Fik­ti­ve Bemes­sung des Arbeits­lo­sen­gelds und die Zuord­nung zur Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe

Für die Fest­set­zung des fik­ti­ven Arbeits­ent­gelts ist der Arbeits­lo­se der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe zuzu­ord­nen, die der beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on ent­spricht, die für die Beschäf­ti­gung erfor­der­lich ist, auf die die Agen­tur für Arbeit die Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen für den Arbeits­lo­sen in ers­ter Linie zu erstre­cken hat (§ 132 Abs 2 S 1 SGB III aF).

Fik­ti­ve Bemes­sung des Arbeits­lo­sen­gelds und die Zuord­nung zur Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe

Gemäß § 132 Abs 2 S 2 SGB III aF ist dabei zugrun­de zu legen für Beschäf­ti­gun­gen, die

  1. eine Hoch­schul- oder Fach­hoch­schul­aus­bil­dung erfor­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 1), ein Arbeits­ent­gelt in Höhe von 1/​300 der Bezugs­grö­ße,
  2. einen Fach­schul­ab­schluss, den Nach­weis über eine abge­schlos­se­ne Qua­li­fi­ka­ti­on als Meis­ter oder einen Abschluss in einer ver­gleich­ba­ren Ein­rich­tung erfor­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 2), ein Arbeits­ent­gelt in Höhe von 1/​360 der Bezugs­grö­ße,
  3. eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung in einem Aus­bil­dungs­be­ruf erfor­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 3), ein Arbeits­ent­gelt in Höhe von 1/​450 der Bezugs­grö­ße,
  4. kei­ne Aus­bil­dung erfor­dern (Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 4), ein Arbeits­ent­gelt in Höhe von 1/​600 der Bezugs­grö­ße.

Die Höhe des nach § 132 Abs 2 SGB III aF anzu­set­zen­den fik­ti­ven Arbeits­ent­gelts ist – dem Gesetz fol­gend – in meh­re­ren Schrit­ten zu prü­fen. In wel­che der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen der Arbeits­lo­se ein­zu­stu­fen ist, bestimmt sich

  1. in ers­ter Linie gemäß § 132 Abs 2 S 1 SGB III aF nach der Beschäf­ti­gung, auf die die Agen­tur für Arbeit die Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen für den Arbeits­lo­sen – unter Berück­sich­ti­gung des in Betracht kom­men­den Arbeits­an­ge­bots – zu erstre­cken hat (1. Prü­fungs­schritt).
  2. Ist die Beschäf­ti­gung iS von § 132 Abs 2 S 1 SGB III aF fest­ge­stellt wor­den, ist sie einer der vier Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen zuzu­ord­nen (2. Prü­fungs­schritt).

Die Zuord­nung der Beschäf­ti­gung zu den Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen macht § 132 Abs 2 S 2 SGB III aF aus­drück­lich davon abhän­gig, dass ent­spre­chen­de for­mel­le Berufs­ab­schlüs­se vor­lie­gen bzw für eine Aus­übung der Beschäf­ti­gung vor­ge­schrie­ben sind ("erfor­dern"). Dem­ge­mäß kommt es nach der Recht­spre­chung des BSG für die Zuord­nung zu der jewei­li­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe grund­sätz­lich dar­auf an, ob der Arbeits­lo­se tat­säch­lich über den für die ange­streb­te Beschäf­ti­gung erfor­der­li­chen förm­li­chen Berufs­ab­schluss ver­fügt 1. Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen des § 132 Abs 2 S 2 SGB III sind ihrer Grund­struk­tur nach so ange­legt, dass einem bestimm­ten Aus­bil­dungs­ni­veau des Betrof­fe­nen ein bestimm­tes Ent­gelt zuge­ord­net ist 2. Zwar muss eine in der Ver­gan­gen­heit erwor­be­ne beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on nicht immer allein maß­geb­lich dafür sein, auf wel­che künf­ti­gen Beschäf­ti­gun­gen die Agen­tur für Arbeit ihre Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen zu erstre­cken hat; den­noch wird in der Regel die Fest­stel­lung der in Betracht kom­men­den Beschäf­ti­gung in hohem Maße von dem förm­li­chen Berufs­ab­schluss bestimmt 3. Offen blei­ben kann, ob bei der Zuord­nung außer dem ursprüng­li­chen Berufs­ab­schluss – ein­schließ­lich erfolg­reich absol­vier­ter Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men – eine tat­säch­lich aus­ge­üb­te höher­wer­ti­ge Tätig­keit ent­schei­dend sein kann, wenn eine Ver­mitt­lung in eine ent­spre­chen­de Beschäf­ti­gung – auf­grund der bis­he­ri­gen Tätig­keit – rea­lis­tisch erscheint 4. Denn eine sol­che Fall­ge­stal­tung liegt hier nicht vor.

