Meh­re­re Kün­di­gun­gen in einem Ver­fah­ren – und der Streit­wert

Wei­te­re Bestands­schutz­an­trä­ge neben einem unbe­fris­te­ten Fort­be­stands­be­geh­ren füh­ren nicht zu einer wirt­schaft­li­chen Wert­häu­fung und damit nicht zu einer Addi­ti­on der Wer­te der ein­zel­nen Bestands­schutz­an­trä­ge 1.

Meh­re­re Kün­di­gun­gen in einem Ver­fah­ren – und der Streit­wert

Die­se Recht­spre­chung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg 2 steht zwar nicht im Ein­klang mit den – unver­bind­li­chen – Vor­schlä­gen ("Streit­wert­ka­ta­log") der von den Prä­si­den­ten der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te ein­ge­rich­te­ten Streit­wert­kom­mis­si­on 3. Die­sen Vor­schlä­gen ver­mag das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg jedoch nicht zu fol­gen. Denn die gegen­tei­li­gen, nicht näher begrün­de­ten Auf­fas­sun­gen im Streit­wert­ka­ta­log sind nach Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg mit tra­gen­den Grund­sät­zen des Streit­wert­rechts nicht ver­ein­bar.

So gilt bezüg­lich der Pro­ble­ma­tik der Addi­ti­on der Wer­te meh­re­rer in einem Ver­fah­ren ange­grif­fe­ner Been­di­gungs­ak­te:

  • Jeder Antrag ist (zunächst) iso­liert zu bewer­ten; erst anschlie­ßend stellt sich die Fra­ge der Wer­tead­di­ti­on (arg. § 39 Abs. 1 GKG) 4
  • Die Bewer­tung erfolgt für jedes Ver­fah­ren getrennt; eine pro­zess­über­grei­fen­de Berück­sich­ti­gung fin­det nicht statt (arg. § 39 Abs. 1 GKG) 5 ))
  • Maß­geb­lich ist nicht der zivil­pro­zes­sua­le Streit­ge­gen­stands­be­griff, son­dern der kos­ten­recht­li­che Begriff des Gegen­stan­des 6
  • Wert­be­stim­mend für ver­mö­gens­recht­li­che Ansprü­che ist das wirt­schaft­li­che Ziel des­je­ni­gen, der das Ver­fah­ren ein­lei­tet. Dies ist bei einer Bestands­schutz­kla­ge die Erhal­tung der öko­no­mi­schen Lebens­grund­la­ge auf bestimm­te oder – dies ist der Regel­fall – unbe­stimm­te Zeit 7)
  • Die­ses Begeh­ren ist wert­mä­ßig durch § 42 Abs. 3 Satz 1 GKG a.F. (seit 01.08.2013: Abs. 2 Satz 1) gede­ckelt
  • Weitere/​mehrere Bestands­schutz­an­trä­ge neben einem unbe­fris­te­ten Fort­be­stands­be­geh­ren füh­ren nicht zu einer wirt­schaft­li­chen Wert­häu­fung und damit nicht zu einer Addi­ti­on der Wer­te der ein­zel­nen Bestands­schutz­an­trä­ge 8

Dar­aus folgt:

Ent­ge­gen A. I. 17 des Streit­wert­ka­ta­logs kommt eine Bewer­tung des all­ge­mei­nen Fest­stel­lungs­an­trags mit 0 genau­so wenig in Betracht wie eine sol­che ohne Decke­lung. Denn auch ein auf den unbe­fris­te­ten Fort­be­stand des Arbeits­ver­hält­nis­ses gerich­te­ter Fest­stel­lungs­an­trag gemäß § 256 ZPO unter­fällt dem Anwen­dungs­be­reich des § 42 Abs. 3 Satz 1 GKG a.F.. Auch das Abhän­gig­ma­chen der Wer­tig­keit des Antrags gemäß § 256 ZPO von "kon­kret" oder "nicht kon­kret" im Raum ste­hen­den (wei­te­ren) Been­di­gungs­tat­be­stän­den ist nicht sach­ge­recht. Der Schlepp­netz­an­trag ist eine rei­ne Vor­sor­ge­maß­nah­me. Ob und ggf. wie vie­le wei­te­re Been­di­gungs­ak­te im Lau­fe eines Rechts­streits dro­hen, gesetzt und/​oder in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wer­den, ist rein spe­ku­la­tiv und lässt sich erst am Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der jewei­li­gen Instanz sicher beur­tei­len. Für die Bewer­tung kommt es aber gemäß § 40 GKG auf den Zeit­punkt der den jewei­li­gen Streit­ge­gen­stand betref­fen­den Antrag­stel­lung, die den Rechts­zug ein­lei­tet, an.

Wie der wei­te­re punk­tu­el­le Kün­di­gungs­schutz­an­trag gemäß § 4 Satz 1 KSchG bezüg­lich der Fol­ge­kün­di­gung bewirkt auch der all­ge­mei­ne Fest­stel­lungs­an­trag gemäß § 256 ZPO im Ver­hält­nis zum Antrag betref­fend die ers­te Kün­di­gung kei­ne wirt­schaft­li­che Wert­häu­fung, weil der Streit im Sin­ne des § 42 Abs. 3 Satz 1 GKG a.F., also der Gegen­stand im Sin­ne des § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG, unab­hän­gig von der Anzahl der Streit­ge­gen­stän­de im Sin­ne der ZPO auf den Quar­tals­ver­dienst begrenzt ist.

Die hier­ge­gen vor­ge­brach­ten Argu­men­te (meh­re­re punk­tu­el­le Streit­ge­gen­stän­de, unter­schied­li­che Been­di­gungs­tat­be­stän­de, ‑zeit­punk­te und ‑grün­de) sind im Rah­men der Wert­fest­set­zung bei ver­mö­gens­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten uner­heb­lich, weil nicht die Streit­ge­gen­stän­de im Sin­ne der ZPO, son­dern die Gegen­stän­de im Sin­ne des GKG zu bewer­ten sind.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 14. Novem­ber 2013 – 5 Ta 135/​13

  1. wie BAG 6.12.1984 – 2 AZR 754/​79 []
  2. LAG Baden-Würt­tem­berg 9.09.2010 – 5 Ta 108/​09[]
  3. dort unter A. I. 17 und 19, vgl. Bader-Jör­chel NZA 2013, 809 ff.[]
  4. BAG 6.12.1984 – 2 AZR 754/​79 (B); BGH 2.11.2005 – XII ZR 137/​05; 22.02.2006 – XII ZR 134/​03[]
  5. BAG 19.10.2010 – 2 AZN 134/​10 ((A[]
  6. BGH 6.10.2004 – IV ZR 287/​03[]
  7. BAG 6.12.1984 – 2 AZR 754/​79 (B[]
  8. BAG 6.12.1984 – 2 AZR 754/​79 (B) []