Pro­zess­kos­ten­hil­fe in 266 Fäl­len

Wird in 266 gleich­ge­la­ger­ten Ver­fah­ren die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt, so ist die­ser Antrag zumin­dest in 265 Fäl­len mut­wil­lig, weil eine wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­hi­ge Par­tei die Ver­fah­ren nicht par­al­lel in getrenn­ten Ver­fah­ren betrei­ben wür­de.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe in 266 Fäl­len

Von der Fra­ge der Mut­wil­lig­keit im Sin­ne von § 114 Satz 1 ZPO wird in ers­ter Linie die ver­fah­rens­mä­ßi­ge Gel­tend­ma­chung des Anspruchs betrof­fen [1]. Eine Rechts­ver­fol­gung ist mut­wil­lig, wenn eine wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­hi­ge, also nicht bedürf­ti­ge Par­tei bei sach­ge­rech­ter und ver­nünf­ti­ger Ein­schät­zung der Pro­zess­la­ge von ihr Abstand neh­men oder ihre Rech­te nicht in glei­cher Wei­se ver­fol­gen wür­de, weil ihr ein kos­ten­güns­ti­ge­rer Weg offen­steht und die­ser Weg genau­so Erfolg ver­spre­chend ist [2]. Mut­wil­lig­keit im Sin­ne von § 114 Satz 1 ZPO liegt des­halb regel­mä­ßig vor, wenn eine Par­tei kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Sach­grün­de dafür vor­bringt, war­um sie eine Mehr­zahl von Ansprü­chen nicht in einer Kla­ge gel­tend macht, oder nicht plau­si­bel erklärt, aus wel­chen Grün­den sie einen neu­en Pro­zess anstrengt, obwohl sie das glei­che Kla­ge­ziel kos­ten­güns­ti­ger im Wege der Erwei­te­rung einer bereits anhän­gi­gen Kla­ge hät­te errei­chen kön­nen [3]. Ein sein Kos­ten­ri­si­ko ver­nünf­tig abwä­gen­der Klä­ger, der die Pro­zess­kos­ten aus eige­nen Mit­teln finan­zie­ren muss, wird ein Ver­fah­ren nicht (wei­ter) betrei­ben, solan­ge die­sel­ben (Rechts)Fragen bereits in ande­ren Ver­fah­ren anhän­gig sind (sog. unech­te Mus­ter­ver­fah­ren). Er kann auf die­sem Wege im Fal­le einer in sei­nem Sin­ne posi­ti­ven Ent­schei­dung – die gege­be­nen­falls erst durch das Revi­si­ons­ge­richt getrof­fen wird – vom Aus­gang die­ser Ver­fah­ren pro­fi­tie­ren, ohne selbst einem (wei­te­ren) Kos­ten­ri­si­ko zu unter­lie­gen. Bei einem aus sei­ner Sicht nega­ti­ven Aus­gang des Mus­ter­ver­fah­rens ist er nicht gehin­dert, sein Rechts­schutz­ziel im eige­nen Ver­fah­ren wei­ter zu ver­fol­gen [4]. Die­ses Ver­ständ­nis des Begriffs der Mut­wil­lig­keit ent­spricht auch der ratio legis des § 114 Satz 1 ZPO. Pro­zess­kos­ten­hil­fe kann nur für zweck­ent­spre­chen­de Rechts­ver­fol­gung bezie­hungs­wei­se Rechts­ver­tei­di­gung ver­langt wer­den. Einer Par­tei, die auf Kos­ten der All­ge­mein­heit pro­zes­siert, muss zuge­mu­tet wer­den, zuläs­si­ge Maß­nah­men erst dann vor­zu­neh­men, wenn dies wirk­lich not­wen­dig ist [5].

Dar­an gemes­sen ist die Rechts­ver­fol­gung des Antrag­stel­lers jeden­falls inso­weit mut­wil­lig im Sin­ne von § 114 Satz 1 ZPO, als er beab­sich­tigt, sämt­li­che Ent­schä­di­gungs­pro­zes­se getrennt und gleich­zei­tig zu betrei­ben. Da die Ver­fah­ren in einem engen sach­li­chen Zusam­men­hang ste­hen, den­sel­ben Beklag­ten betref­fen und die Aus­gangs­ver­fah­ren vom Land­ge­richt nach „dem­sel­ben Sche­ma“ bear­bei­tet wur­den, kann der Antrag­stel­ler durch Betrei­ben (und gege­be­nen­falls Erwei­te­rung) des Ver­fah­rens 6 SchH 1/​13, in dem ihm Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wur­de, die zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Fra­gen abschlie­ßend klä­ren las­sen. Dabei geht es ins­be­son­de­re um die Fra­ge, ob bei der Bestim­mung der ange­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er nach § 198 Abs. 1 Satz 1 GVG und der Bemes­sung des Ent­schä­di­gungs­be­trags nach § 198 Abs. 2 Satz 3 und 4 GVG eine Ein­zel­fall­be­trach­tung oder eine Gesamt­be­trach­tung (über das jewei­li­ge Ver­fah­ren hin­aus) gebo­ten ist. Geht das Mus­ter­ver­fah­ren im Sin­ne des Antrag­stel­lers aus und wird ihm – gege­be­nen­falls nach Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts – ein Ent­schä­di­gungs­be­trag zuge­spro­chen, bie­tet die­se Ver­fah­rens­wei­se den Vor­teil, dass nach (höchst­rich­ter­li­cher) Klä­rung der für das Zuspre­chen der Ent­schä­di­gung maß­geb­li­chen Kri­te­ri­en es mög­li­cher­wei­se nicht mehr not­wen­dig sein wird, zur Durch­set­zung der jewei­li­gen Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che den Rechts­weg zu beschrei­ten. Durch das kos­ten­spa­ren­de Füh­ren eines Mus­ter­ver­fah­rens in dem dar­ge­leg­ten Sinn erlei­det der Antrag­stel­ler kei­nen Nach­teil. Ihm steht ein dau­er­haft sol­ven­ter Antrags­geg­ner gegen­über. Es droht kei­ne Ver­jäh­rung. Im Hin­blick dar­auf, dass die sechs­mo­na­ti­ge Kla­ge­frist des § 198 Abs. 5 Satz 2 GVG erst mit der Rechts­kraft der Ent­schei­dung im Aus­gangs­ver­fah­ren oder mit einer ande­ren Erle­di­gung die­ses Ver­fah­rens beginnt, ver­bleibt in jedem Fall noch aus­rei­chend Zeit, Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che gege­be­nen­falls gericht­lich durch­zu­set­zen.