Im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war die Klä­ge­rin zuletzt bis zum 16.08.2004 als Phar­ma­re­fe­ren­tin im Außen­dienst ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt. Pharmaberaterin/​Pharmareferentin ist kei­ne Berufs‑, son­dern eine Tätig­keits­be­zeich­nung, die eine typi­sche (Mindest-)Sachkenntnis ver­langt, um Ange­hö­ri­ge von Heil­be­ru­fen ent­spre­chend infor­mie­ren zu kön­nen 5. Als sol­che durf­te die Klä­ge­rin gemäß § 75 Abs 1 S 1 AMG ein­ge­setzt wer­den, weil sie die in Abs 2 die­ser Vor­schrift bezeich­ne­te Sach­kennt­nis besaß. Gemäß § 75 Abs 2 AMG besit­zen die erfor­der­li­che Sach­kennt­nis ua Per­so­nen mit einer abge­schlos­se­nen Aus­bil­dung als Tech­ni­sche Assis­ten­ten der Human- oder Vete­ri­när­me­di­zin (MTA; § 75 Abs 2 Nr 2 AMG). Dass die­se Sach­kennt­nis alter­na­tiv auch Apo­the­ker und Per­so­nen mit abge­schlos­se­nem Hoch­schul­stu­di­um besit­zen (§ 75 Abs 2 Nr 1 AMG), ändert nichts dar­an, dass die Tätig­keit als Phar­ma­re­fe­ren­tin eine sol­che Qua­li­fi­ka­ti­on nicht iS des § 132 Abs 2 S 2 SGB III aF "erfor­dert". Aus die­ser Ein­stiegs­qua­li­fi­ka­ti­on kann auch nicht gefol­gert wer­den, der Klä­ge­rin habe damit eine Tätig­keit offen gestan­den, die in "aller Regel" von for­mal höher qua­li­fi­zier­ten Arbeit­neh­mern aus­ge­übt wer­de. Denn § 75 Abs 2 AMG ent­hält kei­ne berufs­grup­pen­spe­zi­fi­sche Rege­lung 6. Ent­schei­dend ist, dass die für die Tätig­keit erfor­der­li­che Sach­kennt­nis nach § 75 Abs 2 Nr 2 AMG auch bei Per­so­nen mit einer abge­schlos­se­nen Aus­bil­dung als MTA vor­liegt.

Nach den Fest­stel­lun­gen hat die 1976 gebo­re­ne Klä­ge­rin von Sep­tem­ber 1998 bis August 2001 – ent­spre­chend der bun­des­weit ein­heit­lich gere­gel­ten Aus­bil­dung eine schu­li­sche Berufs­aus­bil­dung zur Medi­zi­nisch-Tech­ni­schen Labo­ra­to­ri­um­s­as­sis­ten­tin an der Berufs­fach­schu­le W absol­viert. Berufs­fach­schu­len sind beruf­li­che Schu­len mit min­des­tens ein­jäh­ri­ger Dau­er, für deren Besuch kei­ne Berufs­aus­bil­dung oder Berufs­tä­tig­keit vor­aus­ge­setzt wird; ihr Abschluss ist mit­hin dem in § 132 Abs 2 S 2 Nr 2 SGB III aF als Vor­aus­set­zung für die Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 2 genann­ten Fach­schul­ab­schluss nicht ver­gleich­bar. Dass die Klä­ge­rin (ledig­lich) einen Aus­bil­dungs­be­ruf absol­viert hat, wird auch von ihr nicht bestrit­ten. Viel­mehr hat sie mit der Kla­ge­be­grün­dung vom 03.12.2007 zum Beleg die­ser Tat­sa­che das Abschluss­zeug­nis vom 03.08.2001 vor­ge­legt und selbst vor­ge­tra­gen, dass sie allein auf­grund ihrer Berufs­aus­bil­dung der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 3, aber – im Hin­blick auf ihr zuletzt erziel­tes Arbeits­ent­gelt und ihre mehr­jäh­ri­ge Berufs­er­fah­rung – der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 2 zuzu­ord­nen sei. Von Okto­ber 2001 bis 16.08.2004 war die Klä­ge­rin als Phar­ma­re­fe­ren­tin im Außen­dienst bei der Fir­ma M , F, beschäf­tigt. Anschlie­ßend befand sie sich bis 15.09.2007 in Mut­ter­schutz und Eltern­zeit. Einen Fach­schul­ab­schluss, eine Qua­li­fi­ka­ti­on als Meis­ter oder einen ver­gleich­ba­ren Abschluss hat sie wäh­rend die­ser Zeit nicht erzielt; auch berufs­spe­zi­fi­sche Fort- oder Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men sind nicht nach­ge­wie­sen. Die von der Klä­ge­rin als Pharmareferentin/​beraterin aus­ge­üb­te Tätig­keit ent­sprach damit ihrer beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on als MTA.

