Bin­dung an das Straf­ur­teil im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Nach § 58 Abs. 1 Satz 1 LDG Bbg, der wört­lich mit § 57 Abs. 1 Satz 1 BDG über­ein­stimmt, sind die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Urteils im Straf­ver­fah­ren im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, das den­sel­ben Sach­ver­halt zum Gegen­stand hat, für das Ver­wal­tungs­ge­richt bin­dend. Die­se Bin­dungs­wir­kung soll ver­hin­dern, dass zu ein- und dem­sel­ben Sach­ver­halt unter­schied­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den.

Bin­dung an das Straf­ur­teil im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Der Gesetz­ge­ber hat sich dafür ent­schie­den, die Auf­klä­rung eines sowohl straf­recht­lich als auch dis­zi­pli­nar­recht­lich bedeut­sa­men Sach­ver­halts sowie die Sach­ver­halts- und Beweis­wür­di­gung den Straf­ge­rich­ten zu über­tra­gen. Dem liegt die Annah­me zugrun­de, dass tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen, die ein Gericht auf der Grund­la­ge eines Straf­pro­zes­ses mit sei­nen beson­de­ren rechts­staat­li­chen Siche­run­gen trifft, eine erhöh­te Gewähr der Rich­tig­keit bie­ten.

Daher haben die Ver­wal­tungs­ge­rich­te die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils ihrer Ent­schei­dung unge­prüft zugrun­de zu legen, soweit die Bin­dungs­wir­kung reicht. Sie sind inso­weit weder berech­tigt noch ver­pflich­tet, eige­ne Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Die Bin­dungs­wir­kung ent­fällt nur, wenn die straf­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen offen­kun­dig unrich­tig sind 1.

Die Begren­zun­gen der gesetz­lich ange­ord­ne­ten Bin­dungs­wir­kung erge­ben sich aus deren tra­gen­dem Grund: Die erhöh­te Rich­tig­keits­ge­währ der Ergeb­nis­se des Straf­pro­zes­ses kann nur für die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils ange­nom­men wer­den, die sich auf die Tat­be­stands­merk­ma­le der gesetz­li­chen Straf­norm bezie­hen. Die Fest­stel­lun­gen müs­sen ent­schei­dungs­er­heb­lich für die Beant­wor­tung der Fra­ge sein, ob der objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Straf­tat­be­stand erfüllt ist. Im Fal­le einer Ver­ur­tei­lung müs­sen sie die­se tra­gen. Dage­gen bin­den Fest­stel­lun­gen nicht, auf die es für die Ver­ur­tei­lung nicht ankommt 2.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­se inhalt­li­che Begren­zung der gesetz­lich ange­ord­ne­ten Bin­dungs­wir­kung beach­tet. Es hat die Fest­stel­lun­gen des Straf­ur­teils zu den unge­fähr 80 bei­sei­te geschaff­ten Akten über nicht erle­dig­te Ver­fah­ren, auf die es den erschwe­ren­den Umstand des Han­delns aus Eigen­nutz bzw. in Ver­schleie­rungs­ab­sicht gestützt hat, aus­drück­lich als "nicht bin­dend" bezeich­net. Viel­mehr hat es die­se Fest­stel­lun­gen mit der Begrün­dung ver­wer­tet, die Beklag­te habe sie nicht in Fra­ge gestellt.

Die Fra­ge, ob ein erschwe­ren­der Umstand, der dem Beam­ten in der Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift nicht als Pflich­ten­ver­stoß zur Last gelegt wird, bei der Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me berück­sich­tigt wer­den darf, kann, soweit hier ent­schei­dungs­er­heb­lich, auf­grund der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ohne Durch­füh­rung eines Revi­si­ons­ver­fah­rens beant­wor­tet wer­den.