Nach allem ist es dem Antrag­stel­ler zuzu­mu­ten, die Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren 6 SchH 2/​13 bis 6 SchH 266/​13 ruhend zu stel­len, bis die rele­van­ten (Recht‑s)Fragen in dem Par­al­lel­ver­fah­ren 6 SchH 1/​13 geklärt sind. Dabei kann dahin­ste­hen, ob der Antrag­stel­ler – wie das Ober­lan­des­ge­richt meint – von Anfang an gehal­ten war, sämt­li­che Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che in einer Kla­ge gemäß § 260 ZPO zusam­men­zu­fas­sen, oder ob nach­voll­zieh­ba­re Grün­de dafür spre­chen, die getrenn­te Kla­ge­er­he­bung aus­nahms­wei­se nicht als mut­wil­lig im Sin­ne von § 114 Satz 1 ZPO anzu­se­hen [6].

Der Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren steht nicht ent­ge­gen, dass das Ober­lan­des­ge­richt die Rechts­be­schwer­de zuge­las­sen hat. Grund­satz­be­deu­tung im Sin­ne von § 574 Abs. 2 Nr. 1 ZPO hat eine Rechts­sa­che nach der her­kömm­li­chen Defi­ni­ti­on, wenn sie eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, klä­rungs­be­dürf­ti­ge und klä­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl von Fäl­len stel­len kann [7]. Dar­an fehlt es hier. Ent­schei­dungs­er­heb­lich ist allein die Fra­ge, ob der Antrag­stel­ler dar­auf ver­wie­sen wer­den kann, die­je­ni­gen Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, in denen ihm Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sagt wur­de, vor­über­ge­hend ruhend zu stel­len und den Aus­gang des „Pilot­ver­fah­rens“ abzu­war­ten. Inso­weit erge­ben sich kei­ne zwei­fel­haf­ten oder noch offe­nen Rechts­fra­gen, die einer Klä­rung durch höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung bedürf­ten. Viel­mehr kann die­se Fra­ge anhand der gesetz­li­chen Rege­lung und der vor­lie­gen­den Recht­spre­chung beant­wor­tet wer­den, so dass auch unter dem Gesichts­punkt der Rechts­schutz­gleich­heit (Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 3 GG) die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht gebo­ten ist [8]. Es kommt daher für die Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­wäh­rung allein auf die Erfolgs­aus­sich­ten der Rechts­be­schwer­de in der Sache selbst an, die bereits im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren beur­teilt wer­den kön­nen [9]. Sol­che Erfolgs­aus­sich­ten bestehen – wie dar­ge­legt – nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Novem­ber 2013 – III ZA 28/​13

  1. vgl. BAG, NJW 2011, 1161 Rn. 8[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 10.03.2005 – XII ZB 20/​04, NJW 2005, 1497 f; und vom 06.12 2010 – II ZB 13/​09, NZI 2011, 104 Rn. 8; sie­he auch BAG aaO Rn. 9; HkZPO/​Pukall, 5. Aufl., § 114 Rn.19; Musielak/​Fischer, ZPO, 10. Aufl., § 114 Rn. 30; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., § 114 Rn. 30, 34 f[]
  3. BAG aaO Rn. 9; OLG Nürn­berg, Beck­RS 2010, 30507 jeweils mwN[]
  4. vgl. BVerfG, NJW 2010, 988 Rn. 10 f; Zöller/​Geimer aaO Rn. 12a[]
  5. Zöller/​Geimer aaO § 114 Rn. 30[]
  6. dazu OLG Nürn­berg aaO unter II. 2.d[]
  7. vgl. nur BGH, Beschluss vom 01.10.2002 – IX ZR 71/​02, NJW 2003, 65, 68 mwN; HkZPO/​Kayser/​Koch aaO § 543 Rn. 6[]
  8. vgl. BVerfG, NJW 1991, 413, 414; NJW 2010, 1657 Rn. 17[]
  9. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 11.09.2002 – VIII ZR 235/​02, NJW-RR 2003, 130 f; und vom 16.07.2003 – IV ZR 73/​03, ZEV 2003, 416, 417[]