Die Klä­ge­rin ist auch nicht des­halb in die Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 2 ein­zu­ord­nen, weil sie in ihrer bis­he­ri­gen Berufs­tä­tig­keit ein Gehalt bezo­gen hat, das deut­lich über dem fik­ti­ven Bemes­sungs­ent­gelt nach der Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pe 3 liegt. Denn das bis­lang erziel­te oder künf­tig kon­kret erziel­ba­re Arbeits­ent­gelt ist nach § 132 Abs 2 SGB III aF uner­heb­lich 7.

Die ab 1.01.2005 erfolg­te Abkehr von der aus­schließ­li­chen Ori­en­tie­rung am indi­vi­du­ell erziel­ba­ren Arbeits­ent­gelt (§ 133 Abs 4 SGB III aF) und die Hin­wen­dung zu einem pau­scha­lie­ren­den Sys­tem der Fik­tiv­be­rech­nung des Bemes­sungs­ent­gelts ein­schließ­lich der damit ver­bun­de­nen Äqui­va­lent­ab­wei­chun­gen unter­lie­gen im vor­lie­gen­den Fall auch kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken; die Bemes­sung des Alg nach Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen ver­stößt nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht 8. Die aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bekann­te Ermitt­lung fik­ti­ver Ent­gel­te anhand der Ein­stu­fung in Qua­li­fi­ka­ti­ons­grup­pen (vgl § 256b Abs 1, § 256c Abs 3 SGB VI) stellt wegen der in der Regel bestehen­den Abhän­gig­keit zwi­schen beruf­li­cher Qua­li­fi­ka­ti­on und Ver­dienst­mög­lich­kei­ten eine geeig­ne­te Metho­de dar, um jeden­falls in der über­wie­gen­den Mehr­heit der Fäl­le zu einem ange­mes­se­nen Ergeb­nis zu kom­men 9. Aus Grün­den der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung konn­te der Gesetz­ge­ber auch davon aus­ge­hen, dass unter Beach­tung des Zusam­men­hangs der beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on mit den Ver­dienst­mög­lich­kei­ten eine Pau­scha­lie­rung zu kei­nen schwer­wie­gen­den Här­ten füh­ren wür­de.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 4. Juli 2012 – B 11 AL 21/​11 R

  1. vgl BSG, Urteil vom 03.12.2009 – B 11 AL 42/​08 R, BSGE 105, 94 = SozR 44300 § 132 Nr 4, RdNr 15; BSG, Urteil vom 18.05.2010 – B 7 AL 49/​08 R – SozR 44300 § 122 RdNr 18; eben­so LSG NRW, Urteil vom 09.02.2012 – L 9 AL 12/​11[]
  2. vgl Mar­sch­ner in GKSGB III, § 132 RdNr 9, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung April 2006[]
  3. Rolfs in Gagel, SGB II/​SGB III, § 132 SGB III RdNr 7, 8; Coseriu/​Jakob in Mutsch­ler/Bart­z/­Schmidt-De Calu­we, SGB III, 3. Aufl 2008, § 132 RdNr 15; ähn­lich: Roki­ta in Schönefelder/​Kranz/​Wanka, SGB III-Arbeits­för­de­rung, § 132 RdNr 29, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juli 2006[]
  4. so: Beh­rend in Eicher/​Schlegel, SGB III, § 132 RdNr 29, 33, 38, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Janu­ar 2006 bzw März 2007; Roki­ta in Schönefelder/​Kranz/​Wanka, SGB III-Arbeits­för­de­rung, § 132 RdNr 32, 33[]
  5. vgl dazu näher auch LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 23.01.2009 – L 4 R 738/​06[]
  6. vgl auch LSG Baden-Würt­tem­berg, Urtei­le vom 08.10.2010 – L 4 Kr 5196/​08; und vom 23.01.2009 – L 4 R 738/​06; LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 26.08.2011 – L 3 R 142/​09[]
  7. vgl BSGE 100, 295 = SozR 44300 § 132 Nr 1, RdNr 50 ff; BSGE 105, 94 = SozR 44300 § 132 Nr 4, RdNr 18 ff; SozR 44300 § 132 Nr 7 RdNr 29; eben­so zutref­fend LSG NRW vom 09.02.2012 – L 9 AL 12/​11[]
  8. BSGE 100, 295 = SozR 44300 § 132 Nr 1; BSG SozR 44300 § 132 Nr 3; BSG SozR 44300 § 132 Nr 7 RdNr 24 ff[]
  9. vgl ua Mai­sch­ner in Gemein­schafts­komm, SGB III, § 132 RdNr 7, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2010; Val­go­lio in Hauck/​Noftz, SGB III, K § 132 RdNr 37, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Sep­tem­ber 2010[]