRStPO/​Becker, 26. Aufl., § 247 Rn. 28[]
  5. BGH, Beschluss vom 06.02.1993 – 4 StR 35/​91, NStZ 1991, 296; Beschluss vom 15.08.2001 – 3 StR 225/​01, NStZ 2002, 44, 45[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 11.03.2014 – 1 StR 711/​13, NStZ 2014, 532, 533; Beschluss vom 23.09.2014 – 4 StR 302/​14, NStZ 2015, 104, 105[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 09.05.2018 – 2 StR 543/​17[]