Nach § 53 Abs. 1 Satz 2 LDG Bbg, der wört­lich mit § 52 Abs. 1 Satz 2 BDG über­ein­stimmt, muss die Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift unter ande­rem die Tat­sa­chen, in denen ein Dienst­ver­ge­hen gese­hen wird, und die ande­ren Tat­sa­chen und Beweis­mit­tel, die für die Ent­schei­dung bedeut­sam sind, geord­net dar­stel­len. Die Kla­ge­schrift muss die Sach­ver­hal­te, aus denen das Dienst­ver­ge­hen her­ge­lei­tet wird, aus sich her­aus ver­ständ­lich dar­le­gen. Ort und Zeit der ein­zel­nen Hand­lun­gen müs­sen mög­lichst genau ange­ge­ben, die Gesche­hens­ab­läu­fe müs­sen nach­voll­zieh­bar beschrie­ben wer­den. Nur eine der­ar­ti­ge Kon­kre­ti­sie­rung der dis­zi­pli­na­ri­schen Vor­wür­fe ermög­licht dem Beam­ten eine sach­ge­rech­te Ver­tei­di­gung. Dar­an anknüp­fend bestimmt § 61 Abs. 2 Satz 1 LDG Bbg (§ 60 Abs. 2 Satz 1 BDG), dass bei einer Dis­zi­pli­nark­la­ge nur Hand­lun­gen zum Gegen­stand einer Urteils­fin­dung gemacht wer­den dür­fen, die dem Beam­ten in der Kla­ge oder in der Nach­trags­dis­zi­pli­nark­la­ge zur Last gelegt wer­den 3.

Aus die­sen Rege­lun­gen folgt, dass Streit­ge­gen­stand des Dis­zi­pli­nark­la­ge­ver­fah­rens der Anspruch des Dienst­herrn ist, gegen den ange­schul­dig­ten Beam­ten die erfor­der­li­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me für die in der Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift zur Last geleg­ten Hand­lun­gen zu bestim­men. Die­ser Dis­zi­pli­nar­an­spruch besteht, wenn der Beam­te die ange­schul­dig­ten Hand­lun­gen nach der Über­zeu­gung des Gerichts ganz oder teil­wei­se vor­sätz­lich oder fahr­läs­sig began­gen hat, die nach­ge­wie­se­nen Hand­lun­gen als Dienst­ver­ge­hen zu wür­di­gen sind, und dem Aus­spruch der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me kein recht­li­ches Hin­der­nis ent­ge­gen­steht 4.

Soweit kei­ne Bin­dung an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils besteht, klä­ren die Ver­wal­tungs­ge­rich­te nach § 86 Abs. 1 VwGO, § 59 Abs. 1 LDG Bbg (§ 58 Abs. 1 BDG) auf, ob der Beam­te die ihm in der Dis­zi­pli­nark­la­ge­schrift als Dienst­ver­ge­hen vor­ge­wor­fe­nen Hand­lun­gen began­gen hat. Es hat die­je­ni­gen Maß­nah­men zur Sach­auf­klä­rung zu ergrei­fen, die sich nach Lage der Din­ge auf­drän­gen, und wür­digt die Bewei­se. Eine Bin­dung an die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen und dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Wer­tun­gen des Dienst­herrn besteht nicht 5.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Okto­ber 2014 – 2 B 60.2014 -

  1. stRspr; vgl. nur Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 = Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr.19 jeweils Rn. 13[]
  2. BVerwG, Urtei­le vom 08.04.1986 – 1 D 145.85, BVerw­GE 83, 180; und vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 29, inso­weit in Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3 nicht abge­druckt; Beschluss vom 01.03.2012 – 2 B 120.11 13[]
  3. stRspr; vgl. BVerwG, Urteil vom 25.01.2007 – 2 A 3.05, Buch­holz 235.1 § 52 BDG Nr. 4 Rn. 27 f.[]
  4. BVerwG, Urteil vom 28.07.2011 – 2 C 16.10, BVerw­GE 140, 185 = Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr. 18 jeweils Rn. 17[]
  5. stRspr; vgl. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 a.a.O. Rn.20[]
  6. vom 29.06.2004, GVBl. S. 263[]